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Erdöl und andere Seinsfragen der Zeit

Alexander Ilitschewskis »Der Perser« - ein innovativer großer Roman aus Russland

  • Von Karlheinz Kasper
  • Lesedauer: 5 Min.

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Mit diesem Buch durchbrach Alexander Ilitschewski (geb. 1970) die Schallmauer, die den russischen Roman von Tolstoi und Dostojewski bis Bulgakow und Schischkin auf national relevante Themen begrenzte, auch wenn diese von allgemeinmenschlicher Bedeutung waren. »Der Perser« (Literaturpreis »Das Große Buch« 2010) ist welthaltiger, ein innovatives Werk, das die Entwicklungstendenzen und Konflikte des 20. und 21. Jahrhunderts in globalen Dimensionen und enzyklopädischen Maßstäben darstellt. Die Romanfiguren denken über die Metaphysik des Erdöls und die kompliziertesten Probleme der Gegenwart nach, fragen sich, ob die zunehmenden Differenzen zwischen Moslems, Christen und Juden möglicherweise durch ein »Gen der nationalen Zwietracht« gesteuert werden. Natur- und Landschaftsräume (das Kaspische Meer, die Halbinsel Apscheron, die Region Schirwan), Lokalkolorit (Baku, Moskau, Amsterdam, Leiden) und Geschichtsbilder (die zerfallende Sowjetunion, der Iran der Schahs und der Mullahs, Aserbaidschan gestern und heute) überraschen durch eine neuartige Sicht. »Der Perser« ist eine Synthese aus verschiedenen Romantypen, am ehesten das, was Chlebnikow in Bezug auf sein poetologisches Vermächtnis »Sangesi« eine »Über-Erzählung« nannte, ein dynamisches »Bauwerk aus Erzählungen«.

Ilitschewskis Bauwerk ruht auf zwei tragenden Säulen: den fiktiven Gestalten des amerikanischen Wissenschaftlers Ilja Dubnow und seines Freundes Haschem Sagidi aus Iran. Weitere »Stützpfeiler« liefern einige historische Persönlichkeiten, die das Profil der dargestellten Epoche geprägt haben: der Dichter Welimir Chlebnikow, der die 1920 ausgerufene »Persische Sowjetrepublik« in seinen Gedichten preist, 1921 am Feldzug der »Persarmee« teilnimmt, in Iran als »Prophet« und »Blumenmullah« verehrt wird und in Baku mit dem Symbolisten Wjatscheslaw Iwanow über Kunst, theoretische Physik und Revolution diskutiert; der schwedische Ingenieur Alfred Nobel, der in Baku die »Nobel Brothers Petroleum Producing Company« gründet; der französische Bankier Edmond Rothschild, der den Aufbau der Ölindustrie finanziert; Koba, der junge Stalin, der sich durch Sabotageakte auf seine politische Rolle vorbereitet; die trotzkistischen Geheimagenten Jakow Bljumkin und Rudolf Abich sowie der Terrorist Osama bin Laden, der im Schirwan der Falkenjagd nachgeht.

Ilja Dubnow, der Erzähler des Romans und teilweise ein Alter Ego des Autors, ist Geologe, Mitte 30, Erdölexperte, manischer Fotograf und scharfsinniger Denker. Seine russische Familie wurde in den 1930er Jahren nach Aserbaidschan deportiert und wanderte sechzig Jahre später von Baku nach Kalifornien aus. Im Auftrag seiner Firma sucht Ilja Orte auf, an denen Erdöl gefunden wird. Seine besondere Begabung besteht darin, die Stimme des noch verborgenen Öls zu hören. Durch die Erforschung des Erdöls hofft Ilja, dem Geheimnis der Entstehung des Lebens auf die Spur zu kommen. Siebzehn Jahre nach seiner Ausreise besucht er seinen Schulfreund Haschem und die Orte seiner Kindheit - Baku, Apscheron und die Insel Artjom. Doch das Land seiner Kindheit gibt es nicht mehr. Das Haus, in dem er aufwuchs, ist verfallen. Aserbaidschans Wirtschaft wird von Amerikanern und Arabern beherrscht. Iran ist ein von schiitischen Geistlichen geführter islamischer Gottesstaat.

Haschem Sagidi, ein Ornithologe, der im Naturreservat Schirwan an der aserbaidschanisch-iranischen Grenze mit einer Gruppe von Hegern eine Falkenkolonie bewacht, ist der Perser, auf den der Romantitel verweist. Haschem ist 1979 aus Iran in das sowjetische Aserbaidschan geflüchtet, als sein Vater, ein Offizier des SAVAK-Geheimdienstes unter dem Schah, von den Anhängern des Ajatollah Chomeini gelyncht wurde. Er und Ilja wachsen in einer »gemeinsamen Welt« auf, die von der Lektüre des Kinderbuchs »Kees, der Tulpenadmiral« (1975 aus der Feder von Konstantin Sergijenko) und den daraus abgeleiteten »Holland«-Spielen der Jungen geprägt wird. Diese Fantasiewelt vertiefen sie im Theaterstudio Lew Steins (hinter dem sich der 2006 in Israel verstorbene Alexander Goldstein, Autor des Romans »Denk an Famagusta«, verbirgt).

Anfang der Neunziger geht Haschem nach Teheran, um die Falkenzucht zu erlernen und in Biologie zu promovieren. Er ist Anhänger einer mystisch-gnostischen Variante des schiitischen Sufismus, urteilt tolerant, lehnt die großen Religionen wegen ihres Strebens nach Weltherrschaft ab, will sie durch Erkenntnisse der Wissenschaft, Kunst, Medizin, Philosophie und Technologie modernisieren, sucht Gott im Menschen und seinem Geist. Er dichtet, übersetzt amerikanische und aserbaidschanische Poesie ins Russische. Besonders gern liest er den Hegern, dem aus seiner Fantasie geborenen »Apscheroner Regiment ›Welimir Chlebnikow‹«, Verse des großen Futuristen und »Vorsitzenden der Erdkugel« vor. Chlebnikows persisches Archiv, das der russifizierte deutsche Trotzkist Rudolf Abich gerettet hat, verleiht ihm das Bewusstsein, ein »zweiter Chlebnikow« zu sein. Ganz der Natur und der Spiritualität hingegeben, plant Haschem, den Terroristen Osama bin Laden bei der Falkenjagd zu töten, aber dessen Wachleute häuten und federn ihn.

Haschem verschwindet auf ebenso rätselhafte Weise von der Bildfläche wie der Physiker Koroljow in Ilitschewskis Roman »Matisse«. Nur ein Feld roter Tulpen in der aus dem Winterschlaf erwachenden Schirwansteppe und ein Lenkdrachen am Himmel erinnern den Erzähler an seinen Freund. Das »Chlebnikow-Regiment« ist aufgelöst, der Schirwan verwahrlost. Der Kaspische Raum, einst ein Garten Eden, hat sich in eine in geopolitischer, sozialer und ökologischer Hinsicht höchst sensible Zone verwandelt, die zum Zankapfel zwischen Amerikanern, Russen und den islamischen Staaten wird.

»Der Perser« ist dem 2009 in Köln verstorbenen »Meta-Metaphoriker« Alexej Parschtschikow gewidmet, dem Autor des Gedichtbandes »Erdöl« (deutsch 2011 bei kookbooks) und Freund, dem Ilitschewski mit seiner Philosophie und Erzählweise verpflichtet ist. Parschtschikows Werk würdigt er in dem Essay »Versuch einer geometrischen Lesart«, in dem er die These von der Entstehung des Lebens im Erdöl vertritt, die auch dem »Perser« zugrunde liegt.

Mit der Übersetzung des personenreichen und gedankenschweren »Persers« hat Andreas Tretner eine Titanenarbeit geleistet, in die sein Arbeitsjournal im Internet einen interessanten Einblick gewährt (storify.com/suhrkamp/perser).

Alexander Ilitschewski: Der Perser. Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Suhrkamp Verlag. 752 S., geb., 36 €.

Autor und Übersetzer stellen das Buch auf einer Lesereise vor - in Leipzig am 4. und in Berlin am 5. Februar.

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