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Und die Erde verbrannte

Die neue Hausregisseurin Claudia Bauer inszeniert am Schauspiel Leipzig »Metropolis«

Gleich zu Beginn verrät eine Leuchtschrift in großen Buchstaben, worum es in »Metropolis« geht: »Wer rettet die Welt?« Das wissen wir nicht, nur eines ist gewiss: dass falsche Retter sie immer nur noch schneller zerstören. In »Metropolis« hören wir darum mit der Abwehr, die uns das 20. Jahrhundert gegen Parolen aller Art eingab, die vom Band abgespielten leiernden Sätze: »Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein.« Diese Einsicht stammt von Thea von Harbou, die 1926 »Metropolis« schrieb - zusammen mit ihrem Ehemann Fritz Lang, der das Buch dann verfilmte.

Für Lang war »Metropolis« ein »Märchen«, kitschverdächtig und sentimental. Er interessierte sich vor allem für das Herz der Maschinenwelt. In welchem Takt schlägt es? Werden die künstlichen Wirklichkeiten eines Tages den so mangelhaft konstruierten Menschen ablösen? Die Lebenssimulation im Takt von perfektionierter, immer intelligenterer Technik ist das Thema von »Metropolis«.

Science-Fiction damals, heute beunruhigende Gegenwart: Wie viel von uns lebt bereits optimaler in der intelligenten Maschine? Ist die perfektionierte Maschine die Zukunft des Mängelwesens Mensch?

Das Ehepaar Harbou/Lang ließ sich nach 1933 scheiden. Harbou, die so gern und viel vom Herzen als »Mittler« sprach, blieb in Nazi-Deutschland, während Fritz Lang als Jude emigrierte. Der Film von 1927 ist - wie auch Chaplins »Moderne Zeiten« - eine Ikone, aber nicht nur das. Er ist bis heute eine Projektionsfläche, an der man sich abarbeiten kann.

Am Schauspiel Leipzig tat dies nun Regisseurin Claudia Bauer. Zusammen mit Jan Friedrich erstellte sie eine neue Textfassung, die an der Schraube - oder am Touchpoint! - der Technikentwicklung drehte oder auf ihr herumtupfte, so lange, bis wir beim Smartphone als vorläufigem i-Tüpfelchen einer multimedial verkuppelten Gegenwart sind, die uns in der Freiheit, all das zu wollen, was wir nicht brauchen, so fest eingewoben hat, dass wir in größtmöglicher Freiheit ganz und gar gefesselt scheinen. Oder wie es vom jungen Fredersen, dem »Prinz von Metropolis« heißt: »Er hatte alles. Er hatte nichts vor sich.« Der junge neoromantische Fredersen opponiert gegen seinen zynischen Ausbeutervater, den Herrn von Metropolis. Der sei schuld daran, dass die einen alles und die anderen nichts haben in Metropolis. Das, so schwört er sich mit der von Thea von Harbou verordneten Herzensregung, soll sich ändern, er muss das ändern.

Es wäre eine bloß historisierende Kopistenarbeit, wenn man die Szenerie des Films, dieses moderne Nibelheim mitsamt seiner allzu idyllischen Pausenplätze, nach fast einem Jahrhundert lediglich nachspielen würde. Claudia Bauer macht mit ihrer Inszenierung etwas viel Besseres, etwas wahrhaft Aufregendes: Sie spielt gegen die Vorlage an, prüft, was an Bildern und Szenen noch stimmt, auch was hier niemals stimmte und längst zu Staub zerfiel.

Interessanterweise ist es das Technikthema, das, trotz aller Transformationen von der Großindustrie zum Datenkapitalismus, immer noch als eisernes Herz Metropolis in Bewegung hält - obwohl auf dem Wege der Gentechnik die Lebenssimulation über das Eisen der Maschine längst hinweggeschritten ist. Die andere Seite an »Metropolis« dagegen, die verkappte Sozialromantik, wirkt recht altbacken.

Die Bühne von Andreas Auerbach: eine wüste Großstadt-Landschaft mit Container (»Babel«) und Videoschirm. Erinnerung an Marinettis »Manifest des Futurismus« von 1909, worin er Elektrizität, Geschwindigkeit und die aggressive Härte der Maschinen feierte, die einst für uns sogar Kriege gewinnen würden. Die Ideologen bedienten sich bei diesem Avantgardekünstler erfolgreich mit Schlagworten. Doch die Utopie von der Metropole, die man Anfang des 20. Jahrhunderts noch hatte, wich längst der Moloch-Angst.

Bereits in Jean Genets »Splendids« hatte sich die neue Leipziger Hausregisseurin Claudia Bauer dem verriegelten Horizont als Thema zugewandt, vordergründig in einer Gangster-Geisel-Story. Auch hier saßen die Zuschauer vor einem geschlossenen Raum, einer Box, aus dem zumeist nur per Kamera Bilder zu den Zuschauern gelangten. Manchmal jedoch ging die Tür der Box auf, jemand trat heraus, um einige Minuten später wieder unter die Oberfläche des virtuellen Meeres abzutauchen. Ähnlich hier in »Metropolis«, ähnlich perfekt und mit Sinn für die wechselnde Symbolik immer gleich reproduzierter Entfremdung (Video: Rebecca Riedel).

