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Auf Arbeitssuche im »Papierland«

Über 4000 Flüchtlinge und 200 Unternehmen besuchten Jobbörse im Estrel-Hotel

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 4 Min.
Tausende Asylbewerber informierten sich bei Arbeitgebern und Bildungsträgern über Berufsmöglichkeiten in Berlin.

Kontakte werden ausgetauscht, Bewerbungen entgegengenommen. Schon nach zwei Stunden Beratung kann Sandra Wagner, Personalbeschafferin bei der Deutschen Bahn, erste Erfolge verbuchen. »Bei mindestens zwei bis drei Personen sehe ich Perspektive für eine Ausbildung, wenn die noch ein bisschen an ihrem Deutsch arbeiten«, sagt die Bahnmitarbeiterin sichtlich erfreut. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, denn die meisten von Wagners »Kunden« an diesem Tag können sich nur schwer mit ihr verständigen und verfügen nur in seltenen Fällen über Abschluss- und Berufszertifikate. Ihre Kunden sind Geflüchtete, viele kommen aus dem Bürgerkriegsland Syrien. Über 4000 von ihnen haben sich für die Jobbörse im Neuköllner Estrel-Hotel am Montag angemeldet, der Eingangsbereich des Veranstaltungshauses ist restlos überfüllt.

»Es ist das erste Mal in dieser Größenordnung, dass die Berliner Wirtschaft auf Flüchtlinge trifft«, sagt die Senatorin für Arbeit und Integration, Dilek Kolat (SPD). Über 211 Arbeitgeber und Aussteller sind auf der Jobbörse vertreten, darunter viele Firmen aus dem Gastronomie- und Hotelgewerbe, aber auch Unternehmen wie die Sparkasse oder Wohnungsbaugesellschaften. »Die Messe zeigt, dass die Flüchtlinge nicht hier sind, weil sie Steuergelder bekommen wollen. Sie sind motiviert und wollen arbeiten«, sagt Kolat zufrieden.

Die Organisation der Veranstaltung ist kein Kinderspiel. Kleine Comic-Bilder erklären den Flüchtlingen die Tätigkeitsfelder der Unternehmen, Dolmetscher versuchen das Sprachengewirr in geordnete Bahnen zu lenken. Seit August letzten Jahres wurde die Messe vorbereitet. Neben Berufsberatung gibt es auch Auskunft über Bleiberecht, Krankenversicherungen oder zur Anerkennung von Abschlüssen. Die Hauptaufgabe ist jedoch klar. »Arbeit ist der Königsweg zur Integration«, erklärt Kolat. 1000 Stellen sollen laut den Veranstaltern zu vergeben sein.

Unter den sich informierenden Flüchtlingen befindet sich zum Beispiel Ahmad Alkahl. Der 26-jährige Syrer hat in Damaskus als Apotheker gearbeitet und würde auch gerne in Berlin der Beschäftigung nachgehen. Wie seine Chancen dazu stehen, kann er nicht einschätzen. »Ich halte meine Gedanken offen. Wenn es nicht klappt, arbeite ich als Kaufmann oder in der Gastronomie«, erklärt er in grobem Deutsch. Ihm sei bewusst, dass es ohne das Beherrschen der Sprache nicht funktioniert. »Ich höre jeden Tag Radio und besuche Sprachkurse, um besser zu werden«, sagt Alkahl.

Die 37-jährige Hend Al-Rawi hatte in Damaskus als Englischlehrerin gearbeitet und sucht nun nach einem Weg, in Berlin als Übersetzerin oder Dolmetscherin eine Stelle zu finden. Da ihre Zertifikate nicht anerkannt werden, vermutet sie, noch einmal studieren zu müssen. »Ich habe keine Ahnung, wie schwer das wird, hier einen Job zu finden«, sagt Al-Rawi auf Englisch. Erst vor fünf Monaten kam die junge Lehrerin nach Berlin.

»Nach der Phase Eins, der Notversorgung, kommt jetzt die Phase Zwei, die Integration«, sagt die Neuköllner Bürgermeisterin Franziska Giffey. Mit rund 30 000 Mitgliedern der arabischen Gemeinschaft im Bezirk und rund 600 Deutschkursen im letzten Jahr verfüge Neukölln über reichlich Erfahrung in Fragen der Inklusion, erklärt sie. Für die Einbindung von Flüchtlinge in die Gesellschaft sei Verständigung die Grundvoraussetzung. Hier müssten die Anstrengungen vergrößert werden: »Wir brauchen mehr Sprachförderkurse und Fördermittel«, fordert die Bezirksbürgermeisterin.

Mario Lehwald, dem Chef der Arbeitsagentur im Berliner Süden, ist das Problem bewusst. Er betont, dass bereits spezielle Sprachangebote für Flüchtlinge von der Arbeitsagentur zur Verfügung gestellt werden. Für ihn sei es sehr wichtig, dass das »Wahnsinnspotenzial« der Geflüchteten durch Qualifizierungen genutzt wird. »Das ist besser, als wenn die Leute massenweise in den Niedriglohnsektor gehen«, sagt Lehwald.

Dem gut bezahlten Job stehen jedoch oftmals Hindernisse im Weg. Juliane Rentsch vom Berliner Jobcenter sieht vor allem Nachholbedarf bei den Verwaltungen. »Die meisten Flüchtlinge, die sich informieren, sind relativ hoch qualifiziert. Wir haben jedoch ein Problem, wenn sie keine Nachweise haben«, erklärt die Beraterin.

Ingenieure und Ärzte seien typische Berufsfelder. Manche müssten trotz freier Stellen Jahre auf eine Zulassung warten. »Es muss ein Verfahren geben, dass ohne Papiere die Fähigkeiten nachgewiesen werden können«, sagt Rentsch. Große Hoffnungen auf Reformen macht sie sich keine. »Das dauert noch, bis sich da was ändert. Deutschland ist halt ein Papierland.«

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