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Warten auf den Goldenen Plan 3.0

Der Sanierungsstau bei Sportstätten ist groß. In die Debatte kommt aber Bewegung

Von Andreas Müller
Der Sportpark Paulshöhe in Schwerin wurde am 20. August 1922 eingeweiht. Weil über eine Sanierung noch immer nur geredet wird, könnte das Areal den 100. Geburtstag nicht mehr erleben.

Er sei wohl »etwas zu optimistisch« gewesen, gesteht Michael Palmen. Der Sprecher des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) in Bonn hatte vor einigen Wochen angekündigt, noch in diesem Herbst würden die Ergebnisse einer bundesweiten Bäderanalyse vorliegen. Zwar haben die vom BISp beauftragten Wissenschaftler inzwischen eine Zusammenschau sämtlicher Bäder zwischen Ost-, Nord- und Bodensee besorgt. Aber dieser äußere Rahmen muss noch sukzessive mit den Informationen über den Charakter der Bäder, ihre Größe, Wasserfläche sowie mit den Echtzeitdaten über viele weitere Parameter wie die Nutzung der Bäder und Aussagen über deren baulichen Zustand komplettiert werden.

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Es kann demzufolge locker noch ein Jahr ins Land gehen, ehe das große Puzzle vollständig ist, und sich dann in der Addition seriös errechnen lässt, welche Summen für die Sanierung, Instandsetzung und Erneuerung sämtlicher Bäder in Deutschland benötigt werden. »Wir haben aktuell über 9000 Bäder und Badstellen identifiziert, alles in eine Datenbank gepackt und mehr als 100 Merkmale definiert, die man theoretisch für jedes Bad erheben sollte«, erklärt Professor Lutz Thieme von der federführenden Universität Koblenz den Stand der Dinge. Ende November werde das weiterführende Informationssystem gestartet und damit begonnen, die Datenbank über »Bad-Paten« kontinuierlich aufzufüllen.

Der »Sportstätten-Atlas« soll den Sanierungsbedarf abbilden

Steht zu hoffen, dass der Zeitplan fürs nächste Großprojekt »Digitaler Sportstätten-Atlas«, der laut BISp-Sprecher Palmen 2024 oder 2025 fertig sein soll, stabil bleibt. Für diese dringend benötigte Übersicht über sämtliche Sportanlagen, -plätze und -hallen in der Bundesrepublik ist die Bäderanalyse so etwas wie der Testlauf und die erste Etappe. Der Sportstätten-Atlas, für den die wissenschaftliche Ausschreibung unmittelbar bevorsteht, soll aufs nasse Element aufbauen und im Ergebnis den ersten gesamtdeutschen Sportstättenreport hervorbringen. Bisher allerdings halten sich die Bundesländer, von Ausnahmen abgesehen, mit Zuarbeiten auf diesem weiten Feld vornehm zurück. Sachsen-Anhalt immerhin ist nach Auskunft seines Landessportbundes (LSB) derzeit fleißig dabei, »mithilfe einer objektiven Bewertungsmatrix« den Bauzustand der im Land registrierten rund 3100 Anlagen zu ermitteln. Das Resultat und damit Kenntnisse über den Sanierungsbedarf sollen im März 2021 vorliegen.

Würden sich alle 16 Bundesländer derart ins Zeug legen, wäre der Weg zu einem nationalen Sportstätten-Atlas um vieles leichter. Doch das ist eher ein frommer Wunsch, wissen sportpolitische Beobachter und in Ehren ergraute Funktionäre. Eher sind die politisch Verantwortlichen weiterhin an Verzögerungen interessiert. Wer lässt sich schon gern nachweisen, dass er wichtige Hausaufgaben nicht erledigt hat? Denn Sportstätten sind nun mal in erster Linie Ländersache. Eine Aufstellung über Versäumnisse, noch dazu in Euro und Cent, birgt Sprengkraft. Eine Erhebung des tatsächlichen Sanierungsbedarfs »ist politisch wahrscheinlich gar nicht gewollt«, sagt Rolf Müller, seit mehr als 20 Jahren Präsident des LSB Hessen. »Die Summe ist wahrscheinlich so groß wie der Schreck, den sie verursacht.«

