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Herrscher über das Kapital

Niemand verfügt über mehr Geld als der Vermögensverwalter Blackrock. Regierungen und Zentralbanken suchen die Nähe der größten Schattenbank der Welt

  • Von Guido Speckmann
  • Lesedauer: 8 Min.

New York im Mai 2014: Auf dem Podium einer von der Deutschen Bank organisierten Konferenz sagt ein unscheinbar wirkender Mann zum damaligen Co-Chef der Deutschen Bank, Anshu Jain: »Das hat doch aber Spaß gemacht, nicht wahr?« Jain hatte gerade den anwesenden Vermögenden erläutert, dass seit der Finanzkrise viele Geschäfte, wie zum Beispiel der Eigenhandel mit Wertpapieren, verschwunden seien. Die Bemerkung des Mannes, der auf den Namen Laurence Douglas Fink hört, bezog sich auf die umstrittenen Wetten in der Finanzsphäre, die die globale Wirtschaft 2008 fast zur Kernschmelze getrieben hatten.

Jain, der sich als Investmentbanker in London eben mit jenen Geschäften auf der Karriereleiter der Deutschen Bank nach oben gearbeitet hatte, ist heute nicht mehr Vorsitzender der Deutschen Bank. Zum Verhängnis wurden ihm nicht nur hochriskante Wettgeschäfte, sondern auch seine Verstrickung in die Manipulation des Referenzzinssatzes Libor. Machenschaften, die die Deutsche Bank zu Rückstellungen in Milliardenhöhe zwangen. Und auch der Rekordverlust für das Geschäftsjahr 2015, der Anstieg der Prämien für die Kreditausfallversicherungen sowie der Absturz des Aktienkurses sind als Spätfolgen des unter Jain als Leiter der Investmentabteilung in London praktizierten Geschäftsmodells zu verstehen.

Die Probleme des führenden deutschen Geldhauses und der Scherz des Larry Fink - sie stehen paradigmatisch für die Gewichtsverlagerungen auf den internationalen Finanzmärkten. In der Öffentlichkeit bekannte Bankhäuser wie die Deutsche Bank, BNP Paribas, JP Morgan Chase, Barclays oder Goldman Sachs verlieren seit dem Desaster der Finanzkrise an Bedeutung, weil internationale Regulierungen ihr ungezügeltes Treiben zumindest etwas begrenzen. Während der Blick der Öffentlichkeit indes weiter auf Banken, Hedgefonds oder Private-Equity-Fonds ruht, gewinnen in deren Schatten andere Akteure an Bedeutung: Geldmarktfonds und vor allem sogenannte Asset Manager, Vermögensverwalter. Dieser Sektor wird auch als Schattenbankensektor bezeichnet. Der mit Abstand größte Akteur in diesem Feld ist Blackrock, ein Vermögensverwalter mit Sitz in New York, dem der eingangs erwähnte Fink vorsteht. Der Name Blackrock sagt nur aufmerksamen Lesern von Wirtschaftsteilen überregionaler Zeitungen etwas, und nur die wenigsten dürften Larry Fink erkennen, wenn sie sein Gesicht in den Medien sehen, während Ackermann, Jain und jetzt Cryan weitaus bekannter sind.

Diese Wahrnehmung könnte sich bald rächen. Denn längst verfügt Blackrock über so viel Kapital und hat eine so dominante Stellung unter den Vermögensverwaltern, dass damit erhebliche Risiken verbunden sind. Möglicherweise werden Wirtschaftswissenschaftler und Journalisten in wenigen Jahren abermals verdattert auf den Kladderadatsch blicken, so wie sie es vor acht Jahren taten. Denn während sich die Regulierungen - keineswegs zu Unrecht - auf die Bankhäuser konzentrieren, weicht das nach wie vor überakkumulierte und anlagesuchende Kapital in völlig unregulierte Sphären aus.

