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Gegen Bratwurstideologen

Haidy Damm über Fleischverzicht und das vermeintliche Recht auf die tägliche Wurststulle

Massenhafter Fleischkonsum schadet dem Klima. In der Landwirtschaft fördert der Fokus auf Fleisch die Monokultur der Agrarindustrie, führt weltweit zu Flächenfraß und Vertreibung von Kleinbauern. Viele Menschen versuchen, diesem Zustand in ihrem Alltag etwas entgegenzusetzen, indem sie bewusster konsumieren. Andere bestehen auf ihrem täglichen Schnitzel, als hinge ihr Leben davon ab. Die Hysterie, die die Forderung nach Fleischverzicht hierzulande noch immer auslöst, ist interessant. Was genau wird da verteidigt?

Die deutsche Wohlstandsgesellschaft hat sich ihr Recht auf Fleischkonsum mit harter Maloche erarbeitet, ist eine Interpretation. Fleischverzicht geht dabei einher mit einem Angriff auf die Werktätigen, denen die meist »grüne« Mittelklasse jetzt auch noch die tägliche Wurst von der Stulle klauen will. Keine Frage, die Mittelklassebiodeutschen, die Slow Food zum Lifestyle erkoren haben und sich als Avantgarde produzieren, nerven. Und sie schaden der Auseinandersetzung um eine andere Landwirtschaft: Wer nur die Preise im Blick hat, bleibt in kapitalistischer Marktlogik verhaftet und ignoriert die soziale Frage. Aber warum deswegen ein Recht generiert wird, täglich die Fleischindustrie mit all ihren negativen Begleiterscheinungen zu unterstützen, erschließt sich nicht. Für eine andere Landwirtschaft braucht es eine Auseinandersetzung über den Wachstumsmythos, aber dafür muss auch der hemmungslose Konsum aufhören.

Weltweit gibt es Landwirtschafts- und Ernährungsprojekte, die das Verhältnis zwischen Konsumenten und Bauern verändern. In Argentinien beliefern Kleinbauern aus dem Dorf die Schulmensa in der benachbarten Kleinstadt mit Biogemüse und bringen Kindern Ackerbau bei. In Benin stellt ein großes Bauernnetzwerk einheimische Produkte für Märkte in der Hauptstadt Cotonou. In Indien kämpfen Kleinbauern gegen die Liberalisierung des Milchmarktes, weil damit die Lebensgrundlage von Millionen zerstört würde. In Japan gibt es ebenso einen Boom bei der Direktvermarktung wie in den USA. In Deutschland werden solche Modelle oftmals mit Argwohn betrachtet und in die bereits erwähnte grüne Mittelstandsecke gestellt. Dabei geht es im Grunde um die Schaffung dezentraler Wirtschaftsstrukturen, regionale Vermarktung, letztlich um eine kommunale Ernährungspolitik, die Ernährungssouveränität sichert. Nicht nur in Ländern, die weit weg liegen vom heimischen Lidl und in denen Bauern Kämpfe führen, die auch von einigen Linken hierzulande gerne aus der Ferne beklatscht werden.

Nun bringt Fleischverzicht nicht die Revolution, ergibt aber trotzdem aus antikapitalistischer Sicht Sinn, wenn damit eine Auseinandersetzung über Agrarindustrie und Handelsstrukturen verbunden ist. Lidl, Tengelmann und KTG Agrar greifen tief in den Alltag aller ein. Das zu ignorieren, um den billigen Schweinebraten zu verteidigen, lohnt nicht. Besser wäre es, eine andere Ernährungspolitik voranzubringen und die Avantgarde-Gourmets dabei links liegen zu lassen.

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