Immerhin soll die lange Zeit der Schätzungen und des ewigen Weiterstocherns im Nebel mit dem avisierten Sportstätten-Atlas ein Ende haben. »Wir werden mit diesem Forschungsprojekt zum ersten Mal eine valide Datengrundlage haben, was den tatsächlichen Sanierungsbedarf im gesamten Bundesgebiet anlangt«, ist Michael Palmen überzeugt. Bis es soweit ist, weiß aber niemand präzise zu sagen, wie viel Geld im Kampf gegen marode Bäder und bröckelnde Fassaden von Sporthallen in die Hand genommen werden muss. Immer wieder wird die unerhörte Summe von 42 Milliarden Euro kolportiert. Neuere Zahlen vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) gehen von 31 Milliarden Euro aus.

Mit dieser vom Dachverband ventilierten Riesenzahl existiert zumindest eine grobe Orientierung, eine Folie und Grundlage für die sehr spezielle Sportstätten-Relativitätstheorie. Schließlich gilt es, sämtliche Aufwendungen zur Erhaltung und Gestaltung der bundesweit mehr als 231 000 Sportstätten vor dem Hintergrund dieses vom DOSB geschätzt 31 Milliarden teuren Sanierungsstaus zu betrachten. Erst recht jene gut 853 Millionen Euro an frischem Geld aus dem jüngsten »Investitionspakt Sportstätten« von Bund, Ländern und Kommunen. Drei Viertel des auf fünf Jahre angelegten Pakets übernimmt der Bund: In diesem Jahr fließen 150 Millionen, in den Jahren 2021 bis 2023 jeweils 110 Millionen Euro und 2024 noch einmal 160 Millionen Euro. Das ergibt insgesamt 640 Millionen Euro. Das restliche Viertel sollen Länder und Kommunen stemmen. Eine Konstruktion, die an den Geist des »Goldenen Plans« erinnert, der vor allem in den 60er und 70er Jahren in der Bundesrepublik zu Sanierung und Neubau von Sportstätten beitrug.

Nur entspricht das Gesamtvolumen des neuen »Sportstätten-Pakts« mit seinen 853 Millionen Euro über fünf Jahre gerade mal einem guten Vierzigstel von 31 Milliarden Euro, etwas mehr als 2,5 Prozent des wahrscheinlich Nötigen. Hinzu kommen noch Beihilfen aus dem Bundesprogramm zur »Sanierung kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur« (mit einem Volumen von 1,35 Milliarden Euro seit 2016), das die Länder für Sportstätten anzapfen dürfen, und Mittel aus der Städtebauförderung des Bundes (derzeit 790 Millionen Euro pro Jahr). Summen, die für sich genommen üppig und stolz klingen, erweisen sich im Verhältnis zum eigentlichen Bedarf aber als Peanuts. Und immer wieder werden wie in diesem Jahr die Hoffnungen des organisierten Sports enttäuscht, Bundesinnen- und -sportminister Horst Seehofer (CSU) würde tatsächlich einen neuen »Goldenen Plan« auflegen, wie er bei der DOSB-Vollversammlung im Dezember 2019 vorgaukelte.

»Goldener Plan« für den Osten als billige Kopie des Originals

Menschen, die noch wissen, was es vormals mit diesem schillernden Wort auf sich hatte, können den neuen Sportstätten-Pakt unmöglich als großen Wurf deuten. »Wir freuen uns, dass zusätzliche Mittel für den Sportstättenbau zur Verfügung stehen. Nur so kann versucht werden, den Bedarf an notwendigen Sanierungen und Neubauten zu decken«, sagte zum Beispiel Christian Dahms, Generalsekretär des LSB Sachsen. Um überall im Freistaat optimale Bedingungen zu schaffen, seien allerdings weitaus größere Anstrengungen nötig. »Ansonsten bleiben die Fördermittel ein Tropfen auf den heißen Stein«, so Dahms. Christian Siegel, Ressortleiter Sportstätten beim DOSB, mahnt daher einen langen Atem an. »Es wird darum gehen, durch eine Verstetigung der nun beginnenden Maßnahmen und gemeinsamen Anstrengungen von Bund, Ländern und Kommunen über Jahre den erheblichen Sanierungsstau bei den Sportstätten sukzessive abzubauen. Das ist eine gewaltige Aufgabe. Aber eine mehrjährige Sanierungsoffensive ist dringend notwendig, damit ein wichtiges Stück Lebensqualität in Sportdeutschland erhalten bleibt.«

