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»Sich vergesellschaften auf der Basis des Widerspruchs«

Ein bislang unveröffentlichtes Interview übers Älterwerden und Weiterkämpfen

Das nachfolgende Interview wurde für das Buch »dabei geblieben – Aktivist_innen erzählen vom Älterwerden und Weiterkämpfen« (Unrast-Verlag 2015) geführt. Da sich der Interviewte und die Herausgeberin nicht auf eine Version einigen konnten, ist es in dem Buch nicht erschienen. Nun, mit etwas Abstand, haben sich die Herausgeberin Rehzi Malzahn und der Interviewte Markus den Text noch einmal vorgenommen und exklusiv für den nd-Bewegungsblog eine Fassung erstellt, mit der beide einverstanden sind.
»Sich vergesellschaften auf der Basis des Widerspruchs«

Das 256-seitige Buch »dabei geblieben« beschäftigt sich in 25 Interviews mit Fragen des Älterwerdens als Linke/r. Die Interviewten sind Aktivist/innen, die auch jenseits ihres vierzigsten, fünfzigsten oder sechzigsten Lebensjahrs am Einsatz für eine bessere Welt festhalten. Das Buch ist vor allem für jüngere Genoss/innen interessant, die erfahren, anhand welcher Ereignisse sich die Befragten politisierten und mit welchen Themen sie sich beschäftigt haben. Die Herausgeberin Rehzi Malzahn ist 36 Jahre alt, wohnt in Köln und ist seit vielen Jahren politisch aktiv. Sie betreibt einen eigenen Blog unter rehzimalzahn.blogsport.eu.

Markus, 51, Berlin

Markus wohnt gerade zur Untermiete bei Freund/innen in einer großen und langjährigen WG in einer schönen und etwas vollgestopften Altbauwohnung in Schöneberg. Wir setzen uns, wie fast bei allen Interviews, an den wichtigsten Ort einer linken WG: den Küchentisch. Es gibt Tee, ich wähle eine Teemischung mit dem etwas bekloppten Namen »Magie des Orients«. Lebensverlängerungstee, sagt Markus dazu, weil es so eine ayurvedische Marke ist. Offensichtlich nicht aus seinem Bestand.
Markus ist gelernter Autoschlosser und promovierter Politologe. Er kommt aus Schleswig-Holstein, sein Vater hat es zum Angestellten gebracht, die Mutter durfte kein Abi machen und wurde Kaltmamsell. Dass Markus Abitur gemacht hat, war in seinem Dorf damals noch sehr ungewöhnlich. Er hat drei Kinder, die die meiste Zeit bei seiner ehemaligen Lebensgefährtin wohnen.

Markus: Ich komme aus dem Nationalsozialismus…

Rehzi: Was meinst Du damit?
Markus: Da wo ich herkomme, Dithmarschen an der Nordseeküste in Schleswig-Holstein, haben bei den letzten freien Reichstagswahlen weit über 60 Prozent ihre Stimme der NSDAP gegeben. In meiner Familie war im Wesentlichen mein Großvater der Nazi. Mein Vater hat sich im Dorf als CDU-Mitglied mitschnacken lassen, und meine Mutter hat Willy Brandt gewählt. Als 1976 Ministerpräsident Stoltenberg in einer Nacht- und Nebelaktion mit NATO-Draht, Polizei und Werkschutzarmeen die AKW-Baustelle einrichten ließ, hat er sich ziemlich aufgeregt. Zur CDU-Fahne hat er da nicht gestanden. Gut!

