Halt deinen Straßenrand!

Handke-Uraufführung am Wiener Burgtheater - Regie: Claus Peymann

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Das Licht ist ein Maler. Denn ein einziger Schwenk eines Scheinwerfers zaubert einen großen schwungvollen Bogen Helle auf die Bühne. So leicht entsteht eine kurvige Straße. Eine Spiel-Straße. Und der große Bogen - genau um den geht es. Um den großen Bogen Welt. Oder eher um den großen Bogen, den man um die Welt schlagen muss, um sich selbst näher zu kommen. Aus dem Boden hervor bricht plötzlich eine verwaiste Bushaltestelle, oder ist es ein verrosteter Milchstand? Und Peter Handkes »Erzähler-Ich oder Ich-Erzähler« geht ans Werk seiner Gruß-Euphorie: an den Frühling, an den Rand dieser Straße. Endlich allein. »Du bist der geborene Monolog« wird es später von ihm heißen. Als käme von oben ein Befehl: Erinnerung, Erwiderung, Erweiterung, sprich! Und halt dabei deinen Straßenrand! Ein Lust-Spiel im verkehrstoten Irgendwo. Beglückende Leere. Noch.

»Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße«, Untertitel: »Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten«. Handkes jüngstes Stück wurde am Burgtheater Wien uraufgeführt, Regie: Claus Peymann, Bühne: Karl-Ernst Herrmann, Kostüme: Margit Koppendorfer. Man muss sich das ja vor Augen führen: Hier kehrt mit Peymann einer zurück an den Ort seines heftigsten Aufruhrs, seines lebenstollsten Aufschwungs. Der Burg-Direktor von 1986 bis 1999: Als ungeliebter Ausländer in Wien focht er mit Stücken Peter Handkes, Thomas Bernhards, Peter Turrinis und Elfriede Jelineks gegen monarchisch-klassische Beschaulichkeit, erwies sich auch außerhalb des Theaters als zornesaderschwellender Einmischer und avancierte so zum Lieblingsfeind der Burg-Traditionalisten. Und zum Liebling der Lebendigen. Eine Großzeit! Jetzt gleichsam Peymanns Heimkehr. Und das musste eine Heimsuchung werden, unbedingt, und sie wurde es: strapaziös poetisch, geradezu ungefällig heiter, kolossal undramatisch. Leicht, luftig, liebenswert.

Das besagte »Ich« auf Wacht am Straßenrand. Gegen jene, die da vorüberziehen, ihre Kreise ziehen und den Erzähler bis in dessen Träume verfolgen. Acht »Unschuldige«. Die Moderne-Menge. In immer neuer Kollektiv-Ballung. Handy-Lemuren. Nosferatus der Nützlichkeit. Flexibilitäs-Furien. Die sattsam bekannten Satten. Transparentträger: »Freiheit! Gleichheit! Informiertheit!« Buntklamottige Kauflandsknechte. In deren Mündern Nachbarschaft wie Kriegserklärung klingt. Und jenes Dichter-Ich, das sich in eine weiche, bedachtsam erzählende sowie in eine schimpfende, aufbrausende Seele gespalten weiß - dieses Ich bilanziert früh: »Es ist eine Zeit, als wisse man, als wüsstet ihr alles vom anderen. Als sei lückenlos alles zu wissen. Und zugleich ist es eine Zeit, da man nichts mehr, gar nichts mehr weiß vom anderen, auch gar nichts mehr wissen will.«

Die »Unschuldigen«, die der Ich-Erzähler »Unschuldsteufel« nennt: tote Seelen zwischen Arbeits- und anderen Unorten. Versprengte auf der Soll-Strecke, beflissen unterwegs und vielleicht doch längst: zur Strecke Gebrachte. Einsam gemeinsam. Lebensdurchmarschierer, Zeit- und Raumdurchblicker, Antwortabonnenten. Mehrheitsbeschaffer und Mehrheitsbeschaffene, die bei Handke deftigst beleumundet werden: »Tätowierte Schwimmlehrer … Gotteskrieger … Friedenssoldaten! ... Ihr ewig Heutigen! ... Ihr Unberührbaren … Ihr Unablenkbaren … Ihr Unguten!«

Peymann lässt es blitzen und donnern, Licht spielt mit Schatten, aus fallendem Laub wird verbranntes Papier, das ein fauchender Wind über die Szene bläst, da tanzt die Poesie der Trauerränder. Im Zentrum aber: Beschreibungsglück beim Blick auf die Dinge. Ein Fließen zwischen Feingefühl und Feindgefühl. So große Vorsicht vor Festlegungen, aber auch eindeutigkeitsglühende Hinwürfe: gegen unsere funktionalen Pfiffigkeiten, gegen unsere Absicherungsroutine. Das hat bei Handke immer auch etwas von einem Hochmut, der unterschwellig von Gesetzgebung zu träumen scheint. Vor dir steht dann kein Stück, sondern eine Predigt; von den Spielern kommt kein Auftritt, sondern eine Abmahnung. Nicht Drama, sondern Verkündung.

