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Kein Sprint, ein Marathon

Ulrike Henning zu konträren Ideen von der Pandemie

Von Ulrike Henning

Die Medienöffentlichkeit reduziert das Positionspapier von Vertragsärzten und Wissenschaftlern zu einer Anti-Corona-Strategie gern auf einen der prominenten Mitunterzeichner: den Virologen Hendrik Streeck. Dabei wird auch geflissentlich übersehen, dass es binnen 48 Stunden schon über 200 000 weitere Unterzeichner gibt, vor allem aus der Ärzteschaft, unter anderen von 35 ärztlichen Verbänden und Fachgesellschaften. Mit ihnen glaubt auch Andreas Gassen, Chef der Kassenärzte, nicht, dass ein Teil-Lockdown, wie er jetzt angekündigt ist, das Problem mit Covid-19 lösen kann. Sie scheinen relativ sicher, dass auf ihre Vorschläge zurückzukommen ist.

Sie wollen zum Beispiel ein differenziertes Ampelsystem, bei dem bis auf Kreisebene hinunter angemessen reagiert werden kann. Sie setzen auch darauf, dass die Gesundheitsämter bei der Kontaktnachverfolgung mehr risikogruppenorientiert vorgehen. Eine Atempause für die Gesundheitsämter wollen auch Bund und Länder mit ihren neuen Maßnahmen erreichen, kein Widerspruch bei den Zielen also, aber bei der Wahl der Mittel.

»Primum nihil nocere« - zuallererst nicht schaden, so heißt einer der wichtigsten medizinischen Grundsätze. Auch darauf berufen sich die Ärzte und warnen vor den Folgen der neu verkündeten Schließungen, bei denen häufig die Mühen der Hygienekonzepte einfach ignoriert und für nichtig befunden wurden. Der wichtigste Punkt scheint aber ein nichtmedizinischer: Eine Gebots- statt einer Verbotskultur sollte für die Kommunikation gelten. Das ist auch keine neue Idee, sie muss aber noch einmal betont werden, denn jeder exekutive Exzess hat Grenzen - unter anderem solche der Geduld bei denen, die folgen sollen.