Stichwort Brokdorf, wie bist Du denn dazu gekommen, Dich politisch zu interessieren?
In den Siebzigern hat man immer gefragt: Woran hast Du Dich denn politisiert? Damals hat man dann immer eine Geschichte erzählt, als eine Art Erweckungserlebnis. Ich glaube aber zwischenzeitlich, dass das so nicht stimmt. Die Politisierung kommt individuell meistens zufällig zustande. Gesellschaftlich erfüllt man einen Durchschnitt, der durch einen hindurch reicht. In der Siebzigerjahregesellschaft der Bundesrepublik gab es diverse Modernisierungserfordernisse, es gab eine Anerkenntnis der Idee von Konflikt, irgendwie, wie hilflos und verlogen auch immer, und es gab eine bestimmte Grundpolitisierung: Der Ost-West-Gegensatz ist erst mal entspannt, allen soll es ein bisschen besser gehen als vorher und das Recht auf Kritik gehört zur Demokratie, mit der wir jetzt erst so »richtig anfangen«, wie Willy Brandt 1969 gesagt hat.

Was war denn konkret? Was hast Du so gemacht als Jugendlicher?
Ach, Fußball gespielt und davon geträumt, in die deutsche Fußballnationalmannschaft zu kommen. Paul Breitner fand ich immer ganz gut, weil der heruntergezogene Stutzen hatte. Dass der damals Maoist war, habe ich erst später mitbekommen. Und dann wollte ich zur Bundeswehr, weil ich mich darüber geärgert habe, dass »wir« den Zweiten Weltkrieg verloren haben, und weil man da, so hieß es, gutes Geld verdient und eine sichere Jobperspektive hat. Warum ich mir dann die Haare hab lang wachsen lassen, um - wie ich damals sagte - »gegen die Gesellschaft zu protestieren«, kann ich nicht erklären (lacht). Ich weiß nur, dass es so war.

Die Bundeswehr war dann auch passé, nehme ich an.
Ja, das ging gar nicht mehr. Zudem wurde da, wo ich aufgewachsen bin, an der Unterelbe bei Brunsbüttel, eines der größten Industriekombinate der Geschichte der Bundesrepublik gebaut. Das rief so ein Empfinden der Bedrohung der Lebenswelt hervor. Schließlich passierte auch noch das Chemieunglück in Seveso, dazu kam die Auseinandersetzung um Atomkraft. Das war insgesamt beunruhigend, und es gab sicherlich auch ein starkes romantisches Moment: Die Landschaft wird massiv verändert und dann sagt man: Ich bin dagegen. Und bei großen Chemiekonzernen wie Bayer ist man schnell beim Kapitalismus, und somit auch irgendwie links.

Wie hast Du denn Gleichgesinnte gefunden?
Ich hatte ja lange Haare und auch andere Jungs hatten lange Haare, und so waren wir bald eine qualifizierte Minderheit. Die Schülerzeitung habe ich mit ein paar Kumpels wieder in Gang gesetzt, gegen Atomkraft geschrieben, und für Haschen, Musik und Teetrinken. Wir haben früher immer viel Tee getrunken, ich und meine Dulcinea, um dabei über – naja – »Probleme« zu reden. Also man versuchte sich über das Erzählen von »Problemen« näherzukommen. In der Schülerzeitung haben wir natürlich die rechten Lehrer kritisiert und alles möglich andere. Ich würde im Nachhinein sagen, wir hatten in dieser Zeit 1978-81 im Grunde so ein kleines »Achtundsechzig« an der Schule.

