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Tschetschenen im Hinterland

Kadyrow hat laut TV-Doku »seine Leute« im Einsatz

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.

Glaubt man dem tschetschenischen Verwaltungschef Ramsan Kadyrow, sind in Syrien »tief im gegnerischen Hinterland« Kämpfer aus Spezialeinheiten der nordkaukasischen Teilrepublik im Einsatz und unterstützen die Angriffe der russischen Luftwaffe. Kadyrow behauptet, er habe »seine Leute« schon vor der Entstehung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ins Krisengebiet entsandt. Sie hätten den Befehl gehabt, radikalislamische Gruppen zu »infiltrieren« und Informationen zu beschaffen. Sie seien teilweise auf NATO-Basen für den Guerillakampf ausgebildet worden.

Eine Bestätigung blieb aus. Der Pressesprecher des russischen Präsidenten erklärte sich für unzuständig und verwies an kompetente Organe. Gemeint war in diesem Fall das Verteidigungsministerium. Dort sah man keinen Kommentierungsbedarf: Zum Einsatz russischer Truppen in Syrien sei bereits alles gesagt.

Bleibt also die Dokumentation des russischen Staatsfernsehens. Es gebe Verluste, aber »die Jungs haben gewusst, worauf sie sich einlassen«, sagt darin Ramsan Kadyrow. Ein Ausschnitt lief bereits Sonntagabend, die Vollversion wird Mittwochabend ausgestrahlt. Experten sind gespannt, was da wohl noch alles kommen mag.

Präsident Wladimir Putin hatte mehrfach erklärt, Moskau werde in Syrien keine Bodenkämpfe führen. Doch die weit über 5000 Einsätze, die Russlands Luftwaffe seit dem 30. September flog, belasten den Haushalt und Moskaus ohnehin massiv gestörtes Verhältnis zum Westen.

Kadyrow, der sich selbst gern als »Putins Infanterist« bezeichnet, hatte sich schon kurz nach Beginn der Luftschläge für russische Bodentruppen ins Zeug gelegt. Allein in Tschetschenien, so zitierte ihn die Wirtschaftszeitung »rbk«, würden Tausende Freiwillige Gewehr bei Fuß stehen. Und die kritische »Nowaja Gaseta« hatte im Oktober Quellen in Tschetschenien aufgetan, die von der Entsendung erster Freiwilliger berichteten. Eigens dazu seien aus dem Bataillon »Sewer« - eine Sondereinheit mit unklar definierten Kompetenzen, die nicht Moskau, sondern Kadyrow direkt untersteht - zwei Dutzend Kämpfer beurlaubt worden.

Allerdings glauben viele Beobachter, darunter auch Franz Klinzewitsch, Vizechef des Verteidigungsausschusses im russischen Senat, Kadyrow habe trotz seiner Sonderstellung kein Mandat, auf eigene Rechnung Soldaten nach Syrien zu entsenden.

Kadyrows »Leute« würden in Syrien wenig Nutzen bringen, weil sie kein Arabisch können und die Gegend nicht kennen, glaubt auch der tschetschenische Politologe Ruslan Martagow. Kadyrow bluffe, sagte er beim russischen Dienst des US-Auslandssenders »Radio Liberty«. Mit seinen Auslassungen wolle er bei dem IS vor allem Misstrauen gegen Tschetschenen und andere Nordkaukasier erzeugen, die in den Reihen der Terrororganisation kämpfen.

Der Politologe Sergei Markow hält Kadyrows Behauptungen für glaubwürdig. Dass Tschetschenen in Syrien kämpfen und den IS »von innen zersetzen« sollen, sei seit längerem bekannt, bisher nur nicht an die große Glocke gehängt worden, sagte er dem Radiosender »Echo Moskwy«.

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