Werbung

Schlosserjungs und hippes Partyvolk

Folge 86 der nd-Serie »Ostkurve«: Nach 50 Jahren in Köpenick will der 1. FC Union Berlin die Stadt erobern. Das gefällt nicht jedem

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 5 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Nicht selten musste der 1. FC Union Berlin gerettet werden. Nun ist er so stark, selber helfen zu können. Und der Klub will weiter wachsen: Über die Art und Weise wird in Köpenick diskutiert.

Am Sonntag wird die Atmosphäre in der Alten Försterei wieder etwas mehr von Toren und Punkten bestimmt. Der TSV 1860 München kommt zum ersten Pflichtspiel in Köpenick nach der Winterpause zum 1. FC Union Berlin. Pfeifen werden die Fans natürlich auch diesmal nicht. Und im Falle einer Niederlage wird die Mannschaft auf der Ehrenrunde wie immer gefeiert werden.

Vor zwei Wochen gingen in der Alten Försterei zwei Mannschaften nach Spielende auf die Ehrenrunde, und die Gäste wurden noch leidenschaftlicher als das eigene Team angefeuert. »Austria, Austria« - immer wieder schallte der Schlachtruf durchs Stadion. Spieler, Trainer, Betreuer und Fans aus Salzburg waren überwältigt. Das Benefizspiel für den von Fans gegründeten und mittlerweile von der Insolvenz bedrohten österreichischen Zweitligisten mit anschließender Fanparty in der Haupttribüne des Stadions war der Abschluss der Feierlichkeiten zum 50. Vereinsgeburtstag des 1. FC Union. Begonnen hatten sie am am 20. Januar, dem Jubiläumstag, mit der Mitgliederversammlung im Velodrom. Vier Tage später folgte ein Freundschaftsspiel gegen Borussia Dortmund. Am 29. Januar zog der Klub in Berlins Mitte: »Wir werden ewig leben« stand über der Volksbühne - gefeiert wurde die ganze Nacht. Insgesamt hat der Klub zehn lange Tage gefeiert, die Art und Weise verrät viel über seine Geschichte, Gegenwart und den Kampf um die Zukunft.

»Danke BVB«, rief Stadionsprecher Christian Arbeit am 24. Januar in sein Mikrofon. Der Zweitligist hatte gerade das Freundschaftsspiel mit 1:3 verloren und Arbeit verabschiedete die Dortmunder in der Hoffnung, dass man sich bald wiedersehen möge. Die Reaktionen auf den voll besetzten Rängen an dem sonst sehr stimmungsvollen Nachmittag in der Alten Försterei blieben verhalten. Nicht, weil die Borussia so unbeliebt wäre. Sondern weil längst nicht alle bedingungslos den großen Wunsch des sportlichen Aufstiegs mit der Vereinsführung teilen. Die 1. Liga gibt’s eben nicht umsonst.

Ärger gab es deswegen schon vor dem Spiel. Nicht wenige Vereinsmitglieder hatten sich beschwert, dass die Karten für das Jubiläumsspiel ohne Vorkaufsrecht sofort in den freien Handel gegeben wurden. Präsident Dirk Zingler begründete die Maßnahme damit, dass sich der Klub öffnen müsse. Der 1. FC Union dürfe nicht mehr nur als Köpenicker Kiezklub, sondern müsse als Gesamtberliner Verein wahrgenommen werden. Das Ziel: neue Einnahmequellen.

Auf der Mitgliederversammlung vermied Dirk Zingler diesmal Reizworte wie »Investoren« oder der Verein als »Marke«. Auf welchen Wegen er das ehrgeizige Ziel, den 1. FC Union Berlin dauerhaft unter den besten 20 deutschen Klubs zu etablieren, erreichen will, beschrieb er nur vage und nutzte das Jubiläum als Brücke: »Die vergangenen 50 Jahre halten wir am besten mit einer erfolgreichen Zukunft in Ehren.« Vom erfolgreichen Weg in die Gegenwart konnte man sich im Velodrom überzeugen. Über 4000 Mitglieder waren gekommen: Zweitligakonkurrenten wie Sandhausen oder der FSV Frankfurt haben einen nur knapp höheren Zuschauerschnitt in ihren Stadien. Insgesamt hat der Verein mehr als 12 500 Mitglieder. Zum Vergleich: Energie Cottbus, mit sechs Erstligajahren lange neben Hansa Rostock der erfolgreichste Klub aus der DDR-Oberliga im Profifußball, hat 2000 Mitglieder. Die Nummer eins im Jetzt ist der 1. FC Union Berlin. Mehr als 20 000 Fans kommen durchschnittlich zu den Heimspielen, der Klub macht einen Umsatz von 26 Millionen Euro.