In der erwachsenen Linken war‘s ja die Zeit der großen Depression.
Was hatte ich damals schon mit erwachsenen Linken zu tun? Bei uns Hippies in der Penne war damals klar: Wir werden arbeitslos, wir haben keine Chance, aber die werden wir nutzen! Einmal kam eine us-amerikanische Forscherin zu uns, um herauszubekommen, wie die deutsche Jugend 1979 politisch denkt. Sie verteilte in der Aula Fragebögen mit einer Skala zum Ankreuzen: fünf Striche nach rechts oder fünf Striche nach links. In der Mitte die Null. Die wurde von den meisten markiert. So sind sie halt, die Mitte-Demokraten, damals wie heute, immer ganz nah bei der Null. Wir aber haben die Skala links einfach noch um weitere Striche ergänzt, dort dann voller Stolz angekreuzt und mit »Fritz Teufel« unterschrieben. Damit haben wir die CIA bestimmt ziemlich erschreckt. Ich hatte ja dann 1981/82 ein Strafverfahren, zunächst wegen versuchten Mordes zum Nachteil eines Polizeibeamten vom Sondereinsatzkommando in Brokdorf. Sie haben es schließlich auf Körperverletzung und schweren Landfriedensbruch zurückgestuft. Es war ein langes Jahr mit einem intensiven Strafprozess von 54 Verhandlungstagen. Ich war gerade mal 20 Jahre alt und mit einem Bein im Knast. Wenn man so an den Kanthaken genommen wird, merkt man sich das. Aber ich habe auch noch mal neue Leute kennengelernt, die solidarisch waren.

Wurdest Du denn inhaftiert?
Also 1981 erst 33 Tage wegen versuchten Mordes aus »Hass und Rachsucht auf den eingesetzten Polizeibeamten«, wie es in meinem Haftbefehl stand – wenigstens nicht wegen »Geldgier«, das ist doch auch schon mal was. Dann bin ich freigelassen worden und nach der Urteilsverkündung – drei Jahre ohne Bewährung – auch noch mal zwei Monate in Haft gekommen. Wenn man im Knast ist, überlegt man sich, wie man da wieder herauskommt. Wenn Tricks dabei helfen, dann her mit den Tricks! Und so habe ich mir bei einem KBW-Genossen aus einem Nachbarkaff einen Lehrvertrag zum Autoschlosser besorgen lassen. Mit der Auflage vom Gericht, die Lehre als Autoschlosser anzutreten, bin ich freigelassen worden, also ich musste praktisch Autoschlosser lernen. Das war eine sehr gute soziale Erfahrung. Ich wurde Mitglied der IG Metall, und es gab manche lebendige Diskussion mit den Kollegen. Nach der Lehre war klar, dass ich aus der Provinz weggehe und weggehen muss. Auf einem Anti-AKW-Treffen in den Trebeler Bauernstuben hatte ich eine Genossin kennengelernt, die aus Westberlin kam, und es entwickelten sich zarte Bande zwischen uns. Das war ein guter Grund für mich, in das damals ummauerte Westberlin zu ziehen. Meine erste Demo nach der Ankunft war Mitte September 1985 gegen die Apartheid in Südafrika, es gab direkt eine Hauerei und es wurden Steine gegen die Polizisten geworfen, das war meine Ankunft in Berlin.

Und dann bist du bei den Autonomen gelandet?
Naja, ich hatte ja vorher den Arbeitskreis »Politische Ökologie« kennengelernt, das waren Anti-Atom-Autonome, das ist noch mal ein anderer Schnack als der Westberliner Hausbesetzerkram: Die waren immer so ernsthaft, asketisch, fast protestantisch, ein bisschen religiös, und nicht so schräg, schrill, im produktiven Sinne verrückt und zum Teil durchgedreht wie die Hausbesetzer. Im Spätsommer gab es dann einen Aufruf, gegen die Tagung vom IWF in Westberlin im Herbst 1988 etwas auf die Beine zu stellen. Das fand ich interessant. Es ließ sich mit dem Anti-AKW-Kram verknüpfen, denn Siemens war natürlich in den Schuldenstaaten Argentinien und Brasilien mit seinen Atombrummern unterwegs. Wir haben uns eingebracht mit der Idee: Wir sind der linksradikale Flügel der Anti-AKW-Bewegung und so wie wir in die Provinz gehen, müssen die Provinzler jetzt auch in die Metropole kommen. Im September 1988 war es so weit mit unserer Manifestation im Stadtteil Siemensstadt, aber die aus der Provinz sind nicht gekommen, es waren nur Linksradikale da. Darüber war ich sehr enttäuscht. Erst Jahre später hab ich verstanden, dass es für Atomkraftgegner gar nicht notwendig ist, auch gegen den Kapitalismus zu sein. Eine kapitalistische Welt ohne Atomkraft war immer denkbar.

