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»Wer uns töten will, den töten wir zuerst«

Syrische Christinnen schließen sich in Milizen zusammen, um sich gegen den »Islamischen Staat« zu verteidigen

  • Von Sylvio Hofmann, Hasakah, 
und Thomas Fritz
  • Lesedauer: 6 Min.

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Ein eskalierter Bürgerkrieg und anhaltende Spannungen zwischen Ethnien und Religionsgruppen. Christliche Frauen in Syrien haben sich entschieden, mit Waffen ihre Gemeinschaften zu beschützen.

Im Nordosten Syriens nehmen christliche Frauen die Verteidigung ihres Landes und ihrer Familien in die eigenen Hände. Sie haben es nicht nur mit den Kriegern des sogenannten Islamischen Staates zu tun, auch mit den kurdischen Selbstverteidigungskräften gibt es Spannungen.

In der linken Hand hält sie die Ausweispapiere eines Motorradfahrers, in der rechten ihre Maschinenpistole, Marke AK-47. Die ernst blickende Kontrolleurin trägt eine olivgrüne Uniform, darüber eine dunkle Brustweste, ihr schwarzer Zopf fällt über die linke Schulter. Bahra, so heißt die junge Frau, gehört einer christlichen Fraueneinheit der assyrischen Sicherheitspolizei Sutoro an. Sie schiebt Dienst an einem Checkpoint in Hasakah, einer kurdisch-syrischen Stadt im Dreiländereck mit Irak und der Türkei. Die Einheit organisiert den Selbstschutz der zwischen die Fronten geratenen christlichen Minderheit.

Bahras Mutter Simai ist die Kommandeurin der Fraueneinheit, in der assyrische, orthodoxe und katholische Syrerinnen kämpfen. Die Truppe existiert seit sieben Monaten, zu Jahresbeginn haben sie in der Stadt Stellung bezogen. Knapp 150 Kämpferinnen sind außerhalb von Hasakah, weitere 50 in Qamischli, 90 Kilometer nordöstlich an der türkischen Grenze, stationiert. Die Front zum Islamischen Staat (IS) liegt rund 30 bis 40 Kilometer südlich von Hasakah.

Ende letzten Jahres konnten kurdisch-arabische Rebellengruppen der im Oktober gegründeten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) den Euphrat-Staudamm vom IS zurückerobern. Verschiedene christliche Milizen sind Teil dieser Koalition. Bald geht es für Mutter und Tochter zur Front an den Tischrin-Staudamm, einem weiteren wichtigen strategischen Punkt am Euphrat, neunzig Kilometer östlich von Aleppo. Ergreifende Szenen spielen sich ab, vielleicht sehen sich beide zum letzten Mal. »Ich bin sehr stolz auf Bahra«, sagt die 46-Jährige unter Tränen. »Der Kampf ist notwendig, um unsere Familien zu beschützen und damit unsere Kinder eine Zukunft haben.«

Noch dienen die Frauen als Reserve für die Männer, bald könnten sie erste Kampferfahrungen sammeln. »Wir sind glücklich, dass die Frauen kämpfen«, sagt Metamaty, der Anführer, einer aus Männern bestehenden Sutoro-Einheit in Qamischli. Der Anführer hat es sich auf einem Sofa bequem gemacht. Hinter ihm prangt ein großes Porträt von Präsident Baschar al-Assad. Metamatys Einheit gilt als regierungstreu, aber viele Christen haben durchaus ein gespaltenes Verhältnis zum Staatschef. Auf die Frage, wie man zu Assad steht, bricht sich eine lebhafte Diskussion unter den Anwesenden Bahn. Metamaty ergreift Partei für den Präsidenten. Von Rojava, den de facto autonomen kurdischen Siedlungsgebieten in Nordsyrien, will er nichts wissen. Er sagt: »Baschar ist unser Präsident, wir wollen ein Syrien.« Ein älterer Milizionär erklärt, dass die Christen zwischen den Stühlen säßen. »Auf der einen Seite ist das Regime, das uns Zusammenarbeit mit der Opposition vorwirft - auf der anderen Seite die Opposition, die uns Kollaboration mit Damaskus unterstellt.« Genau so äußert sich Simai, die Kommandeurin der Fraueneinheit.

Es ist nicht nur der Daesch, so wird der IS hier bezeichnet, der ihr Sorge bereitet. Es gibt auch zwischen den verschiedenen Ethnien und religiösen Gruppen eine Menge Misstrauen. Das Verhältnis zu den anderen Milizen sei zwar gut, betont die Syrerin. »Aber die Lage ist trotzdem angespannt. Dabei haben wir nur vereint mit den kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (YPG) und anderen Kräften eine Chance, den Daesch zu schlagen.«

Wenige Tage vor dem Interview mit der Kommandeurin starb ein junger Sutoro-Kämpfer durch die Kugel eines YPG-Mitglieds. Die Einheit des Getöteten hatte einen Checkpoint im Christenviertel von Qamischli errichtet, ohne sich mit der örtlichen YPG abzustimmen. Als die Kurden, denen die christlichen Milizen meist unterstellt sind, die Räumung des Checkpoints forderten, kam es zum tödlichen Schusswechsel. Qamischli, die 200 000-Einwohner-Stadt an der Grenze zur Türkei, wird größtenteils von YPG kontrolliert, kleine Teile hält Assads Armee, auch russische Soldaten befinden sich vor Ort. Bei der Beerdigung des Getöteten betonte der Gemeindevertreter, ein Bindeglied zwischen Kirche und Miliz, dass die Christen selbst für ihre Sicherheit sorgen und ihre Stadtviertel eigenständig kontrollieren wollen.

