Werbung

Die Kunst des Zuhörens

Tanz-, Musik- und Gesprächsreihe im Radialsystem: Sasha Waltz setzt sich mit den Folgen von Flucht und Migration auseinander

  • Von Ottmar E. Gendera
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Es gibt Linsensüppchen und Fladenbrot. Wer in diesen Tagen zum Zuhören in das Radialsystem am Spreeufer kommt, wird zunächst mit Çay und warmen Speisen empfangen. Denn Essen hält Leib und Seele zusammen. Eine grundlegende Erfahrung, die alle Menschen teilen. Gleich aus welcher Kultur oder Weltgegend sie stammen. Gleich ob sie als Vertriebene hier sind, auf der Flucht, in Not und Elend leben oder bestens etabliert sind in einer reichen Gesellschaft, die Kunst- und Kulturproduktion zu ihrem grundlegenden Selbstverständnis zählt.

Das gemeinsame Essen und Trinken und die damit verbundenen Momente der Kommunikation sind Teil der sozialen Choreografie einer Reihe von Veranstaltungsabenden, zu denen Sasha Waltz & Guests in diesen Tagen einladen. »Zuhören«, die Wiederaufführung des Tanzstückes »Continu« und die »Gespräche« sind als Gesamtkunstwerk arrangiert. Es geht um Flucht, Gewalt und Migration. Es geht darum, Antworten zu finden auf die Frage: »Was sind unsere künstlerischen Strategien, um politisch Einfluss zu nehmen?«

Die Journalistin Yasmine Merei hat das versucht in Syrien nach dem Umbruch im Jahr 2011 mit der Gründung des ersten nicht-religiösen Frauenmagazins »Sayyidet Souria«. Es war der Versuch, einer neuen Generation syrischer Frauen eine Stimme zu geben. »Sayyidet Souria« - die syrische Frau - war auch eine ironische Anspielung auf den Kult um die Präsidentengattin Asma al-Assad, der »ersten Frau Syriens«, die als feminines Idol auf allen Titelseiten der syrischen Regenbogenpresse prangte.

Die beiden Frauen Yasmine Merei und Sasha Waltz haben sich im Sommer 2015 in den USA kennen gelernt. Bei einem Stipendium in der Villa Aurora in Los Angeles. Da entstand die Idee zu dem Projekt »Zuhören«, das nun im Radialsystem zu erleben ist. Ende September 2015 gastierte Sasha Waltz mit ihrem Stück »Continu« im Festspielhaus St. Pölten in Österreich. Die großen Flüchtlingsströme zogen durch’s Land. Das war vielleicht der letzte Anstoß. »Als Menschen durch Zäune brachen auf ihrem Weg durch Europa haben wir unser Stück mit ganz neuen Augen gesehen«, sagt Dramaturg Jochen Sandig.

Fulminant beginnt »Continu« zum Trommelwirbel der US-amerikanischen Percussionistin Robyn Schulkowsky, die live auf der Bühne spielt. Es ist ein äußerst expressives Stück - Hände schlagen zu, Füße stampfen in den Boden. Die Gruppe - ein ständiger Antagonist zum Einzelnen, der heraus tanzt und wieder aufgesaugt wird vom Schwarm des Gruppenkörpers.

Robyn Schulkowsky ist später am Abend nochmals in einer Performance zu hören und zu sehen. In den recycelten Kulissen von »insideout« - einer anderen choreografischen Installation von Sasha Waltz aus dem Jahr 2003. Die Bühnenteile waren in der »Schaubühne« eingelagert - nun dienen sie als Teeraum und Terrasse, als Raum zum Chillen oder als Zuschauertribüne. Man lässt sich nieder auf runden Sitzkissen, die aus einer neu gegründeten Produktionswerkstatt von geflüchteten Menschen aus Neukölln stammen.

Ebenso wie das Catering des Abends, das vortreffliche arabische Buffet aus der Küche von »Lavante Gourmet«. Die vor vier Monaten in Berlin gegründete Firma von Mohammad al-Ghamian und Malaka Jazmati. Er war es leid, nur nutzlos in der Flüchtlingsunterkunft herumzusitzen - und sie konnte kochen, hatte eine eigene Kochshow in Syrien. Mit Unterstützung aus ihrem WG-Haus, in dem Deutsche und Flüchtlinge gemeinsam leben und arbeiten, gelang die Unternehmensgründung. Nun wurden sie von Sasha Waltz für das Catering im Radialsystem gebucht.

Solche und andere modellhafte Initiativen rund um das Flüchtlingsgeschehen sollen in diesen Tagen im Radialsystem ein Forum haben. Unter Beteiligung vieler Künstler, die unter den Flüchtlingen sind. Wer nicht dabei sein kann, aber dennoch zuhören will, kann es auch via Radio tun: MiCT stellt Start FM vor, ein Informations- und Kulturradio in arabischer Sprache für Geflüchtete und Migranten.

Zuhören: Continu, 6.,7., 8.2, 20 Uhr, Vorstellung und Essen, Zuhören: Gespräche (auf Englisch), 6.2, 18 Uhr 9.2, 19 Uhr, Karten unter: 28 87 88 588 oder www.radialsystem.de

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen