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Der Aberwitz regiert

Hans Otto Theater Potsdam: Niklas Ritter inszenierte Dürrenmatts »Besuch der alten Dame«

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Reichtum, in Geld und sonstigen heckenden Werten ausgedrückt, ist dazu verurteilt, über Leichen zu gehen. Denn dieser ist irgendwo abgepresst worden, und die Abgepressten schlafen nicht. Dass das Kapital vor nichts zurückschreckt, locken höchste Gewinne, und darüber alle Gesetze fahren lässt, sagte schon Karl Marx. Wer Nahost beherrschen und ökonomisch auswerten will, muss wie im Falle Gaddafis dortige Staatslenker dämonisieren und töten, und zugleich alle vorherige Bande auslöschen. Davon handelt das Stück des Friedrich Dürrenmatt. Im Kleinen spiegelt sich das Große. Nahost ist in »Der Besuch der alten Dame« der Ort Güllen. Schaurig, mordsmäßig geht es dort zu. Der Aberwitz regiert.

Ein Zug rast am Ort vorbei. Ohrenbetäubender Lärm. Neon blinkt erschreckt. Ein mehrschichtiger Raum. Darin Menschen in Grau. Die Köpfe verfolgen den Schall. Es geistert die Frage: Wird sie kommen und wann?

Die komplette Bühne ist trostlos konturiert. Graue, alte, ärmliche, zittrige Kreaturen, Weiber wie Männer, singen nicht ihr traurig’ Lied, sie atmen, prusten, röcheln, stammeln. Apathisch der eine, der Wasser an die verdorrte Pflanze spritzt, andere murmeln vor sich hin. Ill, den es an den Hals gehen soll, bringt Lettern an die Wand, für den Empfang der Alten, seiner Ehemaligen.

»Der Besuch der alten Dame« ist ein Stück der Erwartung und Erweckung mit elenden Folgen, eine Tragikomödie, die ein Lachen erlaubt, wie es Sprechpuppen entfährt. Eine Gruppe Menschen verlangt nach besseren Tagen als den bestehenden. Sie hofft und wartet, wartet. Doch was ist das so verlockende Bessere, das sich die Kreatur aus dem Elend der Welt herausnehmen will, um zu überleben oder angenehmer zu leben? Und wie hoch sind die materiellen und menschlichen Kosten, es zu erlangen?

Ins Auge fällt eine Art Kohlenpott, hohl und schwarz, mit Klappen an den Schrägen, damit die Individuen ans Licht können und wieder zurück in ihr Versteck. Darüber eine halbrunde Spielfläche mit einer Treppe, die hinauf führt (Bühne Alissa Kolbusch). Regisseur Niklas Ritter und sein Kollektiv realisierten tatsächlich ein Oben-Unten-Stück. Die Alte ist fast immer oben. Sie diktiert säuberlich den Lauf der Dinge. Die Ortsansässigen spielen ihren sauren Part am Rand des Lochs oder ganz unten, indem sie in es hineinrutschen. Wo wohnt die Verheißung?

Claire Zachanassian, die Heldin und einstige Bewohnerin von Güllen, hat viel vor. Sie will viel bringen und noch viel mehr verlangen, nämlich den Tod eines rechtschaffenen Mitbürgers. Die sehnlichst Erwartete betritt die Gesellschaft des Ortes, indem sie vornehm die Treppe hinabsteigt. Rita Feldmeier hat sich in die Rolle hineingedacht und sie so gestaltet, als verkörpere sie das Schneeweißchen aus dem Märchen. Die Schöne ist vom Stein der Besitzenden. Wehe, Fäuste klopfen daran, sie klopften sich Wunden und Blut. Vieles ist ungeheuer, doch nichts ist ungeheurer als das, was ihr in ihrer Jugend angetan worden ist. Der Preis ist hoch, den sie im Gepäck hat. Die Zachanassian verlangt Rechenschaft. Es geht um den Kopf von Ill, des Besitzers eines Krämerladens, der in Jugendtagen seiner geliebten Claire ein Kind gemacht hat, dies jedoch über zwielichtige Zeugen vor Gericht geleugnet hat und Recht bekam. Er verließ sie, band sich anderweitig, wurde Vater zweier Kinder usf. Bis der Wind über die Trümmer blies, verging Zeit. Und die nun superreich gewordene Verprellte, Gattin eines Ölmagnaten, vergaß nichts und schwor Rache. Ihre Bedingung: Eine Milliarde gehe an Güllen und seine Leute, würde der Schwerenöter exmittiert werden, durch des Ortes Hand. Aufforderung zum Mord.

