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Wunderbar warmes Wasser

In der Musik des berlinisch-bayerischen Indieelektronik-Trios Saroos irrlichtert die reine Schönheit

Von »wunderbar warmer, digital-analoger Science-Fiction-Atmosphärenmusik aus dem Notwist-Umfeld« schwärmt die Postille »Musik-Express« in ihrer Rezension des neuen Albums des Indieelektroniker-Trios Saroos. Und tatsächlich ist es nicht ganz einfach, von dieser Musik zu sprechen, ohne zum wiederholten Mal vom Einfluss der bayerischen Gebrüder Acher und deren Band The Notwist zu reden, deren kluge Symbiose aus geschmeidig groovendem Elektroknistern, Neo-Jazz und melodieverliebtem Indiepop vor 25 Jahren nicht nur dafür Sorge trug, dass man sich nicht mehr für sämtliche hierzulande entstehende Musik schämen musste, sondern die auch gleich eine ganze Schule von Indie-Bands ins Leben rief.

The Notwist gibt es heute immer noch. Die Gitarre spielt da Max Punktezahl, der auch als Gitarrist von Saroos tätig ist. Und auch seine beiden Saroos-Bandkollegen Florian Zimmer und Christoph Brandner sind oder waren in geistig und ästhetisch verwandten Bands und musikalischen Projekten engagiert (Contriva, Driftmachine, Iso 68, Fred Is Dead, Console, Jersey, Lali Puna). Als Normalsterblicher blickt man ja mittlerweile gar nicht mehr durch angesichts der Vielzahl der Duos, Trios und Septette, die sich gegenwärtig weiträumig um die Gebrüder Acher herumgruppieren.

Saroos jedenfalls sind so etwas wie die Feinmechaniker im Genre der mit analogen Instrumenten angereicherten Instrumental-Elektronika: Pralle Melodieseligkeit, ein elastisch federnder Groove, und weit und breit kein störender Jammergesang, der sich über die abendrotwarm einherpluckernden Beats und die vielen liebevoll platzierten Knister-, Tropf-, Rumpel-, Knurpsel- und Schabegeräusche legen könnte. Und irgendwo dazwischen irrlichtert die reine, ungetrübte Schönheit herum.

Trotz der unübersichtlichen Vielzahl der unterschiedlichen Klangeindrücke wirkt dieser verträumte Entspannungssoundtrack zu keinem Zeitpunkt wirr oder gar chaotisch. Das Gegenteil ist der Fall: Irgendwo wirkt hier magisch irgendetwas, das noch das winzigste Geräuschgespratzel mit den großzügigen und weit ausholenden Melodiebögen zu einem harmonischen und weich dahinfließenden Ganzen fügt. Eine Musik, in die man sich hineinlegen möchte wie in ein frisch gemachtes Bett. Ähnlich wie der britischen Elektronikband Broadcast, die mit retrofuturistisch klingenden Soundtrackexperimenten hantiert, gelingt es auch Saroos, »weiträumige Schichten« zu schaffen, »in denen Geister frei wandeln können«, wie es im Infoblatt zum neuen Album heißt.

Und zwar frei wandeln, ohne sich dabei allzu dick in Wollpullover einmummeln zu müssen.

Denn alles hier ist angenehm warm. Die Topoi der Weite, der Tiefe, der Thermodynamik bzw. der rundum behaglichen Wärme tauchen - wenig erstaunlich - im Kontext der Musik von Saroos geradezu zwanghaft immer wieder auf. »Zeit online« hat bereits auf dem Debütalbum »warme und ruhige« Klänge gefunden. Und in der Zeitschrift »De:Bug« war zum Debüt einst zu lesen, dass einen Saroos’ Musik »wie wohlig gewärmtes Wasser umspült«. Nun weiß man zwar nicht, was genau »wohlig gewärmt« heißen soll, aber in Musikzeitschriften steht eben viel Blödsinn. Stimmen tut das jedenfalls immer noch: Wenn es so etwas geben sollte, dann machen Saroos wohl heute die am wohligsten gewärmte Musik der Gegenwart. Auch im Magazin »Intro« ist, diesmal jedoch im Zusammenhang mit dem neuen Saroos-Album, von einer »warmen und anheimelnden Sounddecke« die Rede.

Saroos: »Tardis« (Alien Transistor / Morr / Indigo)

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