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Süßes von Poroschenko aus Lipezk

Der ukrainische Präsident fordert Sanktionen und produziert selbst Schokolade in Russland

  • Von Denis Trubetskoy, Kiew
  • Lesedauer: 3 Min.
Zwei Jahre nach dem Beginn des Ukrainekonflikts besitzt der ukrainische Präsident Petro Poroschenko immer noch eine Schokoladefabrik im russischen Lipezk. Trotz aller Kritik wird sie bisher nicht verkauft.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko nennt Russland Aggressor und fordert, die westlichen Sanktionen sollen verlängert und verschärft werden. Doch Petro Poroschenko ist nicht nur das fünfte Staatsoberhaupt seines Landes. Der 50-Jährige ist auch Milliardär, Besitzer des berühmten Schokoladekonzerns Roshen - und hat eigene Interessen in Russland.

Die russische Industriestadt Lipezk liegt etwa 400 Kilometer südöstlich von Moskau. Noch vor 15 Jahren kam die Stadt ins Visier von Poroschenko. Der damals noch junge Oligarch wollte sein Schokoladenreich auf das Nachbarland ausweiten - und eine russische Fabrik kaufen. Dies gelang in Lipezk: Das große weiße Gebäude in der Dowatora-Straße ist seither Eigenturm des Schokoladenkonzerns Roshen. Spätestens seit Poroschenkos Wahl im Mai 2014 ist die Lipezker Fabrik einer der größten Kritikpunkte seiner Gegner.

Dafür bietet der ukrainische Präsident eine perfekte Grundlage. Vor den Präsidentschaftswahlen 2014 versprach Poroschenko, sein gesamtes Schokoladenimperium komplett zu verkaufen. Das ist bis heute nicht erfüllt. »Ich habe meine Unternehmensanteile an eine Treuhandgesellschaft übergeben, für die ganze Zeit meiner Präsidentschaft«, rechtfertigte sich Poroschenko bei seiner Jahrespressekonferenz im Januar. Doch das reicht der ukrainischen Gesellschaft nicht.

Seit dem Kauf im Jahr 2001 hat Oleg Kasakow ununterbrochen den Posten des Fabrikdirektors inne. Auf das, was Roshen in Lipezk schaffte, ist sichtlich stolz. »Wir konnten unsere Produktion sogar verzehnfachen, bis 2013 waren wir sehr erfolgreich. Die Fabrik wurde fast täglich modernisiert«, erzählter er der BBC. Die großen Probleme begannen allerdings im Sommer vor der Maidan-Revolution: Es folgten Unangekündigte Kontrollen, Gerichtsklagen, Verkaufsverbote. Trotzdem funktioniert die Fabrik immer noch, auch wenn sie nicht mehr in rosigen Zeiten lebt. »Einst hatten wir 1800 Mitarbeiter, nun sind es nur noch 800. Außerdem produzieren wir viel weniger als noch vor drei Jahren«, klagt Kasakow.

Er sieht vor allem zwei Gründe für diese Entwicklung. »Erstens spielt das Einfuhrverbot aus der Ukraine eine große Rolle. In Lipezk können wir nicht alles produzieren, ein großer Teil des Angebots kam früher aus der Ukraine. Und zweitens: Die Marke Roshen wird seit den Ereignissen auf dem Maidan von vielen Russen negativ betrachtet, klar.« Doch warum verkauft Poroschenko seine umstrittene Fabrik in Lipezk nicht? Laut dem Präsidenten machen das vor allem die Behörden unmöglich.

»Der Preis liegt bei 200 Millionen Euro«, kündigte der Präsident des Konzerns Roshen Wjatscheslaw Moskalewski vor einigen Wochen an. Die meisten Experten gehen jedoch davon aus, dass der Verkauf zu dieser Summe schwierig sein werde. Der Preis sei zu hoch und das Risiko zu groß. Denn die Lipezker Fabrik steht tatsächlich unter aufmerksamster Beobachtung des russischen Staates. Niemand weiß, ob sich das ändern würde, wenn Petro Poroschenko nicht mehr an Bord wäre. Angeblich gab es schon russische Interessenten, die genau deshalb den Kauf ablehnten.

So kann man in Supermärkten auf der von Russland besetzten Krim zurzeit etwas recht Unwirkliches erleben - den Verkauf von Süßigkeiten des Konzerns des ukrainischen Präsidenten, die in seiner russischen Fabrik in Lipezk produziert worden sind. In Zeiten, in denen Petro Poroschenko öffentlich über einen von Russland geführten Krieg gegen die Ukraine klagt, sieht das mehr als merkwürdig aus.

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