Musiker und Clown Jan Kersjes ist der agilste Mann der Aufführung. Er zeichnet mit Mikro und Dada-Luft das kreatürliche Atmen der Bürger nach, adressiert Elektronik, er klimpert Melodien, spielt liegend Hanswurstiaden mit Gitarre, produziert giftige Akustik, dirigiert den Schlusschor, verwandelt sich in den schwarzen, glitzernden Panther, der die Alte umschwirrt. Glänzend, wie er auf Geheiß seiner Herrin zwiefach maskiert in je anderem Tonfall die von Ill einst aufgerufenen Zeugen wiedergibt. Später macht er, assistiert von Ills Sohn (Alexander Finkenwirth), mit viel, allzu viel Alberei die TV-Show, da Güllen sich doch so entwickelt habe und die paramilitärische Story noch unerledigt sei.

Die Gruppe, angeführt vom Bürgermeister (Jon-Kaare Koppe), wehrt sich zunächst, dem Plan der Alten nachzugeben. Doch die Verlockung ist zu groß und die Zukunft wichtiger als das, was ist. Schon bald scheinen die Bürger kreditwürdig und - stürzen sich in Schulden. Die Kostüme von Ines Burisch wechseln. Aus Grau wird Knallbunt. Die Gesichter finden ihr Lächeln wieder. Frauen und Männer, lebensgierig, zukunftsgewiss, packen nun an. Allein, mit steigender Lebenszugewandtheit steigen auch die Schulden. Sophokles hat Dürrenmatt die Folgerichtigkeit gelehrt, mit der Vorgänge unvermeidlich enden. Ill gerät ins Fadenkreuz und wird schuldig gemacht. Nicht ohne Debatten und Zweifel, Drohungen und leerlaufende Inschutznahmen. Prototyp der Schwäche, Einspruch zu erheben und sich vor den Bedrängten zu stellen, ist der seine Seele in Alkohol ertränkende Lehrer (Florin Schmidtke). Schuldzuweisungen und Drohungen kursieren alsbald. Ein Beil blitzt in der Hand des Polizisten (Wolfgang Vogler). Dann kommt der Ratschlag, sich selbst zu töten. Die Pistole wird gereicht. Das geht wie bei Seneca, dem der Kaiser von Rom nahelegt: Willst du unser Schwert nicht spüren, tue es selbst, mit Gift. Ill schlägt die Waffe aus.

Peter Pagel spielt diesen naiv, leicht vertrottelt wirkenden Ill als verzweifelte, gehetzte, gedemütigte, am Ende restlos resignierende Figur. Der Riss geht bis in die Familie. Frau (Franziska Melzer), Tochter (Mara Sichrovsky) und Sohn scheinen angesichts der Perspektiven ab einem Punkt ungerührt. Im Loch gelandet, versagen Ills Psyche und Herz, sodass der Polizist das Beil, der Bürgermeister die Pistole, der Lehrer und die Ärztin (Meike Finck) ihre Schmähungen zurückstecken können. Entmenschlichung im Lichte der Entwicklung und des Glücks. Der Sprechchor des Epilogs, durchwirkt mit Worten von Hölderlins Sophokles-Übersetzung, trägt dies Verhängnis agitato an die Zuschauer.

Wer den Staat Syrien beseitigen will, muss Assad den Einsatz von Giftgas und Bombardements auf die Eigenen vorwerfen, ihn zum Schwerverbrecher und Schuldigen am Krieg erklären und wider alles Völkerrecht schlagen. Dies geschieht heute. Nur dass es - ein Hoffnungsfunke - mitunter nicht gelingt. Dürrenmatt zeigt im Kleinen solche Vorgänge in ihrer ganzen Unerbittlichkeit und verhöhnt die Verheißungen, in deren Namen schlimmste Verbrechen begangen werden. Das Hans Otto Theater tat gut daran, das Stück zu nehmen und in rasanter Weise aufzuführen.

Nächste Termine: 13., 14., 20. Februar

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