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Große Hoffnung Imran Khan

Ein pakistanischer Kricketweltmeister begeistert als Politiker in seinem Land - und weckt Zweifel

  • Von Gilbert Kolonko, Peschawar
  • Lesedauer: 7 Min.
Zwei Jahre an der Spitze einer Provinzregierung haben Imran Khans Beliebtheit keinen Abbruch getan. Kritiker werfen ihm jedoch Untätigkeit und Begünstigung korrupter Politiker vor.

In der Morgendämmerung auf der Grand Trunk-Road in Peschawar, Hauptstadt der pakistanischen Khyber Pakhtunkhwa Provinz (KP). Ein Polizist stoppt sein Motorrad neben mir. Einige Minuten beschäftigt er sich mit meinem Reisepass. Den hält er die meiste Zeit falsch herum. Als ersichtlich wird, dass es um etwas anderes geht als eine Passkontrolle, platzt mir der Kragen: »Das hier ist Peschawar. Imran Khan. Neue Polizei.« Ein paar Sekunden schaut der Beamte mich prüfend an, dann gibt er mir mit einem breiten, falschen Grinsen den Pass zurück.

15 Jahre hätten Lehrer bezahlt zu Hause gesessen und seien dann plötzlich jeden Tag zum Unterricht erschienen - solche Geschichten kursieren im ganzen Land, seit Imran Khan 2013 mit seiner Pakistan Tehreek-e-Insaf (Pakistanische Bewegung für Gerechtigkeit, PTI) die Regierung in der Khyber Pakhtunkhwa Provinz übernahm.

Mit den ersten Sonnenstrahlen stehe ich vor einem der Stadttore der Altstadt Peschawars. An beiden Pfeilern kleben Plakate mit Fotos der Opfer des Schulmassakers vom Dezember 2014. Um mich herum ein Dutzend Kinder und Jugendliche. So starte ich eine spontane Umfrage: »Wer von euch mag Imran Khan?« Alle strecken jubelnd ihre Finger in die Höhe. Kurz darauf an einem Teestand gibt es ähnliche Reaktionen, obwohl die Finger der älteren Herren nicht ganz so enthusiastisch nach oben schnellen.

In den nächsten Stunden werde ich in Gesprächen Zeuge einer wahren Begeisterung für Imran Khan. Gerade die Jüngeren überschlagen sich mit Lob für die Verbesserung, die Khan für ihre Provinz gebracht habe. Einwände, dass die sinkenden Benzinpreise damit zu tun hätten, dass sich der Preis auf dem Weltmarkt für Rohöl halbiert habe, gelten nicht. Mehr Polizisten, die für Sicherheit sorgen, sind auf den Straßen auch nicht zu sehen, dafür die üblichen Verkehrsstaus und demonstrierende Ärzte. Ja, auf den Straßen ist es sauberer als in den meisten Städten Pakistans. Aber so war es auch schon im letzten Jahr.

Am nächsten Tag treffe ich einen Politikwissenschaftler. Zuerst kritisiert er Imran Khans Versuch vom vergangenen Sommer, in Islamabad mit einer Blockade des Regierungsviertels die Regierung zu stürzen. Auch er hält die Regierung von Premier Nawaz Sharif für so unfähig und korrupt wie das vorherige Kabinett der Bhutto-Familie und ihrer Pakistanischen Volkspartei (PPP). Das wichtigste aber sei, »dass wir nach all den militärischen Putschen der Vergangenheit endlich eine demokratische Kontinuität erreichen«. Die PPP-Regierung habe trotz ihrer katastrophalen Wirtschaftspolitik mit neuen Gesetzen die Demokratie gestärkt. »Dazu hat sie als erste Regierung in der Geschichte Pakistans die volle Amtszeit überstanden. Die jetzige Regierung von Imran Khan in KP halte ich trotz einiger Lichtblicke für eine Katastrophe.«

Ja, es stimme, dass die Lehrer neuerdings äußerst pünktlich zum Unterricht erscheinen und in vielen »Geisterschulen« der Provinz wieder unterrichtet werde. »Jedoch kenne ich einige Ärzte - und die sagen, dass sich weder an der Ausstattung der Krankenhäuser, noch sonst irgendetwas anderes dort zum Positiven verändert hat; deswegen streiken sie ja gerade.« Genauso wenig hätten sich die Arbeitsbedingungen der Polizisten verbessert. »Ja, es gab eine Menge Workshops für sie, aber ihre Personenstärke beträgt weiterhin 8500 Beamte, obwohl die Bevölkerungszahl täglich steigt.«

Imran Khan hatte während des Wahlkampfes erklärt, dass er keine ausländischen Gelder annehmen werde. Doch jetzt wird ihm vorgeworfen, dass der Etat der jetzigen PTI- Regierung zu einem großen Teil aus eben solchen Hilfsgeldern und auch Krediten bestehe. Für die landesweite Schwärmerei über die Ergebnisse der Regierungszeit der PTI in Peschawar hat der dazu milde lächelnde Gesprächspartner eine recht einfache Erklärung: »Die neuen Medien verbreiten diese Geschichten, weil Pakistan diese Geschichten hören will. Vor allem die jungen Menschen lieben Khan, und alle wollen endlich das neue Pakistan ohne Korruption, mit elektrischem Strom, Krankenhäusern und Bildung für alle.«

