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Zwischen den Türen

Problem im öffentlichen Nahverkehr: Bis zu fünf Prozent der Aufzüge sind defekt

Defekte Aufzüge im öffentlichen Nahverkehr sind ein Ärgernis. Doch für viele sind sie unabdingbar für ihre Bewegungsfreiheit. In Berlin sind rund fünf Prozent der Aufzüge permanent kaputt.

Adina Hermann rollt gut gelaunt zur Arbeit. Die Sonne lugt zaghaft zwischen Wolkenspalten hervor. Doch am S-Bahnhof Frankfurter Allee ist erst mal Schluss. Der Aufzug funktioniert nicht. Ein runder Aufkleber verklebt die beiden Aufzugstüren, »Defekt« steht darauf. »Mist«, entfährt es ihr. Adriana Hermann ist, seit sie elf ist, auf den Rollstuhl angewiesen - und damit auf Aufzüge im öffentlichen Personennahverkehr. Muskelerkrankung diagnostizierte ein Arzt damals - sie wurde operiert. Hermann ist ein fröhlicher Mensch, reist trotz Behinderung gerne. Aber wenn sie mit S- oder U-Bahn unterwegs ist, fährt das belastende Gefühl immer mit, es könnte einer der Aufzüge defekt sein, ein unfreundlicher Busfahrer sie stehen lassen oder Fahrgäste sie genervt anstarren, wenn es mal wieder etwas länger dauert.

Die S-Bahn tut viel, um Bahnhöfe barrierefrei zu gestalten. 94 Prozent der S-Bahnhöfe sind mittlerweile barrierefrei ausgestattet - das ist bundesweit spitze. Bei der BVG sind es nur zwei Drittel. Insgesamt 238 S-Bahn-Aufzüge betreibt die dafür zuständige DB Station & Service. Allerdings waren laut Qualitätsbericht des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) im Durchschnitt drei bis fünf Prozent der Fahrstühle im vergangenen Jahr defekt.

Kurzzeitig können die Werte noch höher sein. So waren zum Beispiel laut der vom Verein Sozialhelden betriebenen Internetseite brokenlifts.org am 28. Januar insgesamt 24 Aufzüge im Stadtgebiet defekt. »Nicht fahrende Aufzüge sind besonders ärgerlich«, sagt Hermann. Sie arbeitet als bei den Sozialhelden als Grafikerin. »Wenn ich weiß, es gibt keinen Aufzug, kann ich die Station umgehen. Wenn der Aufzug überraschend kaputt ist, dann ist das besonders doof«.

Sie erzählt, wie das vor allem auf abgelegenen Bahnsteigen zum Problem werden kann: »Ich hatte es schon mal in der Nacht, da bin ich ausgestiegen und kam nicht mehr runter vom Bahnsteig. Ich fand zum Glück Passanten, die mich samt Rollstuhl die Treppe runtertrugen«. Laut DB Station & Service gebe es ein paar typische Probleme: »Die mit Öldruck betriebenen Anlagen erwiesen sich gerade in Temperaturrandbereichen als störanfällig«, sagt DB-Presseprecher Gisbert Gahler. Ein weiteres großes Problem sei Vandalismus: »Ein Tritt in die Türbereiche zum Beispiel führt zumeist zu Störungen an den Schienen- und Lichtschrankensystemen«.

Die Firma Schindler, von der ein Großteil der Aufzüge stammen, gibt auf ihrer Webseite zwar eine mögliche Verfügbarkeit von 99,5 Prozent an, relativiert diese Angabe auf Nachfrage aber wieder. »Das kann man nicht pauschal für alle Aufzüge gewährleisten«, die Aufzüge der S-Bahn seien »erheblichen Belastungen durch Witterung und Vandalismus ausgesetzt. Wenn sich jemand vorgenommen hat, einen Aufzug zu zerstören, wird er es auch irgendwie schaffen«, sagt ein Sprecher. Laut VBB konnte 2015 zwar »der überwiegende Teil der Aufzugsstörungen innerhalb weniger Tage, häufig noch am selben Tag, behoben werden«. Jedoch entstünden immer wieder bei einzelnen Aufzügen sehr lange Ausfallzeiten. Bei 44 Prozent der Aufzüge habe es im letzten Jahr eine Woche oder länger gedauert, bis sie repariert waren.

»Zu lange«, findet Timo Hermann, der die private Webseite mobilista.eu mit Reisetipps für Menschen im Rollstuhl betreibt. »Ich habe mal mit einem Techniker geredet, der sagte, oft seien Ersatzteile aus wirtschaftlichen Gründen nicht auf Lager und müssten zeitaufwändig bestellt werden.« So direkt schreiben das BVG und S-Bahn Berlin in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der CDU nicht, bestätigen jedoch, dass sie »kostenintensive Lagerhaltung« nach Möglichkeit vermeiden. Für Hermann sind Rampen, wie am S-Bahnhof Schönefeld, eine Option, die man wieder in Betracht ziehen sollte. »Die können nicht kaputt gehen.«

Dass Aufzüge qualitativ nicht immer in gutem Zustand sind, stellt der Verband der TÜV (VdTÜV) regelmäßig fest. Die letzten Prüfungen im Jahr 2014 zeigten, dass »nicht einmal die Hälfte der Aufzugsanlagen mängelfrei waren«, so der VdTÜV in der Mängelstatistik 2015. Bei 13 Prozent der Aufzüge stellten die Prüfer sicherheitserhebliche Mängel fest. Der Anteil der Aufzüge mit gefährlichen Mängeln liegt bei 0,66 Prozent. Doch woran liegt der zum Teil schlechte Zustand der Anlagen? Hans M. Jappsen, Ingenieur für Aufzüge, sieht es folgendermaßen: »Der Aufzugslieferant muss die Aufzugskomponenten so billig wie möglich einkaufen«. Die Folge: »Qualität bleibt dabei auf der Strecke. Alle Firmen beziehen einen Großteil der verwendeten Aufzugskomponenten von Komponentenherstellern. Die gibt es in allen Qualitätsstufen. Langfristig ist Qualität in jedem Fall die bessere und die billigere Lösung.«

Andi Weiland von den Sozialhelden freut sich derweil immerhin über eine Transparenzoffensive der Bahn und ihrer Töchter. »Als wir die brokenlifts.org starteten, waren alle Verkehrsunternehmen sehr kooperativ. Mittlerweile haben wir bereits 430 Aufzüge im System«. Gerade plane die Bahn, ihre Daten zu öffnen und unter anderem Aufzugsdaten bundesweit verfügbar zu machen. »Das ist eine sehr interessante Initiative«, findet Weiland. Wenn zusätzlich immer mehr Aufzüge mit Sensoren ausgestattet würden, die einen Defekt sofort an eine Zentrale melden, wäre immerhin ein Informationssystem in Echtzeit für Rollstuhlfahrer, gehbehinderte Personen aber auch Eltern mit Kinderwägen möglich.

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