Wovon hast Du in der Zeit gelebt?
BAföG, Sozi, zwischendurch habe ich auch mal gearbeitet. So ein Aktivistenleben als kleiner, unbezahlter Funktionär. Und dann kam eine Frau durch die Tür in der Stadtteilgruppe Kreuzberg, ich sah sie und hab mich sofort unsterblich in sie verliebt. Das war die Frau meiner Träume, keine andere! Wir haben ein Haus besetzt unten im Werrablock in Neukölln und after this we had great sex. Das war wie im Film mit einem großartigen Sound. Die Frau meiner Träume, und das ist Segen und Fluch zugleich, weil Träume sind eben auch Schäume. Jetzt aber ist sie einige Meter von hier begraben, sie ist vor ein paar Jahren vom Krebs aufgefressen worden.

Es kam ja dann der Mauerfall. Wie hast Du das erlebt?
Das Leben ist in Westberlin/Berlin immer anders gewesen und die Vereinigung war viel unmittelbarer. Das ist jenseits der Politik. Und in Berlin ist die Protestkultur immer anders Teil der Lebenswelt gewesen. Die Stadtteilgruppe implodierte, Gruppenpsychos und der Fall der Mauer zogen uns die alte Handlungsgrundlage unter den Füßen weg. Tja, dann kam es zu dieser komischen Vereinigung der beiden Deutschländer. Ziemlich viele haben da das Faschismusnarrativ vom »IV. Reich« ausgepackt, ich hab damals auch immer »Großdeutschland! Großdeutschland!« geblökt. Was man so sagt, man sabbelt eben auch oft nur das, was alle anderen um einen herum so sabbeln.

Naja, es war ja auch ziemlich bedrohlich, schließlich gab es die ganzen neonazistischen Pogrome.
Ausländer wurden ja auch vorher schon tot gehauen. Ufuk Sahin zum Beispiel wurde im Märkischen Viertel von einem Neofaschisten abgestochen. Aber es stimmt, dass es emotional immer bedrohlicher wurde. Ich saß mit geballter Faust vor der Glotze, als die Nazis während der Grenzöffnung zwischen Deutschland und Polen in Frankfurt/Oder die Busse attackiert haben. Und dann passierte Hoyerswerda im September 1991. Wir hatten das Gefühl, da müssen wir jetzt alle hin. Für mich war Hoyerswerda die Erinnerung an den November 1938. Die Genoss/innen mit türkisch/kurdischem Background, die eigentlich viel mehr Berliner sind als ich, weil sie doch in der Stadt geboren sind, während ich aus der preußischen Provinz Schleswig-Holstein in die Metropole migriert bin, interessierte aber die deutsche Geschichte eher einen Scheiß, was auch ihr gutes Recht ist. Die haben sich durch die Pogrome konkret angesprochen gefühlt, die waren damit auch direkter gemeint als so jemand wie ich. Aber anstatt das in Kommunikation zu überführen, hat man sich so als Projektion betrachtet: die schlagkräftigen Autonomen, die oft gar nicht so schlagkräftig waren, wie sie hätten sein wollen, und die als migrantisch angesehenen »edlen Wilden«, die mit ihren Gewaltformen aus einem anderen Blues heraus gekämpft haben. Meinen intellektuellen Mut habe ich damals einfach nicht mit deren proletarischer Schlauheit zusammenbekommen, ein klares Versagen von mir. Das hat mich sehr deprimiert, auch paralysiert. Dann kam Rostock: Mob und gewiefte staatliche Verschwörung Hand in Hand, da wurde es ganz dunkel.

