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Solidarität in DIN A5

Die Lateinamerika Nachrichten haben ihre 500. Ausgabe gedruckt

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Die »Lateinamerika Nachrichten« berichten seit 1973 über den Subkontinent. Ein großes Netzwerk in der Region sichert eine Berichterstattung aus Ecken, wo nicht viele Korrespondenten hinfahren.

Wer zur Redaktion der Lateinamerika Nachrichten will, bekommt en passant einen politischen Lehrgang in linksalternativem Aktivismus. Denn das zweite Treppenhaus im Kreuzberger Kulturzentrum Mehringhof ist gepflastert mit politischen Plakaten, Aufrufen, Ankündigungen und Parolen. So gibt es eine Menge zu lesen in den fünf Stockwerken bis zum Dachgeschoss, wo das Kollektiv seit 1978 sitzt. Weil die bewegte Geschichte des Blattes sogar noch fünf weitere Jahre zurückreicht, gibt es nun ein Jubiläum zu feiern. Anfang Februar erschien die 500. Ausgabe der LN, wie das Blatt in Kurzform heißt. Die Mexiko-Expertin Eva Bräth bescheinigt der Zeitschrift eine »klare politische Ausrichtung«. Man strebe »solidarische, kritische und unabhängige Berichterstattung« über Lateinamerika an, sagte Bräth, zugleich eine der beiden Geschäftsführerinnen der LN, der Nachrichtenagentur epd. Die Arbeit für die LN ist zeitintensiv: Mindestens 20 Stunden im Monat investiere jeder Mitarbeiter ehrenamtlich, ohne dass er selbst einen Artikel schreibe, sagt Eva Bräth. Vier Sitzungen im Monat, Redigieren, Übersetzen, Layouten, finale Produktion am Wochenende und schließlich das Verschicken der Hefte. Am Ende stehen 64 bis 80 Seiten bei einer Auflage von 2000 DIN-A5-Heften.

Entstanden sind die Lateinamerika Nachrichten, wie Gründer Urs Müller-Plantenberg im Jubiläumsheft schildert, im Mai 1973 auf einer Wiese in Frankfurt am Main, damals noch als Chile Nachrichten. Der kleine Herausgeberkreis kam, wie der Name vermuten lässt, aus der westdeutschen Solidaritätsbewegung mit der sozialistischen Regierung von Präsident Salvador Allende. Das kleine Szeneblatt erschien ab Ende Juni in einer Auflage von 200 Stück, produziert im Heimbüro. Der blutige Militärputsch am 11. September war ein Schicksalstag auch für die deutsche Publikation. Die Auflage schnellte auf 6000 Exemplare hoch, drei Jahre folgte kam die thematische Erweiterung auf ganz Lateinamerika und die Umbenennung in Lateinamerika Nachrichten.

In der BRD galt das Projekt damals als suspekt. In die Redaktionsräume in West-Berlin wurde eingebrochen, in der Telefonleitung knackte es verdächtig. Kein Wunder: Die Bonner Regierung, das Auswärtige Amt, die bayerische CSU und Franz Josef Strauß - sie alle unterhielten gute Kontakte zum Terrorregime in Chile. Ein Verdienst des horizontal organisierten Kollektivs - die LN haben keine Chefredaktion - ist, die Probleme eines solchen Medienprojektes auch zum Jubiläum offen anzusprechen. Solidarisch, kritisch, unabhängig: Das klingt zwar gut, birgt aber viel Konfliktpotenzial und Fallstricke. Immer wieder kam und kommt es bei den LN zu heftigen Debatten, die aber meistens konstruktiv gelöst werden können. Müller-Plantenberg erinnert sich an eine heftige Auseinandersetzung um die maoistische Gruppierung Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) in Peru, Debatten gab es aber auch um das sozialistische Kuba, Venezuela unter dem Chavismus oder - aktuell - um Pro und Contra der Rohstoffpolitik Lateinamerikas. Auch das aber thematisiert das Redaktionskollektiv im Editorial zum Jubiläumsheft.

Die Diskussionen bei den LN wurden übrigens nicht nur um die thematische Ausrichtung geführt, sondern auch um die Arbeit selbst. Man sei bei den Hierarchien »eben auch radikal gewesen«, erinnert sich Mitbegründerin Clarita Müller-Plantenberg: »Es durfte keine Spaltung zwischen intellektueller und manueller Arbeit geben.« Will heißen: Wer in der einen Woche einen Artikel schreibt, tütet am Ende der Produktion die Abo- hefte ein, frankiert und adressiert. Mehr noch als andere politische Publikationen erfüllen die Lateinamerika Nachrichten eine wichtige Rolle in einer von Rationalisierung gebeutelten Presselandschaft: Sie liefern monatlich wichtige Hintergrundinformationen zu einem Kontinent, der im Vergleich zur Entstehungszeit des Blattes weitgehend aus den Angeboten der etablierten Medien verschwunden ist. Und das, obwohl sich in Lateinamerika viel bewegt und obgleich die deutsche Wirtschaft zunehmend Geschäftskontakte zu den Staaten südlich des Rio Grande unterhält. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele schreibt daher zum Jubiläum: Er informiere sich vor Reisen in die Region stets noch einmal aus den LN. »Denn die Botschaften«, so Ströbele, »verkehren ja meist nur mit der Oberschicht.«

»Lateinamerika Nachrichten 500«, u. a.: Dossier: Solidarität, Bezug: Lateinamerika Nachrichten, Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin, 5 Euro, Tel.: (030) 694 61 00, www.lateinamerika-nachrichten.de

Münzenbergforum

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