Wir sehen merkwürdig verbildete Gestalten über die Bühne huschen: wie verwitterte Embryos oder verirrte Marsmenschen, kleine Körper und viel zu große Köpfe, deren Gesichter uns per Video mit großen traurigen Manga-Augen entgegenblicken. Das sind die Bewohner der Unterwelt von »Metropolis«, die Kinder der Arbeitssklaven. Doch was Claudia Bauer aus der »Metropolis«-Vorlage herausholt, das ist weit mehr als eine bloße Karikatur des Vorbilds. Es ist vor allem mehr als simple Ironisierung. Aus der Destruktion eines als unecht empfundenen gestrigen Pathos erwächst hier - und das ist wahrlich staunenswert - eine Dringlichkeit, die man so in »Metropolis« nicht mehr vermutet hätte. Wie in einem Comic knallen uns immer wieder Sprechblasen aus der Video-Parallelwelt entgegen. Die Wiedergeburt des Stummfilms in einer Endzeit, wo Lesen und Schreiben schon wieder aufs Rudimentäre gebracht sind: »Klack«, »Plott« und »Schreck«.

Alles kreist auch in Metropolis letztlich um das kleine »Dings«, das Gerät, das »meine Post kontrolliert, meine Kontoauszüge erstellt, meine Musik verwaltet und meine Pflanzen überwacht«. Der Mensch als Anhängsel seines alles könnenden »Dings«, dessen Versagen sein Tod wäre und für dessen reibungslose Funktion er betet? Aber es gibt doch Aussteiger aus dem falschen Leben wie Freder jun., den sozialromantischen Rebellen, der den von seinem Vater kalt entlassenen Arbeitern warm entgegenruft: »Ich stelle euch alle ein!« Am Ende bleibt davon nur ein »Ich« - der weltverbessernde Narziss als sich selbst krönendes Haupt der zweiten, der technischen Schöpfung. Von den Maschinen lernen, heißt schmerzfrei leben, ohne darum aufhören zu müssen, ein reiches Gefühlsleben im Programm zu haben!

Der Abend ist auf intelligente Weise chaotisch und darum ansehenswert sogar für jene, die eigentlich nichts mehr gezeigt bekommen wollen. Die Nihilismusdiagnose, die Entwertung aller Werte also, ist gestellt, aber daraus resultiert hier glücklicherweise kein moralischer Fingerzeig, sondern eine spielerische Bestandsaufnahme von dem, was an Auswegen dennoch bleibt. Es ist nicht gerade viel. Macht kaputt, was euch kaputtmacht? Revolution scheint eine Möglichkeit mit vielen hässlichen Nebenwirkungen zu sein, wie die Geschichte zeigt. Ebenso schlimm ist die Simulation von Revolution oder auch nur Reform, mittels einer - wie es in »Metropolis« heißt - von »Geheimdiensten erfundenen Geheimwaffe«: des akademisch-soziologischen Jargons. Wenn man zu den Herrschenden sagt: »Unser Wahrheitsnarrativ konkurriert mit eurem Wahrheitsnarrativ«, dann feiert sich die Kapitulation vor dem Stärkeren mit Worten, die nicht nur nichts mehr sagen, sondern alles zuvor Gesagte entwerten. Das sieht dann nur noch wie Leben aus, ist aber in Wirklichkeit keines mehr. Und doch vernehmen wir hier letzte Glaubensreste des Zoon Politikon: »Unter der Müllhalde politischer Theorien liegt eine politische Architektur verschüttet.« Nach dieser gräbt dieser überaus intensive Abend. Er wird dabei nicht fündig, aber gräbt dennoch weiter.

Die Schauspieler lassen sich mit beharrlichem Einsatz auf diese - im besten Sinne - multimediale Nachvermessung von »Metropolis« ein, was unten ist, wird nicht immer unten bleiben, dafür spricht schon die Angst der oben vor dem Absturz. Florian Steffens, Michael Pempelforth, Julia Preuß, Sophie Hottinger, Markus Lerch und Roman Kanonik zeigen - zusammen mit zwei Dutzend Statisten - eine Gesellschaft im Absturz, den sie nicht begreift. Fredersen sen., der Machmensch alten Stils sagt: Der Kollaps muss kommen, der Frieden dauerte schon zu lang. Fredersen jun., der notorisch gute Mensch, beschwört ihn: Aber die Menschen brauchen Frieden! Fredersen sen. entgegnet: Der Frieden ist doch nur künstlich, er kann nicht dauern. - »Und die Erde verbrannte mit allem, was sie trug.«

Nächste Vorstellungen: 10., 20. Februar

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