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Den Butterkeks erfand er nicht

Wie Niedersachsens Landeshauptstadt das Leibniz-Gedenkjahr 2016 begeht

  • Von Hagen Jung, Hannover
  • Lesedauer: 4 Min.
Mehr als die Hälfte seines Lebens wirkte Gottfried Wilhelm Leibniz in Hannover, wo er vor 300 Jahren starb. Anlass für die Stadt, mit einem vielfältigen Programm an den Universalgelehrten zu erinnern.

»Wie viele Zähne hat der Leibnizkeks?« Heimatkundelehrer pflegten Kinder in Niedersachsens Hauptstadt früher gern mit dieser Frage zu ärgern, meinend: Jeder echte Hannoveraner müsse die Zahl der Zacken wissen, die das knusprige Kleingebäck umgeben. Blieb die Antwort aus, war das fast so schlimm wie die Schülermeinung, Gottfried Wilhelm Leibniz habe diesen Keks erfunden. Was der Philosoph, Mathematiker und Historiker tatsächlich erfunden, gedacht und gelehrt hat - und auch wie der Keks zu seinem Namen kam -, das soll eine aktuelle Veranstaltungsreihe in Hannover vermitteln: das »Leibnizjahr«. 2016 jährt sich der Todestag von Gottfried Wilhelm Leibniz , der viele Jahre in Hannover lebte und wirkte, zum 300. Mal.

Als Einstieg empfiehlt sich eine Ausstellung, die noch bis zum 28. Februar im Neuen Rathaus der Stadt läuft und als Schnellkurs in Sachen Leibniz bezeichnet werden darf. Dabei ist die Präsentation nicht oberflächlich, spart sie doch komplizierte Denkgebäude nicht aus. Sie konzentriert sich aber auf das absolut Notwendige - etwa mit Blick auf die Lehre von den Monaden. Das sind laut Leibniz einheitliche unteilbare Substanzen in der Materie. Sie lassen heute womöglich an die Atome denken, sind aber - im Gegensatz zu jenen - »beseelt«, meinte der Philosoph, weil es »nichts Totes« in der Welt gebe.

Recht lebendig gestaltete Leibniz sein Dasein, er reiste weit - stets auf der Suche nach noch mehr Wissen. Damit er unterwegs überall all das neu Erfahrene bequem zu Papier bringen konnte, ließ er sich einen klappbaren Schreibstuhl fertigen - ein solches Möbel ist Teil der Ausstellung. Sie informiert über Leibniz' Engagement für den Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse zwischen China und Europa ebenso wie über seine Tätigkeit als politischer Berater »bei Hofe« und seine ausgeprägte Kontaktfreudigkeit mittels schriftlicher Korrespondenz. Über 1300 Briefpartner hatte er - eine »Freundeszahl«n von der Nutzer heutiger sozialer Netzwerke oft nur träumen können.

Die von Leibniz erfundene Rechenmaschine fehlt nicht in der Präsentation - allerdings ist sie derzeit noch lediglich als Foto präsent. Doch im Laufe des Jahres soll in der Leibniz-Landesbibliothek das Original ausgestellt werden. Es ist nicht die einzige Erfindung des großen Mannes. Gedanken machte er sich unter anderem auch über die Konstruktion von Unterseebooten, eines Geräts zum Messen von Windgeschwindigkeit, sicheren Türschlössern und Maschinengewehren. Vielfalt, wie sie das Wirken des Gelehrten prägte, kennzeichnet das weitere Programm des Leibniz-Jahres in Hannover. Es spricht ein breites Publikum an, dennoch stehen Fachvorträge und ein Kongress für wissenschaftlich Interessierte im Kalender. Statt bei Referaten still zu sitzen, dürfen Kinder in Bewegung bleiben, wenn es für sie heißt: »Leibniz und seine Zeit«. Mädchen und Jungen können Barockkostüme anprobieren, es mit dem Tanzen und Fechten versuchen oder Grundregeln höfischer Tischmanieren kennen lernen.

Für Bewegung sorgt auch ein Geocoaching-Angebot unter dem Motto »Auf Leibniz' Spuren«. Dabei gilt es, »Verstecke«, die irgendwie mit dem Universalgenie zu tun haben, aufzuspüren. Vielleicht geht es dabei auch zu den Königlichen Gärten in Herrenhausen, wo ein Tempel die Büste des großen Mannes umschließt. Ohne Nase, Rowdys haben sie ihm abgehauen, blickt er auf das feudale Areal, in dessen Orangerie Konzerte mit Leibniz-Hintergrund zu hören sein werden. Zum kulturellen Angebot im Leibniz-Jahr zählt auch Musikalisches in der Neustädter Kirche. In ihr hat Leibniz seine letzte Ruhestätte gefunden, dort wird am Todestag - es ist der 14. November - eine Feier zu Ehren des Wahl-Hannoveraners ausgerichtet.

Den Philosophen ehren wollte auch der Keksfabrikant Hermann Bahlsen, als er 1891 ein flaches Buttergebäck »Leibniz-Keks« taufte. Über dessen Geschichte wird etwas im Rahmen einer Austellung hannoverscher Produkte zu erfahren sein - und dabei gibt’s auch die Antwort für den Heimatkundelehrer: Der Keks hat 52 Zähne.

Das Gesamtprogramm zum Leibnizjahr gibt es im Interet unter: www.hannover.de/leibniz

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