Was hier eher zurückhaltend und diplomatisch daherkommt, ist dennoch als Appell an die politisch Handelnden leicht zu übersetzen: Um dem weiteren Verfall und Bröckeln zu wehren, führt aus Sicht der rund 27 Millionen im Dachverband des deutschen Sports organisierten Mitglieder an einem Sanierungsmarathon kein Weg vorbei. Es braucht dringend ein Langzeitprogramm, das zudem finanziell dauerhaft und angemessen unterfüttert wird. Nur so etwas hätte den Namen »Goldener Plan« verdient. Mit dem ersten, dem goldenen »Ur-Plan« wurden im Westen Deutschlands zwischen 1961 und 1975 rund 17,4 Milliarden D-Mark (zwei Drittel davon mit kommunalem Geld) für blühende Landschaften zur sportlichen Betätigung bereitgestellt. Zwischen 1976 und 1992 gab es noch einmal 20 Milliarden obendrauf.

In historischer Relation dazu wurden für einen zweiten, speziellen »Goldenen Plan Ost« vom Bund zwischen 1998 und 2004 gerade einmal 60 Millionen Euro berappt, was sich mit je einem Drittel der Summe von Ländern und Kommunen auf 180 Millionen Euro addierte. Das entsprach weniger als einem Prozent des tatsächlichen Finanzbedarfs, der nach der Wende für den Bau neuer oder die Renovierung bestehender Sportstätten im Osten auf stattliche 24,8 Milliarden D-Mark beziffert worden war. Als das eigentliche Instrument zu Gunsten der Basissportstruktur in den neuen Bundesländern ist ohnehin das Investitionsförder-Gesetz (IFG) anzusehen, mit dem von 1995 bis 1997 rund 1,2 Milliarden D-Mark für Sportstätten bereitgestellt wurden. Auch dieser vermeintliche Batzen bedeutet im Angesicht der Sportstätten-Relativitätstheorie ein eher niedliches Sümmchen.

Kurzum: Ein »Goldener Plan« 3.0 ist noch lange nicht in Sicht. Doch mit »Atlas« und »Pakt« ist Bewegung ins gesellschaftlich bedeutende Thema gekommen, das Millionen von Hobby- und Freizeitsportlern sowie Eltern mit Kindern im Schulsportalter tagtäglich umtreibt. »Es gibt Rückenwind für die Sportstätten. Die politische Gemengelage ist gerade günstig. Da ist viel Dynamik drin«, will Michael Palmen vom BISp beobachtet haben. Dafür stehen Statements wie das von Dagmar Freitag (SPD), der Vorsitzenden des Sportausschusses im Bundestag: »Der Sport ist immer noch der Bereich, der den größten Teil unserer Gesellschaft erreichen und begeistern kann.« Dafür spricht eine mögliche Bewerbung der Rhein-Ruhr-Region für Olympische Sommerspiele 2032, für die ein nationales Sportstätten-Sanierungsprogramm das großartigste inländische Argument wäre.

Neue Dynamik durch einen Antrag der Linksfaktion

Die neue Dynamik illustriert ein handfester Antrag, den die Linksfraktion am Donnerstag dem Haushaltsausschuss des Bundestages vorlegte, auch wenn ihn das Gremium - mit Ausnahme der Grünen, die sich enthielten - komplett abwinkte. Anscheinend ging den Haushältern die linke Forderung zu weit, der Bund solle ab 2021 eine Dekade lang jedes Jahr eine Milliarde Euro zur Bekämpfung des Sanierungsstaus bei den Sportstätten berappen, Länder wie Kommunen ein solches Programm flankieren.

Mehr Bewegung zeigt sich nicht zuletzt aber auch an eher Unscheinbarem wie der Kleinen Anfrage von Parlamentariern und der FDP-Fraktion Mitte Oktober, in der unter anderem gefragt wurde, ob die Bundesregierung die Mittel aus dem neuartigen »Sportstätten-Pakt« für ausreichend hält oder nicht? Die offizielle Antwort steht noch aus, sie wird so etwas wie einer Offenbarung gleichkommen. So oder so.