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Wahrscheinlich Ecstasy

»Getting fucked up«: Die New Yorker Indieband DIIV hat eine Musik geschaffen, die auf einem anderen Planeten wohnt

Die prallen Boulevardgeschichten sind selten die netten. Sie handeln von Abstürzen und Exzessen. Was, nebenbei, ein bisschen an besonders risikofreudige Sportereignisse erinnert, wo der Zuschauer ja auch möglichst harte und brutale Bilder sehen will, wie zuletzt beim sturzsatten Skirennen auf der Streif - heulsusige Live-Kommentare (»Das sind Bilder, die wir nicht sehen wollen!«) hin oder her.

Im Pop geht es, sportlich betrachtet, freilich eher ungefährlich zu. Umso bedeutender ist das Mini-Spektakel der privaten Katastrophe. Ein skandaltauglicher, möglichst berühmter Partner kann natürlich nicht schaden. Womit wir prompt bei der modelnden Popsängerin Sky Ferreira (»One«) wären - bzw. bei ihrem Freund Zachary Cole Smith, Teilzeit-Model von Saint Laurent und Kopf der hippen New Yorker Indieband DIIV, deren hypnotisch-verspultes, über weite Strecken berückend schönes Dream-Pop-Album »Is The Is Are« soeben erschienen ist.

Für die Fans der Gruppe aus Brooklyn war die Geburt der neuen Platte eine echte Geduldsprobe, hätte »Is The Is Are« doch - wohl auch dem Zeitgeist zuliebe - eigentlich viel früher erscheinen sollen und keinesfalls erst vier lange Jahre (also ca. zwölf Pop-Jahre) nach dem Debüt »Oshin«. Die Zeiten melancholisch-wavig-indie-krautig perlender E-Gitarrensounds, von Postpunk-Bass und stoisch-straightem, gleichwohl einigermaßen schlaff gespieltem Neu!-Gedächtnisschlagzeug und ostentativ verhuschtem Jungsgesang kommen gewiss auch wieder, einen ausgesprochenen Lauf haben sie derzeit aber nicht. Das sah vor zwei, drei Jahren noch anders aus. Zu seiner Verteidigung sagt Smith: »I was getting fucked up all the time.«

Zachary Cole Smith, 31 Jahre alt, klapperdürr wie ein Skelett und entsprechend hohlwangig, sieht nicht nur aus wie ein androgyner junger Mann mit großen Problemen, er hatte sie auch. Oder hat. So genau weiß man das ja nie bei Menschen, deren Pop-Aura sich nicht zuletzt vom artsy Junkie-Glamour eher früher als später verheerenden Heroin- und sonstigen Drogenkonsums nährt. Beispiele und Anekdoten kennt die Popgeschichte da mehr als genug.

Was aber andererseits nicht heißt, dass sie niemand mehr hören möchte. Schließlich adelt der skandalumwittert-lebensbedrohliche Totalabsturz die an sich ziemlich banale »Kunst« der Popmusik und bedient den bei Lichte betrachtet an echten Sensationen eher armen Popmarkt immerhin mit Geschichten, bei denen man sich zumindest einbilden kann, dass hier mehr auf dem Spiel steht - das Leben, womöglich? - als die Bedeutung einer »spontan« blankgezogenen Brust einer ehemals wichtigen afroamerikanischen Sängerin während einer sich als irres Großspektakel gerierenden, in Wirklichkeit extrem langweiligen, durch und durch korrumpierten Mainstream-Musikveranstaltung für die Blödmaschine Fernsehen.

Ach, und trotzdem. Trotzdem ist Smiths Geschichte, in der es um den ersten großen Hype nach dem Debüt »Oshin«, die zunehmende Entfremdung von alten Freunden, um geschürte Erfolgserwartungen und große Versagensängste geht, um wilde Drogenfeiern mit der neuen Freundin, dem It-Girl Sky Ferreira, dann um wachsenden Kontrollverlust und den nächsten Schuss, schließlich um die Festnahme durch die Polizei auf der Fahrt zu einem Gig in einem Wagen ohne Zulassung, aber mit Heroin und Ecstasy im Handgepäck, sowie um den anschließenden, richterlich verfügten Entzug in prompt jener Klinik, in der auch der große Schauspieler Philip Seymor Hofman den Absprung versucht hat, von einer Qualität, die man sich in einem ambitionierten Roman unterzubringen allenfalls als völlig unbelesener Literaturdilettant trauen sollte. So viele Male ist sie bereits aufgeschrieben, erzählt, verfilmt worden.

Der Plot, der für Pop-Boulevard-Verhältnisse immer noch aufregend genug klingt, ist also im Grunde ziemlich scheiße, mindestens schrecklich langweilig. Die schöne Musik auf dem Album »Is The Is Are« kann dafür natürlich nichts. Sie wohnt sowieso auf einem anderen Planeten. Flockig-zart, irisierend schimmernd und seltsam entrückt, schwermütig und leicht zugleich kreiselt sie sich und den Hörer in ein süßes, tückisch wärmendes Etwas. Ein Etwas, auf das man sich lieber nicht verlassen möchte, schon weil sich unmittelbar nach einer Spielzeit von 17 Songs in 63 Minuten kaum noch sagen lässt, ob das, was man da gehört hat, tatsächlich wahr ist oder bloß der musikalische Abglanz einer traumartigen Halluzination. Was wiederum an Ecstasy erinnert, an MDMA, diese starke Gefühlsdroge mit dem schlechten Gedächtnis. Und wahrscheinlich auch an Heroin.

DIIV: »Is The Is Are« (Captured Tracks / Cargo Records)

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