Bestechend, wie das »Ich« Christopher Nell die Worte und Sätze Handkes umkreist, wie er sie betastet, neu formt, zuspitzt oder entgratet, ins Schweben versetzt, sie wieder herunterfischt. Nell, am Berliner Ensemble ein zirzensisch zynischer Mephisto (in Robert Wilsons »Faust«) und ein rabiat rumorender, bebend behänder und wunderbar wahnwütender Hamlet (in Leander Haußmanns Inszenierung) - er ist hier ein quicksinniger Road-Runner des wütenden wie weiten Herzens. Der traurige Kopfhoch-Clown, dessen Stimme betrübungsjauchzen kann, aber auch gellend, bellend ins Schrille kippt. Ein Kobold-Kerl, der sich, à capella, Romantik ansingt, wie sich andere Mut antrinken, und der an der Welt verzweifelt, weil er sich nach ihr sehnt. Auch wo er wichtigtuerisch stakt, wächterisch stampft wie ein Obergrenzenhänfling - noch im lautesten Zorn, bei dem er sich als Schattenboxer geriert, bleibt Nell der hüpfend Sanfte, der brodelnde Kindskopf, dem tiefe Verstörung gelingt, denn Verstörung ist menschlich - weniger aber gelingt diesem Jungen wirklicher Hass auf die Welt. Noch wo er frenetisch angreift, bleibt er Flehender.

Handke, Peymann, Nell: Viele Neins zur Lage, aber wenn übers Leben abgestimmt wird - immer ein Ja mehr. Und noch eins und noch eins. In der Poesie zählt nur die Verschwendung.

Martin Schwab ist der Häuptling der »Unschuldigen«, zopfhaarig, mit Indianerfeder am Basekäppi, ein knorrig sich windender Bürgersmann, vom Leben rund geschliffen; ein Erfahrungsgegerbter und also Weisheitsschrulliger, der dem drakonisch romantischen und außenseiterisch dampfenden Nell-Männlein freilich auch dessen Anmaßungston klarmacht. Als Häuptlingsfrau der unguten Menge gackert und gurrt Maria Happel, sie ist Kichern und Koloratur im Kleidknallrot. Regina Fritsch: elegant, ein graziles Panthergemüt, sie ist jene Unbekannte, die vom Ich-Erzähler lebenslang ersehnt wird, das Glücksbringerwesen aus dem Geheimnisstoff Shakespearescher Luftgeisterei; dabei sehr handgreiflich und kopfstoßrabiat - am Ende wird sie Nell und Schwab in deren Mänteln zur ungelenk-tropfigen Figur zusammenknöpfen; das Schöne und das Schäbige als das Siamesische der Welt.

Weltweite im Straßengraben. Handkes Erzähler: »Die summende Luft über der Straße, wie über Prosperos Insel. Herrliche Weglosigkeit, endlich.« Der Ich-Erzähler wird seine Straße verlassen, ist nun gar in der Menge aufgegangen - weil ihm etwas aufging: Im Ausrufen eines schönen Ideals ist die Unmöglichkeit eines haltbaren Glücks doch bleibend eingebunden. Handkes Träumer scheint zu sagen: Wo diese »Unschuldigen« das Sagen haben (es ist die Welt, an der wir derzeit leiden), da kann Geschichte nicht zu Ende sein. Dank also allem Bösen, Blöden, Biederen, Bitteren? Vielleicht. Denn erst die Ausweglosigkeit begründet neue Wege.

Vorhang-Gardine jetzt entschieden zugezogen! Wie bei Brecht. Schlussapplaus. Zu früh. Gardine wieder auf! Christopher Nell denkt laut über den Sinn des Spiel, über den richtigen Schluss nach. Den gibt es nicht. Nicht den richtigen Schluss, nicht die einzig richtige Schlussfolgerung. Nicht im Spiel, nicht im Leben. Letzte Worte: »Ach ja.« Besänftigung.

Ganz oben an der linken Bühneneinfassung hängt die gesamte Zeit ein winziges Vogelnest. Kaum bemerkbar, wie alles Wesentliche. Da oben der enge kleine Startplatz für das komplizierte Naturwunder der Höhenflüge. Unten die Leere der weiten Straße und deren Lehre: wie wenig der Mensch zur Bewegung benötigt - zum Stolpern braucht man nur zwei Füße.

Nächste Vorstellungen: 6., 19., 20. März

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