VW will seinen Mitarbeitern trotz Dieselskandals Bonus zahlen

Höhe der Anerkennungsprämie noch nicht bekannt / Winterkorn soll über Unregelmäßigkeiten informiert gewesen sein / Konzern wehrt sich gegen Vorwurf der Aktionärstäuschung

Trotz der Affäre um manipulierte Abgaswerte bei VW sollen die Mitarbeiter der Kernmarke einen Bonus für das vergangene Jahr erhalten. Der Automobilkonzern weist die Schuld von sich, Anleger bewusst geschädigt zu haben.

Wolfsburg. Die Mitarbeiter hätten »auch in schwieriger Zeit« ihren Einsatz für das Unternehmen gebracht, sagte Konzernchef Matthias Müller der VW-Mitarbeiterzeitschrift »Mitbestimmen«. Deshalb sei er davon überzeugt, dass sich Vorstand und Betriebsrat auf eine Prämie einigen würden, die dies anerkenne.

Auch der VW-Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh zeigte sich zuversichtlich: »Sonderschichten und Mehrarbeit haben einmal mehr das Bild geprägt. Und auch angesichts von Dieselgate steht die Belegschaft zu ihrem Unternehmen. Deshalb steht fest, dass das Unternehmen hierfür eine Anerkennungsprämie zahlen wird.« Über die konkrete Höhe müssten Betriebsrat und Geschäftsführung sich noch »in weiteren Gesprächen« verständigen, sagte er der Zeitschrift.

Anfang Dezember hatte Osterloh die Mitarbeiter noch auf einen Ausfall ihrer Boni wegen der drohenden Kosten als Folge des Skandals eingestimmt. 2015 hatte VW seinen Mitarbeitern eine Erfolgsbeteiligung von 5.900 Euro brutto gezahlt. Die Anerkennungsprämie für 2015 soll demnach mit dem Entgelt im Mai gezahlt werden.

Winterkorn wurde bereits 2014 über Unregelmäßigkeiten informiert

Unterdessen wehrt sich der Konzern gegen den Vorwurf, die Öffentlichkeit im vergangenen September zu spät über den Abgasskandal informiert und dadurch Anleger geschädigt zu haben. Beim Landgericht Braunschweig sei eine Klageerwiderung eingereicht worden, teilte der Autokonzern am Mittwoch in Wolfsburg mit. Nach sorgfältiger Prüfung sehe sich Volkswagen »in der Auffassung bestätigt, dass der Vorstand seine kapitalmarktrechtliche Publizitätspflicht ordnungsgemäß erfüllt hat«.

VW räumte in einer Pressemitteilung ein, der damalige Vorstandschef Martin Winterkorn sei »durch eine Notiz vom 4. September« über den Einsatz der Schummelsoftware informiert worden, die die Abgaswerte auf dem Prüfstand senkte. Der Öffentlichkeit wurde aber erst 18 Tage später - am 22. September - in einer ad-hoc-Meldung verraten, welche enormen Finanzrisiken dem Konzern drohen, was dann sofort den Kurs abstürzen ließ.

Das Wertpapierhandelsgesetz schreibt vor, dass kursrelevante Firmennachrichten sofort veröffentlicht werden müssen.

Konzern weist Schuld von sich

VW schiebt die Schuld seinen juristischen Beratern zu: Wegen deren »Empfehlung« sei der Konzern auch nach dem internen Bekanntwerden der massiven Manipulationen davon ausgegangen, dass »die Thematik« mit den US-Behörden »im üblichen Rahmen gelöst werden könne« - durch das Einräumen der Schummelei und deren technische Behebung und etwaige Bußzahlungen, »die für ein Unternehmen mit der Größe Volkswagens nicht besonders hoch seien«.

Der VW-Erklärung zufolge wurde der Konzernspitze erst »nach der unerwarteten Bekanntmachung« der US-Behörden am 18. September bewusst, dass der Skandal den Kurs belasten würde. Für eine »halbwegs belastbare« Abschätzung der weltweiten Risiken habe es noch einige Tage Zeit bedurft - eben bis zum 22. September.

Dass die Dieselfahrzeuge mit 2- und 3-Liter-Motoren auf der Straße deutlich mehr Schadstoffe ausstoßen als auf dem Prüfstand, war schon seit Mai 2014 bekannt - durch eine Studie des International Council on Clean Transportation (ICCT). Der damalige Konzernlenker Winterkorn erhielt der VW-Erklärung zufolge am 23. Mai 2014 dazu eine Notiz. »Ob und inwieweit Herr Winterkorn von dieser Notiz damals Kenntnis genommen hat, ist nicht dokumentiert«, heißt es darin.

Eine weitere Notiz folgte am 14. November 2014. Am 27. Juli hätten einzelne Volkswagen-Mitarbeiter »unter Anwesenheit von Martin Winterkorn« die »Diesel-Thematik« besprochen. »Ende August« schließlich hätten Volkswagen-Techniker vor Konzernjuristen und US-Anwälten »vollständig erläutert«, dass die US-Grenzwerte durch technische Manipulationen verletzt worden seien. Erst fast einen Monat später informierte VW selbst die Öffentlichkeit mit der Ad-hoc-Meldung. Agenturen/nd

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