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Der Ökonom als Liebeskatalysator

Künzel & Co. bereiten Karl Marx im Musical ein »Comeback!«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Karl-Marx-Musical? Eignen sich die Texte des ökonomischen Vordenkers und radikalen Philosophen dafür? Na ja, wenn man die Ankündigung nicht zu ernst nimmt. Denn in »Comeback! Das Karl-Marx-Musical« als Gastspiel beim Kabarett »Die Stachelschweine« geht es nicht um Leben und Schaffen des Denkers aus Trier. Im Stück kommt es lediglich zu einer Verwechslung.

Musiker Marc S. kann seine Miete nicht bezahlen, fliegt auf die Straße und bekommt sein Konto gesperrt: in Londons Pickpocket Bank, die hinter klassischem Portikus betrügt. Drin tobt Banker Acreman raffgierig Einnahmen entgegen und vergäße sogar den Geburtstag der Tochter, würde ihn nicht die russische Putze Abroomowitsch daran erinnern. Was schenkt man standesbewusst? - ’ne vergoldete Boeing! Jenny wünscht sich nur mehr Zeit vom alleinerziehenden Vater. Steck dir dein Flugzeug in den Hintern, meutert sie aufsässig und will sich umbringen.

Dazu eilt sie mit Strick zum Friedhof, landet just neben dem Grabstein von Karl Marx, hinter dem Marc sein Zuhause gefunden hat. Nach dem Klischee des selbstsüchtigen Vaters nun das von den Teenies, die sich auf Anhieb verstehen und verlieben. Denn Marcs Ideal einer bargeldlosen Freiheit imponiert Jenny. So wird Marx zum Liebeskatalysator.

In der Bank des Vaters trifft die Riesentorte ein, aus der zur Bilanzparty das TV-Ballett auftreten soll. Heraus aber tritt im Kostüm von Uncle Sam der Gerichtsvollzieher, den Kuckuck im Gepäck, denn die Bank ist pleite. Krise nervt, klagt in seinem Song Acreman: Er sei nur ein armer Banker, habe mit fremdem Geld spekuliert. Helfen kann bloß noch Rasputin Mammonson, der schon einmal die Bank riskant gerettet hat. Der windige Elegant mit dem Pfundzeichen um den Hals kennt den Schuldigen: Karl Marx, denn der habe die zyklische Krise des Kapitalismus erfunden, soll nun beschworen werden, alles zu widerrufen. Für den Familienschmuck und Jenny will Rasputin den Gaukel vollziehen. Mit Blut signiert der bedrängte Banker diesen Vertrag. Begeistert ertönt am Ende des ersten Akts der marschflotte, ohrwurmverdächtige Hauptsong des Abends: Karl Marx, sei unser Superstar!

Man ahnt, dass es dem Autorentrio Maximilian Reeg, Steffen Lukas und Tobias Künzel auch weiterhin nicht um gesungene und getanzte Wirtschaftslektionen geht. Unterhalten wollen sie und ein paar Hiebe austeilen; der glänzend bestätigte Übervater moderner Ökonomie ist lediglich Stichwortgeber. Im Stück kommt dies Marc S. zu, den der Beschwörungslärm hinter dem Monument hervortreibt, denn sein Name klingt bei der Begrüßung wirklich wie Marx. Rasputin stellt sich wendig darauf ein: Der Musiker soll in der Rolle des Denkers seiner Krisentheorie abschwören. So spitzt sich der Klamauk amüsant zu, entlädt sich zum Krimi mit Todesfolge, führt die Liebenden zusammen, eröffnet eine Lebensperspektive. Marx doch als Superstar.

Lea Fischer hat den Zweieinhalb-Stunden-Spuk ihrem Jungensemble tempo- und gagreich auf den Leib inszeniert. Künzels Kompositionen im »Prinzen«-Sound von soft bis rockig, Mathias Güthoffs frischer Marc, Ulrich Allroggens überdrehter Acreman, Dominique Arefs beherzte Putze, Yannik Gräfs geschmeidiger Rasputin und Heiko Fischers köstlich schwuler Buchhalter überzeugen. Ein Wurf mit Zukunft? Eher nicht.

Bis 13.2., »Stachelschweine« im Europa-Center, Tel.: (030) 261 47 95, www.diestachelschweine.de

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