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Die Magie der Emanzipation

In ihrem kurzweiligen Prosa-Debüt »Camel Travel« erzählt die belarussische Dichterin Volha Hapeyeva vom Aufwachsen im autoritären Staat

Von Ingo Petz

Zu Beginn ist da die Erinnerung an einen Ritt auf einem Kamel, in den 1980ern irgendwo in Kirgisien. Die sechsjährige Volha sitzt auf diesem Tier, das so gar nichts mit ihrer belarussischen Heimat zu tun hat. Von ihrer Tante wird sie zu diesem typischen Touristenfoto gewissermaßen gezwungen. Dann gibt der Fotograf der kleinen Volha auch noch zu verstehen, »dass ich mit meinem Kugelbauch auf dem Foto nicht gerade eine Traumfigur abgeben würde«. Volha zieht den Bauch ein und erhebt die rechte Hand, »als wollte ich jemanden grüßen«, ihr Lächeln ist wegen der steifen Haltung ziemlich schief.

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Volha Hapeyeva: Camel Travel.
A. d. Belaruss. v. Thomas Weiler. Droschl , 128 S., geb., 18 €. •

Mit diesem Foto beziehungsweise mit dieser Erinnerung setzt die belarussische Schriftstellerin Volha Hapeyeva den Ton für das kleine Büchlein, das nun in deutscher Übersetzung erschienen ist. Es kündigt sich etwas großspurig als Roman an, aber ist eigentlich eine Sammlung von kurzen und äußerst kurzweiligen Prosastücken, die durch das erinnernde autofiktionale Erzählen der Autorin zusammengehalten werden.

Das Kamel, das schiefe Lächeln, der Blick auf die Welt in einer etwas verrenkten Haltung - das alles versinnbildlicht den eigenwilligen, verspielten und überaus ironischen Ton, mit dem Hapeyeva über das Aufwachsen in der Sowjetunion erzählt. Zu einer Zeit, die selbst eine ungewöhnliche ist, weil die Dinge ab Mitte der 80er auch politisch aus den Fugen geraten und sich neue Freiräume und neue Möglichkeiten auftun und sich dadurch eine Spielwiese für die Entwicklung neuer Lebensformen ergibt.

Die kleine Volha ist ein aufgewecktes Kind, das mit zwei Sprachen aufwächst, mit dem Russischen und dem Belarussischen, was zu einer gewissen Zerrissenheit beiträgt und damit dazu, dass sie den Blick des Nicht-Dazugehörens kultivieren kann, eben einen distanzierten Blick. Eine Position, die infrage stellt und an Traditionen und Althergebrachtem rüttelt. »Meine Lieblingsmatrjoschka war die letzte«, schreibt Hapeyeva, »weil die aufging und nicht quietschte, glatt und winzig, wie die BSSR im Vergleich zur UdSSR. Die unendlichen Weiten der Heimat machten mir Angst, ich wollte mich nicht abfinden mit Matrjoschkaprinzip und Zweitrangigkeit.«

Hier ist also jemand, der als Individuum wahrgenommen werden will, der mit dem kollektivistischen Gedanken der Umgebung bricht und damit nach Emanzipation strebt. Darin liegt die Magie dieses mit Esprit erzählten Buches, das zwar leichtfüßig daherkommt, aber auch von einer überlegten Konstruktion bestimmt ist. Es ist die erste längere Prosaarbeit der Dichterin, die neben Valzhyna Mort oder Julija Cimafeeva zu den wichtigsten zeitgenössischen poetischen Stimmen ihres Landes zählt. Hapeyeva ist eine grenzenaufweichende Wortzauberin, was man auch diesen kurzen Erzählungen anmerkt, in der Wort, Ton, Rhythmus und die genauen Beobachtungen eine flirrende Sogwirkung entfachen.

Die 1983 geborene Autorin erzählt, wie das Aufwachsen im autoritären Staat nicht nur zu bizarren und komischen Momenten führen kann, sondern wie sich eine junge Frau von diesem politischen Drumherum durch die Freiheit, eine nonkonformistische Haltung einnehmen zu wollen, letztlich freistrampelt. Dazu gehört auch, dass Hapeyeva mit Verve und Chuzpe ein skurriles Bild des Lebens in der Sowjetunion entwickelt - in der düstere politische Ereignisse, wenn überhaupt, nur durchschimmern, dafür aber die zwischenmenschlichen Episoden nuancenreich aufgefächert werden. Diese kindlich-aberwitzige Herangehensweise, die kongenial von Thomas Weiler ins Deutsche übertragen wurde, gleicht einem ausgiebigen Waschgang, bei dem der unliebsame Dreck und Gestank abgespült werden. »Seither hege ich eine Abneigung gegen Wannenbäder«, schreibt Hapeyeva, »duschen ist viel angenehmer, da gibt es Bewegung und Fortschritt und nicht nur Herumgesitze und Gewarte.«

Mit der Erinnerung an das Foto am Anfang des Buches stößt die Autorin ein Thema an, das als Leitfaden verhandelt wird: die Komplexe, die durch falsche, überholte patriarchale Rollen- und Frauenbilder geprägt werden, die Traumata verursachen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Auch und gerade durch Frauen. Die aufmüpfige Volha spielt Fußball und wird deshalb von der Mutter eines Kumpels angegangen, sie solle lieber an die Ehe denken. Daraufhin kotzt sich die Erzählerin aus: »Wie kann man nach so einer Ansage seine Weiblichkeit und sein Frausein noch bejahen? Nach so etwas willst du mit einem glühenden Eisen alles in dir ausbrennen, was die anderen daran erinnert, dass du ein Mädchen bist, weil du nicht heiraten willst, sondern Ball spielen.«

Fußballerin ist Volha Hapeyeva letzten Endes doch nicht geworden, sondern Dichterin, was vielleicht die höchste Form des Emanzipationswillens ist, wenn man mit Sprache spielt, sie schüttelt und belebt, sich die Sprache zu eigen macht - und damit letztlich auch die Realität.