Und es konzentriert sich in den Händen von Blackrock, von Larry Fink. Nie in der Geschichte der Menschheit hat sich die unvorstellbare Verfügungsmacht über so viel Geld - derzeit 4,65 Billionen US-Dollar - in der Hand eines einzelnen Unternehmens geballt. Um sich der Dimension klar zu werden: Das Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik Deutschland beträgt 3,8 Billionen Dollar, alle Private-Equity-Fonds und Hedgefonds der Welt zusammen kommen nicht auf die Summe, mit der die 12 000 Mitarbeiter von Blackrock jonglieren. Die Finanzjournalistin Heike Buchter, Autorin eines Buches über die größte Schattenbank der Welt, hält pointiert fest: »Blackrocks Finanzarme reichen heute fast überall hin. Die New Yorker halten Anteile von Unternehmen in so gut wie allen Branchen, auf allen Erdteilen. Gleichzeitig sind sie auch Gläubiger von Tausenden Unternehmen. Fink & Co. sind Eigentümer und Kunde der größten Banken der Welt. Sie agieren als Schattenbank, Hedgefonds und Big-Data Staubsauger. Blackrocks Vertreter sind Einflüsterer von Notenbankern und Behörden, den Strippenziehern in Washington und Brüssel.«

Der Weg dorthin indes war lang und beschwerlich. Laurence Douglas Fink, genannt Larry, wächst als Sohn eines Schuhverkäufers und einer Englisch-Professorin auf und hilft im zarten Alter von zehn seinem Vater im Laden aus. Nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre und Politikwissenschaften heuert er Mitte der 1980er Jahre als Trader bei der Investmentbank Firma First Boston an. Dort entwickelte Fink die sogenannten Mortgage-backed Securities, jene »hypothekenbesicherten Wertpapiere«, die einem breiteren Publikum erst mit der US-Subprimekrise bekannt werden sollten. Doch schon zuvor richteten sie Schaden an - und einer der Hauptleidtragenden war ihr Erfinder Larry Fink. Als US-Präsident Ronald Reagan Anfang der 1980er Jahren beginnt, die USA neoliberal zu deregulieren, wird auch der Leitzins gesenkt. Eine Maßnahme, mit der Fink nicht gerechnet hatte. First Boston verlor 100 Millionen Dollar - und Fink seinen Job.

Ein traumatisches Erlebnis, denn von nun an wird Fink eine Sicherheits-Paranoia nachgesagt. Die allerdings sollte sich als das Erfolgsrezept für die 1988 als Ein-Zimmer-Büro unter dem Dach der Investmentgesellschaft Blackstone entstandene Firma Blackrock erweisen. Die Sicherheits-Paranoia hört auf den Namen »Aladdin« und ist ein hochkomplexes Computersystem. 6000 Rechner führen Hunderte Millionen Kalkulationen pro Woche aus. Ziel ist es, Risiken jeglicher Art für eine gewinnbringende Kapitalanlage einzuschätzen, seien es Finanzblasen, Dürren oder politische Unruhen. In einer Zeit, in der mittlerweile 70 Prozent des Aktienhandels, 50 Prozent des Devisenhandels und 40 Prozent des Anleihenhandels mit dem Computer durchgeführt werden, ist das ein Pfund, mit dem zu wuchern ist. »Aladdin«, so zitiert Buchter den Blackrock-Manager Rob Goldstein, »sei eine Art Kernspintomograph für die Anlageportfolios von institutionellen Investoren«. Man kann auch Big-Data-Maschine des Finanzkapitalismus dazu sagen. Und diese überwacht rund 14 Billionen Dollar, denn Blackrock bietet die Dienste »Aladdins« auch anderen Investoren und Regierungen an. Über 150 institutionelle Investoren seien bereits Kunden, darunter die größten Anleger der Welt, Pensionskassen, Stiftungen und Staatsfonds, so Buchter.

Als 2007 die Immobilienblase platzte, schlug die Stunde von Blackrock. Finks Unternehmen wurde von der US-amerikanischen Regierung beauftragt, das Risikomanagement der toxischen Finanzpapiere zu übernehmen, die der US-Staat mit der Verstaatlichung der Pleite-Banken oder dem Versicherungsunternehmen AIG übernommen hatte. Es schadete freilich nicht, dass der damalige Finanzminister Timothy Geithner ein Freund Finks ist, sie telefonierten häufig in der Krisenzeit. Inzwischen ist der schwarze Riese ein wichtiger Partner von rund 50 Notenbanken, die ihre Reserven von ihm analysieren lassen. Auch für die irische und die griechische Regierung übernahm Blackrock Berater- und Analysetätigkeiten. Gegen stattliche Gebühren. 30 Millionen Dollar überwiesen die Iren nach New York. So entwickelte sich der wenig aufregende Vermögensverwalter zu einem wichtigen Akteur hinter den Kulissen von Hochfinanz und Politik