Du hast eben gesagt, Du warst dann auch deprimiert und verzweifelt. Was hast du damit gemacht?
Gearbeitet und Bücher gelesen.

Ist Dir auch im Kopf rumgeschwommen, alles hinzuschmeißen und dich einfach auf Dein Studium zu konzentrieren?
Nix da.

Es gab weiter eine Perspektive für Dich?
Es ist wichtig, weiterzuleben und Freude zu empfinden. Man ist denn auch wieder unterwegs und es gab durch die gesellschaftliche Grundstimmung immer mal wieder Konstellationen, wo man neugierig war auf andere, wo es eine Hoffnung und einen Esprit gab, einen Charme. Man hat durch den Aktivismus ja auch gewonnen, an Erfahrungen, an sozialen Kontakten, an Wissen.

Also Neugier ist wichtig, um weiterzumachen?
Der Basic-Point ist: Ist man neugierig und unterstellt dem Anderen, dem oder der Fremden, das allerbeste oder eben nicht? Ist der Fremde ein potenzieller Freund oder potenzieller Feind? Und ohne ein Grundmaß an Naivität geht’s nicht. Du musst da eine Frage haben und schauen, wer Dir zu Deiner Frage etwas sagen kann. Sonst kommt da keine Musik rein. Man muss auch noch mal etwas entdecken wollen, gemeinsam und für sich selbst. Darunter ist es nicht zu haben. Das ist auch eine Frage von Leiden und Leidenschaft. Natürlich kann man auch niedergeschlagen sein, aber eines hat mich immer begleitet: dass man gewinnt, wenn man seine eigenen Bahnen verlässt oder zu den bekannten Bahnen noch was hinzufügt.

Was machst Du denn üblicherweise, wenn Du frustriert bist von Deinem politischen Zusammenhang?
Lesen, lesen, lesen! Und schreiben. Archivieren und sammeln!

Also eine kleine Rückzugsbewegung?
Ist das Rückzug? Das ist doch auch tätiges Leben.

Das schon, aber Du gehst aus dem Kontakt raus und bleibst eher zu Hause am Schreibtisch.
Ich kann mir nicht mehr vorstellen, an einem Ort zu leben, wo ich keine große Bibliothek erreichbar hätte. Wenn man irgendwann Intellektueller ist, dann ist das die Selbsttätigkeit. Das ist eine andere Etappe und man kommt noch mal auf andere Dinge. Und ich muss natürlich mittlerweile in Rechnung stellen, bei aller Polemik und Wut auch über die Ablehnung, die mir entgegenschlägt: Ich bin jemand mit einer großen Birne, der für Leute, die vielleicht auch noch jünger sind, nicht so ohne Weiteres auszuhalten ist.

Wie meinst du das?
Was kann ich von denen lernen? Das ist nicht von vornherein zu beantworten, man teilt deren soziale Erfahrung nicht. Ich komme aus einer Zeit, da waren Konfliktfähigkeit und Autonomie mal für eine kurze historische Sekunde Staatsreligion! In den hessischen Schulrahmenrichtlinien ist das im Verlaufe des Jahres 1972 unter der Leitung des damaligen Kultusministers Ludwig von Friedeburg schriftlich fixiert worden. Da war die Rede von einer »Befähigung zur Selbst- und Mitbestimmung« als »oberstes Lernziel für eine demokratische Gesellschaft«, und dass politische und gesellschaftliche Zusammenhänge »von mehreren Seiten aus zu betrachten«, also »kontrovers zu beurteilen und ihnen Alternativen gegenüberzustellen« sind. Die Schüler in der BRD sollten wirklich einmal lernen, »überlegte eigene Entscheidungen zu treffen; Mut zum Widerspruch zu entwickeln; die Rechte anderer zu achten; falls notwendig auch zu protestieren; uneingeschränkt die Meinung zu äußern; Regelungen zu befragen, ob sie notwendig sind und wem sie nützen.« Das Leben auf der Welt besteht aus Konflikten, in denen man sich klug und verantwortlich bewegen muss und soll. So! Das haben die Konservativen sofort weggeputscht. Und was würden die konformitätsgeübten Linksradikalen von heute dazu sagen? »Dominantes Redeverhalten! Und auch noch zu laut!«
Ich habe den Eindruck, dass die Zeit an mir vorbeizieht. So wie ich denke und fühle, bin ich ein Fossil aus einer anderen historischen Konfiguration. Wenn du sagst: »Konflikt!« Und die Leute sagen: »Um Gottes Willen! Kein Konflikt!« Da sag ich: Dann geht auch keine Veränderung mehr! Wenn man so resignativ denkt, dann folgt daraus nur noch trostlose Milieuverwaltung. Und Gnade dem Gott, der davon abweicht: Weg mit dem Störenfried! Falsche Unmittelbarkeit und Theorie-Praxis Kurzschluss sorgen so in allen gesellschaftlichen Winkeln für Ruhe und Ordnung.