Sicherheit ist derzeit nur schwer zu gewährleisten. Einen Tag vor Silvester hatte ein schweres Bombenattentat auf das Café Miami im Christenviertel neun Menschenleben gefordert. Wenig später erschütterte eine Explosion ein zweites Café. Seitdem herrscht viel Unsicherheit in der Gemeinde. Offiziell wird der IS für die Tat verantwortlich gemacht. Hinter vorgehaltener Hand behaupten einige, die Assad-Regierung sei in Wahrheit verantwortlich, weil sie Unruhe in den kurdischen Gebieten stiften und Zwietracht zwischen den Bevölkerungsgruppen schüren wolle.

Ende Januar explodierten erneut zwei Bomben: Drei Menschen starben, über ein Dutzend wurde verletzt. Der IS soll sich zu den Anschlägen bekannt haben. Kurdische Sicherheitskräfte machten hingegen örtliche Pro-Regierungsmilizen verantwortlich. Die Lage ist hier im Kleinen beinahe so unübersichtlich, wie sie es im Großen in ganz Syrien ist. Trotz allen Misstrauens betont Simai, dass das Hauptquartier der Miliz in Hasakah offen für alle Menschen sei. »Jeder, der sich dem Kampf gegen den IS anschließen will, ist hier willkommen«, sagt die Kommandeurin.

Eine weitere christliche Frauen-Miliz, die in der Region aktiv ist, heißt »Bethnarins Women Protection Forces« (HSBN). Die HSBN und die weiblichen Sutoro-Einheiten arbeiten zusammen, beispielsweise bei den Kontrollen an den Checkpoints. Afra, eine Ausbildungsleiterin, ist gerade 18 Jahre alt. Sie sieht ihren Kampf als alternativlos an. »Wer soll uns beschützen?« fragt die Jugendliche. »Wir Christen sind ein unterdrücktes Volk und viele junge Männer haben das Land verlassen. Darum müssen nun wir Frauen die Sache in die Hand nehmen.« Wie hält es ihre Einheit mit Assad? Dazu äußert sie sich lieber nicht. Wichtiger ist es ihr, der Welt zu zeigen, dass auch Frauen für ihre Heimat und ihr Volk kämpfen können - wie es die Kurdinnen in der YPG tun. »Wir setzen unser Leben ein wie die Männer«, sagt Afra entschlossen. »Wer uns töten will, den töten wir zuerst.«

Für die Frauen, die zuvor meist keinerlei militärische Ausbildung durchliefen, ist der Krieg zu ihrem neuen Alltag geworden. Auf dem Übungsplatz nahe Qamischli trainieren HSBN- und Sutoro-Kämpferinnen gemeinsam für den Fronteinsatz. Auf Aramäisch und Arabisch hallen Afras Befehle über das Gelände. »Rechts um!«, »Waffe anlegen!« oder »Feuer!«. Darüber hinaus studieren sie militärische Taktiken, kochen oder spielen während der freien Zeit Fußball. Wenn sie gerade nicht exerzieren, schieben sie häufig Dienst an den Checkpoints in Hasakah oder Qamischli.

Manche Frauen haben ihre berufliche Tätigkeit aufgegeben, andere gehen - in Abstimmung mit ihren Männern - der traditionellen Rolle als Mutter und Hausfrau nur noch eingeschränkt nach. Simai, die Sutoro-Kommandeurin, versucht, das Leben einer Soldatin mit dem einer fürsorglichen Mutter von fünf Kindern unter einen Hut zu bekommen. Ihre älteste Tochter lebt in Deutschland, die zweitälteste kämpft ebenfalls bei den Sutoros. Afra meint, es sei jeder Frau selbst überlassen, ob sie Kinder haben möchte oder kämpfen wolle. »Wir wollen frei sein«, sagt sie. »Wie können wir frei sein, wenn wir anderen vorschreiben, wie sie zu leben haben?«

Zu dieser Philosophie gehört, dass sie über niemandem in ihrer Einheit stehen möchte - alle sollen gleichberechtigt sein. Das genaue Gegenteil der blutigen Ideologie des »Islamischen Staats«, der gegen abweichende Meinungen brutal vorgeht. Angeblich sollen die IS-Krieger nicht sonderlich gerne gegen Frauen in den Krieg ziehen. Es heißt, sie kämen nicht ins Paradies, wenn sie von einer Frau getötet würden.

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