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Nachhaltig wandern

Thüringen will etwas für Natur und Tourismus tun und setzt dabei auf Ehrenamtliche

  • Von Sebastian Haak, Erfurt
  • Lesedauer: 4 Min.
Etwa 100 Ehrenamtliche zeigen anderen Menschen derzeit als ausgebildete Natur- und Landschaftsführer, wie vielfältig Thüringen außerhalb geschlossener Räume ist. Jetzt sollen es mehr werden.

Viele ihrer Gäste, sagt Kristina Bauer, könnten es gar nicht erwarten, endlich loszuwandern. Sie zeigt Fotos von tiefgrünen Wäldern und sanften Hügeln, dazwischen kleine Orte, die sich romantisch in die Landschaft einfügen. »Man muss sie gar nicht groß motivieren.« Da hinten, sagt Bauer, da beginne schon Hessen. Dass durch die Wälder und Hügel, die Bauer zeigt, bis vor etwa einem viertel Jahrhundert die innerdeutsche Grenze verlief, das mache die Region zusätzlich interessant für ihre Besucher. Den Menschen, die zu ihr kommen, zeigt Bauer diese Region gerne. Nicht irgendwie, nicht nebenbei. Sondern als ausgebildete Natur- und Landschaftsführerin - ein Konzept, hinter dem aber noch viel mehr steckt als die Idee, dass ortskundige Menschen ortsunkundige Menschen durch den Wald lotsen, damit sich Letztere dort nicht verlaufen.

Seit etwa sechs Jahren ist Bauer Natur- und Landschaftsführerin und wandert mit den Gästen ihres Hofs, der im kleinen Sickenberg im Eichsfeld steht, in der Umgebung. Eher zufällig, ja sogar ein bisschen aus der Not heraus hat sie sich dazu entschlossen, die Ausbildung zu machen. Eben weil die Natur in der Umgebung so schön und ihre Gäste so wanderbegeistert seien, habe sie es nicht einfach so hinnehmen können, dass die Ausschilderung der Wanderwege der Region, die verfügbaren Karten, die Qualität der Wege damals eher schlecht gewesen seien.

Menschen hätten sich jedes Mal hoffnungslos verlaufen können, sagt Bauer. Ihr Erklärung für diese Zustände: Wegen der unmittelbaren Grenznähe war die Region über Jahrzehnte hinweg abgeriegelt. Wer wollte dort wandern? Wozu also Wanderwege pflegen und Schilder aufstellen. Dass sie selbst sich innerhalb von zwei Monaten - an jeweils zwei Abenden pro Woche - zur Natur- und Landschaftsführerin ausbilden ließ und damals anfing, den Menschen die Region zu zeigen, war ihre Art der Lösung für dieses Problem.

Das Konzept hinter den Natur- und Landschaftsführerin ist vielschichtig - und soll nach dem Willen unter anderem von Thüringens Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) in Zukunft noch sehr viel stärker als bislang auch touristisch genutzt und vermarktet werden. Einerseits freilich, sollen sich Menschen während ihrer Ausbildung Wissen über die Natur in Thüringen aneignen und damit überhaupt für die natürliche Vielfalt des Landes sensibilisiert werden - und während der von ihnen geführten Wanderungen auch andere dafür begeistern. Die Ehrenamtler sollen aber andererseits auch dabei helfen, dass die Tourismusbranche im Freistaat mit dem Naturtourismus wirklich Geld - und zwar nachhaltig - verdienen kann. Dieses Ziel haben eigentlich alle Landesregierungen seit der Wende verfolgt. Doch zum ganz großen Durchbruch hat die Politik dieser Idee bisher nicht verhelfen können.

Der »Profit«-Begriff, den Siegesmund im Zusammenhang mit dem Konzept nutzt, grenzt sie deshalb stark von dem »Profit«-Begriff ab, den zum Beispiel große Konzerne verwenden, wenn sie mit der Natur Gewinne machen wollen. Statt Natur und Landschaft zum Beispiel durch den Gipsabbau zu zerstören, um Geld zu verdienen, sagt Siegesmund, sei es doch viel besser, Touristen für die Natur begeistern und auf diese Art und Weise Geld verdienen zu können; besonders im ländlichen Raum.

Bauer lebt genau dieses Bild in Nordthüringen vor. Der Ort, in dem sie vor einigen Jahren den Hof gekauft hat, hat nach ihren Angaben gerade einmal 13 Einwohner; ländlicher Raum in Reinform. Geld verdient sie nicht durch den Raubbau an der Natur. Sondern dadurch, dass sie und diejenigen, die für eine kürzere oder längere Zeit zu ihr auf den Hof kommen, mit der Natur leben: Wandern, Spazierengehen, Produkte aus der Region essen.

Etwa 100 Natur- und Landschaftsführer gibt es derzeit nach Angaben des Thüringer Umweltministeriums im Freistaat. Das sind zu wenige, um das Konzept dahinter wirklich flächendeckend in Thüringen umzusetzen. Weil aber Siegesmund tatsächlich versuchen will, den Naturtourismus im Land zu stärken, investiert ihr Ministerium nun 200 000 Euro in die entsprechende Aus- und Weiterbildung von (weiteren) 84 Männer und Frauen. Damit gibt Siegesmund einen Teil der insgesamt 25 Millionen Euro aus, die nach ihren Angaben in Thüringen bis 2020 für besondere Naturschutzprojekte zur Verfügung stehen. Die Investition in das Konzept der Natur- und Landschaftsführer ist damit auch der Versuch, dieses Geld möglichst bis zum letzten Cent auszureichen. Denn, sagt Siegesmund, nachdem sie hart mit Thüringens Finanzministerin Heike Taubert (SPD) um die Mittel gerungen habe, könne ihr nun nichts Schlimmeres passieren, als dass es schließlich nicht genug gute Ideen für den Naturschutz gebe, an die man dieses Geld geben könnte.

Beim Heimatbund Thüringen, über den die weitere Ausbildung der Natur- und Landschaftsführer laufen wird, bewertet man das Geld und die Begeisterung Siegesmunds für das Projekt noch grundsätzlicher: als Ausdruck eines politischen Kurswandels im Freistaat. Damit zeige sich, sagt der Vorstandsvorsitzende des Bundes, Burkhardt Kolbmüller, »dass der Naturschutz in Thüringen nun endlich aus dem Schatten des Bauernverbandes heraustritt«.

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