Zwei Stunden später befinde ich mich in einem Büro auf dem neuerdings schwer bewachten Gelände der Universität von Peschawar. Mir gegenüber sitzt ein Assistentprofessor: »Ja, ich habe Imran Khan geholfen, die Wahlen 2013 in unserer Provinz zu gewinnen, und ich halte ihn trotz unserer Meinungsverschiedenheiten für einen ehrlichen Menschen, der ein neues Pakistan möchte. Aber als Wissenschaftler schaue ich zuerst auf Fakten - und die sehen nicht gut aus.« Das Argument, dass es in Khyber Pakhtunkhwa praktisch keine Korruption gebe, möchte er nicht gelten lassen. »Denn wo nichts passiert, können auch keine Gelder unterschlagen werden.« Im ersten Jahr der PTI-Regierung seien von den Zuwendungen aus Islamabad für die Entwicklung dieser Provinz gerade einmal 23 Prozent verbraucht worden. »Der Rest landete wieder bei Nawaz Sharif, der es dankend in sein Metro-Projekt gesteckt hat.« Auf diese Weise fördere Imran Khan indirekt ein Projekt, das er selbst aufs schärfste kritisiert.

Im zweiten Jahr seien bis jetzt gerade einmal sieben Prozent der zur Verfügung stehenden Gelder ausgegeben worden, rechnen seine Kritiker vor. Er habe versprochen, Investoren nach KP zu bringen: Nichts passierte. Mehr Steuern habe er eintreiben wollen: Nichts passierte. »Halten Sie Imran Khan und seine Anhänger für so blind, dass sie die Fakten nicht sehen?«, fragt der Wissenschaftler.

»Imran Khan schaut zuerst auf die vielen Menschen, die ihn an der Spitze Pakistans sehen wollen - und das ist keine Fehleinschätzung. Er denkt, wenn er erst einmal in Islamabad regiert, wird alles von alleine gehen. Er hat nicht verstanden, dass er in KP eine einmalige Chance hat, ein Modellprojekt für ganz Pakistan zu schaffen. Seine Wähler wollen ihm einfach sein Versprechen glauben, dass er bald Tausende Imran Khans um sich herum versammeln wird.«

Mit den Alternativen sieht es nicht gut aus. Die jetzige Sharif-Regierung sei zwar fähig, das leckgeschlagene Schiff Pakistan gerade so über Wasser zu halten, aber völlig unfähig, eine andere Richtung einzuschlagen. Die PPP der Bhuttos habe ihre Stärke in der Legislative, doch sei der wirtschaftliche Verfall Pakistans während ihrer Amtsperiode erschreckend gewesen, meint der Professor: »Wenn also alles wie gehabt weiter geht, dann wird Imran Khan der nächste Präsident Pakistans werden: weil die Menschen keine Alternative sehen.«

Ein paar Monate später treffe ich in Sindh, der drittgrößten pakistanischen Provinz, die Sozialaktivistin Shahana. Imran Khans Kandidat hat gerade eine Nachwahl in der hiesigen Hauptstadt Karachi verloren. »Das ist wieder typisch Imran Khan. Anstatt auf die örtlichen Bedingungen zu achten, hat er seinen Kandidaten durchgedrückt«, sagt sie kopfschüttelnd und zeigt mir ein Foto, auf dem sie gemeinsam mit Khan zu sehen ist: »Vor ein paar Jahren wollte er, dass ich für ihn kandidiere, aber er war völlig beratungsresistent. Ich sagte ihm, dass wir im Sindh erst Entwicklungsarbeit leisten müssen, dass die Menschen hier erst Erfolge mit eigenen Augen sehen wollen, damit sie sich aus der Abhängigkeit der Landlords und der PPP befreien. Wenn er es ernst meine, solle er auch hier ein Krankenhaus bauen. Er wollte davon nichts hören, sondern riet mir, meine Schule zu schließen und mich ganz der Politik widmen.«

»Khan war damals unser Idol, weil er wahre Demokratie versprochen hat«, erinnerte sich ein Anwalt, der 2001 mit Imran Khan das erste Büro der PTI aufgebaut hat, bei meinem Besuch in Lahore. »Doch je erfolgreicher er wurde, umso weniger Demokratie gab es in seiner Partei. Stattdessen kamen die korrupten Politiker aus den etablierten Parteien und wurden von Khan bevorzugt, wenn es um Tickets auf den Wahllisten ging - gemeinsam mit anderen Aktivisten der ersten Stunde habe ich die Partei verlassen.«

Ein Insider, der sich zu nah an den Wurzeln des Übels befindet, um öffentlich erkennbar sein zu wollen, klagt: »In Pakistan dreht sich alles im Kreis. Armeediktatur, dann eine Scheindemokratie der Sharifs und Bhuttos, dann wieder Armeediktatur. Die herrscht gerade wieder, doch haben die Generäle gelernt, im Hintergrund zu bleiben. Keines unserer vielen Probleme ist in den letzten Jahrzehnten angegangen worden: die wachsende Bevölkerung, die hellen Köpfe, die in Scharen das Land verlassen. Jedes Jahr eine Flut, kein funktionierendes staatliches Bildungs- oder Gesundheitssystem. Dauerengpässe bei Gas oder Strom.« Solange die Eliten in Pakistan den Rahm abschöpfen könnten, sei ihnen alles gleichgültig. »Nur wenn Imran Khan eine berechenbare Größe wird, sich sein Demokratieverlangen endgültig auf Lippenbekenntnisse reduziert, so wie auch parteiinterne Wahlen eine Farce auf niederer Ebene bleiben, wird er in den Kreis eintreten dürfen, aus dem der nächste Präsident Pakistans kommt.«

*Namen der Gesprächspartner sind der Redaktion bekannt.

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