Seine Rede beendete Dirk Zingler mit der Aufforderung: »Unioner, lasst uns weiter mutig sein.« Mutig waren früher, in den ersten knapp 24 Jahren der Vereinsgeschichte, vor allem die Fans - als Unzufriedene und Gegner des Politischen Systems. Immer mutiger und selbstbewusster wurde später der Verein. Als er sich beispielsweise im Oktober 2012 entschlossen gegen das Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball Liga wehrte. Oder wie in diesem Jahr, am 31. Januar. Nach dem am Rande des Benefizspiels gegen Austria Salzburg durch einen Polizeieinsatz 80 Menschen verletzt wurden, widersprach der Verein der Darstellung, dass das Verhalten der Fans die Situation eskalieren ließ - und erwirkte eine Klarstellung durch die Polizei. Selbstverständlich ist das nicht im deutschen Fußball.

Für viele Fans ist das Recht auf Mitbestimmung selbstverständlich. Im November 2014 reagierten sie auf die Entwicklungen im Verein, Worte wie »Investor« und »Fremdkapital« waren schon gefallen. In mehreren Diskussionsrunden legten sie sich beim Fanclubtreffen auf die Mitbestimmung als ihren größten Wert fest. »Dagegen kann sich niemand stellen, kein Präsident, kein Wirtschaftsrat«, sagt Sig Zelt von der Fanvereinigung »Eiserner Virus«. Dass der Verein über den Sport wahrnehmbarer werden müsse, sieht Zelt ebenso wie Zingler.

Der 1. FC Union will aber auch auf anderen Ebenen sichtbarer werden. In der Stadt. Und darüber wird dann diskutiert. Als Jürgen Kuttner auf der Programmliste zur Party in der Volksbühne auftauchte, lehnten das viele in den Fanforen wegen seiner Stasi-Kontakte ab. Zwar schlug Kuttner dann in seinem Videoschnipsel-Vortrag gekonnt die Verbindung zwischen Verein und Ort - die Schlosserjungs vom FDGB-Klub im Arbeitertheater -, wirklich erreicht hat er die Unioner aber nicht. Und wirklich viele waren auch nicht gekommen, dafür war zwischen Rotem und Grünem Salon auffallend viel hippes Partyvolk unterwegs und tanzte zu den Sounds von DJ Westbam. Dirk Zingler auch.

Viele Fans waren zum Benefizspiel für Austria Salzburg gekommen: 9600! Der Abschluss der Feierlichkeiten war auch deren größter Moment. Im Spiel gegen Dortmund, dem Jubiläumsspiel, zeigte die große Stadionchoreographie auch noch mal die nicht seltenen Etappen, als der 1. FC Union selber finanzielle Hilfe brauchte. Nun kann und will der Verein selber helfen.

»Bei aller Aktualität und Unzufriedenheit über die schlechte Hinrunde relativiert sich alles, wenn man sich über den 50. Vereinsgeburtstag unterhält«, hatte Dirk Zingler im Dezember gesagt. Nun ist die Party vorbei. Jetzt gilt die Konzentration wieder ganz dem Ziel, »den Verein sportlich und wirtschaftlich weiterzuentwickeln.« Kurzfristig heißt das, für eine bessere Rückrunde Trainer und Mannschaft bestmöglich zu unterstützen. Für langfristige Erfolge wurde die Struktur der Vereinsführung umgestaltet und mit Helmut Schulte ein neuer Leiter der Lizenzspielerabteilung verpflichtet. Zur besseren finanziellen Nutzung und einer möglichen Erweiterung des Stadions wurde eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Da wollen die Fans sicher mitbestimmen. Schließlich haben viele an der Alten Försterei mitgebaut und sind Stadionaktionäre.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen