Werbung

Hätte, könnte, Würde

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Stimmung lässt sich auf viele Arten machen. Entweder man poltert laute Parolen, die keinen Deutungsspielraum lassen. Oder man flüstert leise Doppeldeutigkeiten und lässt Interpretationen offen. Letzteres ist in Tagen, da man sich der Boshaftigkeit nicht mehr entblödet, unverantwortlich.

Auf der Internetseite des »Stern« konnte man letzte Woche folgende Schlagzeile lesen: »Bis zu 300.000 Flüchtlinge arbeiten schwarz«; untertitelt wurde die Überschrift mit »... daher boomt unter den Asylsuchenden die Schwarzarbeit«. Das ist eine miese Geschichte, dachte ich mir. Da werden die Rechten gleich wieder meinen, dass sie ein Argument gefunden hätten. Wenn man dann den darunter platzierten Artikel las, erfuhr man etwas über eine Analyse des Tübinger Instituts für Angewandte Wirtschaftswissenschaften und der Universität Linz. Darin gehe es um Schwarzarbeit und andere Illegalitäten. Unvermittelt dann noch folgender Satz: »Zwischen 100.000 und 300.000 Flüchtlinge könnten in diesem Jahr in Deutschland schwarzarbeiten, am plausibelsten erscheint laut Studienautor Schneider der höhere Wert.« Ach, alles nur Konjunktiv, da Prognose? Im Titel des Textes klang das noch viel faktischer. Genau das schließt der besagte Autor aber auch aus, er spricht von einer Annahme, nicht von Fakten.

Es könnten so viele Geflüchtete in die Schattenwirtschaft abwandern. Könnten. Möglichkeitsform eben. Solange etwas nicht ist, kann es immer auch noch anders geschehen. Das müsste man dem »Stern« vielleicht mal vermitteln. Man müsste dem Konjunktiv auch in der Überschrift gerecht werden. Wegen Qualitätsjournalismus und so. Aus Spekulation wird nicht Tatsache, nur weil man des Konjunktivs nicht mächtig ist.

Bin ich vielleicht nur dünnhäutig oder kleinlich, pedantisch gar und geile mich an einem Fehler auf, der mal passieren kann unter sich irrenden Menschen? Nein, gar nicht! Denn es sind haargenau diese unsauber gefertigten Informationen, die zur derzeitigen Stimmungsmache beitragen. Dass der textliche Inhalt ja dann alles in ein anderes Licht rückt, taugt nicht als Ausrede, denn die Klientel, die sich jetzt auf jedes Fitzelchen stürzt, das zur Untermauerung des eigenen eindimensionalen Weltbildes beiträgt oder es sogar noch untermauert und stabilisiert, ist nicht unbedingt dafür bekannt, sehr eindringlich Texte zu lesen und das Erlesene inhaltlich zu erfassen. Eine laue Überschrift reicht dann schon aus, um bei Facebook die nächste Welle zwischenmenschlicher Zerstörungswut zu erzeugen. Da pesten sie dann herum, dass selbst der »Stern« ja nun meldet, wie Asylanten tatsächlich schwarzarbeiten und uns unsere Arbeit wegnehmen würden. Dass der Artikel dann die Überschrift Lügen strafte, juckt dann keine alte Nazisau mehr.

Man kann laut polternd und zur Dramatisierung beitragen. Wie nach Köln. Oder man flüstert leise unzureichende Sätze, die nicht oder nur wenig von der wirklich wahren Wahrheit in sich tragen, macht Prognosen zu Tatsachen und Spekulationen zu Gewissheiten. Das ist unter normalen Umständen schon eine journalistische Sünde, eigentlich Arbeitsverweigerung und Unterlassung. »Qualitätsjournalismus« sollte selbst in ruhigeren Zeiten reißerische Überschriften, die überdies nichts mit dem Sujet zu tun haben, vermeiden. Jetzt aber, da es diesen Mob gibt, der sich selbst Meldungen aus den Fingern saugt, der resistent gegen jede Sachlichkeit ist, der immer dann kläfft, wenn man ihm eine Wurst vor das Schandmaul hält, muss man besonders vorsichtig sein. Ja, weil es denen an sachlicher Einschätzung fehlt, muss man erst recht mit journalistischer Sachlichkeit auftreten, um nicht als Stimmungskanone missbraucht zu werden.

Diese Forderung hat nichts mit Parteinahme pro Asyl zu tun, nicht mit Verpflichtung zur »Lügenpresse«, sondern mit Informationspflicht. Im Zeitalter schneller Überschriften und Massenverbreitung von Schlagzeilen und -worten, müssen besonders jene Medien, die sich jetzt als Stimmen der Vernunft neben Pegida, AfD und ihren Cyberhorden selbstinszenierten, auch vernünftig auftreten. Für die Würde des eigenes Berufsstandes und die des Menschen, die jetzt überall angegriffen wird. Würde? Klingt auch nach Konjuntkiv, nach Spekulation. Ist sie aber nicht: Sie ist Fakt und sollte das Anliegen von denen sein, die das Land mit Informationen versorgen.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Eintritt frei.

Wir feiern ndLive!

Bands, Politik, Literatur und Spaß für Kinder.

Das Programm