2009 dann ein weiterer Meilenstein auf den Weg zum größten Finanzverwalter: Blackrock übernahm die Vermögensverwaltung der britischen Bank Barclays. Dadurch erwarb das Unternehmen die Rechte an der Indexfondssparte iShares, die als Zukunft des Investmentgeschäfts gilt. Beachtlich sind überdies Blackrocks Beteiligungen an Unternehmen in der ganzen Welt. Dem »Economist« zufolge gab es Ende 2013 unter den 14 weltgrößten Unternehmen kein einziges, an dem Blackrock nicht als größter oder zweitgrößter Eigner beteiligt gewesen ist. Der schwarze Riese ist größter Aktionär bei Apple, Exxon Mobil, Micro-soft oder General Electric und ist auch an jedem deutschen DAX-Konzern beteiligt - sei es ThyssenKrupp, Siemens, Bilfinger, Adidas oder BASF. Zwar liegt der Anteil meist nur bei zwei bis sechs Prozent. Doch da sich 80 Prozent der DAX-Aktien in Streubesitz befinden, genügt es bereits, wenn man Anteile im geringen Prozentbereich hält, um Einfluss auszuüben.

Und wem gehört Blackrock? Laut einer Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) verteilen sich 75 Prozent der Anteile auf drei Großbanken: Merrill Lynch, Barclays und PNC Financial Services, an denen wiederum Blackrock beteiligt ist. Grundlage der aufsehenerregenden ETH-Studie aus dem Jahr 2011 waren Daten aus 2007. Ein zentrales Ergebnis: Nur 147 Unternehmen, vornehmlich aus dem Finanzbereich, kontrollieren die Hälfte der globalen Wirtschaft. Blackrock ist eines der wichtigsten.

Gleichwohl ist der Titel dieses Textes - »Herrscher über das Kapital« - eine bewusste Verkürzung und Zuspitzung. Er will den Fokus auf ein Unternehmen wie Blackrock lenken, das unter dem Radar der Öffentlichkeit immer mehr Macht gewinnt. Die Überschrift ist verkürzend, weil sie die polit-ökonomische Grundstruktur, die ein Phänomen wie Blackrock erst ermöglicht, ausblendet. Und diese ist trotz Krise immer noch durch einen neoliberal deregulierten Finanzmarktkapitalismus geprägt, der durch Umverteilung und Privatisierung eine gigantische Konzentration von Geld und überakkumuliertem Kapital in den Händen weniger ermöglicht.

Die Gefahr des Finanzmarktkapitalismus im Allgemeinen und von Blackrock im Besonderen liegt dabei in der ungeheuren Menge an Kapital, das von einem Unternehmen allein verwaltet wird, und darin, dass durch das Computersystem »Aladdin« ein quasi Monopol entstanden ist. Immer stärker entscheiden Investoren nach Blackrocks Kriterien, das Herdenverhalten droht sich auszuweiten. Und dieses wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit von neuen Crashs an den Finanzmärkten.

Dringlich wäre es also, den Verschiebungen an den Finanzmärkten analytisch Rechnung zu tragen. Die traditionellen Banken, auf die sich der Unmut der Öffentlichkeit richtet, sind nicht mehr das Hauptproblem. Es ist der unregulierte Schattenbanksektor mit Blackrock an der Spitze. Dafür spricht auch, dass in London und New York Investmentbanker zu Hedgefonds oder Beteiligungsgesellschaften wechseln, weil es dort keine Beschränkungen der Boni durch Aufsichtsbehörden gibt.

Eines macht die Sache allerdings kompliziert: Blackrocks Larry Fink taugt nur bedingt in der Rolle des geldgierigen, skrupellosen Finanzmenschen. Wenn er die weitere Privatisierung der Rentensysteme propagiert, ist er Teil des neoliberalen Mainstreams. Mit diesem scheint er zu brechen, wenn er sich wie kürzlich gegen zu hohe Dividenden und für ein Ende des kurzfristigen Shareholderkapitalismus ausspricht.

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