Wenn man Dich so reden hört, stecken da trotz des Frustes enorm viel Energie und Vehemenz drin.
Danke für die Blumen!

Wo kommen die her?
Das weiß ich nicht.

Du bist 51, andere Leute sind erschöpft und fertig.
Ja, aber es gibt doch immer noch so viel zu entdecken! Und bestimmte Dinge gehen nicht, zum Beispiel für den Krieg sein oder wissentlich gemeinsam mit Verfassungsschützern quatschen. Da muss man doch dagegen halten, selbst wenn man gerade kein Argument auf der Tasche hat.

Wo ziehst Du das her? Stehst Du morgens schon so auf?
Manchmal ja, und das auch noch mit fauligem Mundgeruch.

Ist es Humor?
Jaja, natürlich, so kann man sich der Welt zuwenden.

Bist Du auch optimistisch?
Ich glaube, man kann immer etwas machen. Vielleicht nicht viel, und ob es dann Relevanz hat, entscheidet die Geschichte, aber wenn es für dich wichtig ist, dann zählt es! Klar, als Linker musst du eine Perspektive auf Mehrheit haben, das denke ich schon, sonst wirst du dumm, elitär und Teil der Regierung. Denk an die Antideutschen! Aber es gibt immer Möglichkeiten, noch mal was anzustiften.
Alles, was wir tun, hat Bedeutung und Einfluss. Aber auch klar: Noch mal so losschwärmen wie mit 20, 25 geht nicht mehr, weil ich einfach noch einen Sack anderer Kreuze auf meinem Buckel zu tragen hab und nebenbei noch drei ganz wunderbare kleine Kinder unter erschwerten Bedingungen bewirtschaften möchte. Aktuell kann ich leider keinen politisch-organisatorisch umsetzbaren Vorschlag machen. Die antirassistischen Grenzcamps von 1998 bis 2003 waren Vorschläge, und Mittenwald 2002 bis 2009 war ein Vorschlag. Da hätte ich immer gesagt: Komm du auch da hin, da lernst du was, da geht es voran! Und das hab ich jetzt nicht. Aber Ideen hat man ja immer wie Sand am Meer, und ich hab mir gedacht, es müsste doch einmal zu schaffen sein, mit Vorlauf dieses Arbeitsamt lahmzulegen. Wir kündigen das an, wie beim Castortransport, und dann könnte man überlegen, wie man den Raum und die Bullen… – na du weißt. Aber da fehlen mir gerade die Möglichkeiten, Klinken zu putzen und die Leute dafür zu gewinnen. Also dieses Socializing. Da hatte ich früher mehr diesen sozialen Jugendbewegungsüberhang.

Braucht man ein dickes Fell?
Bufff, Mjaa…

Hast Du ein dickes Fell?
Früher hatte ich vielleicht ein dickeres, heute gehen mir manche Sachen näher, auch weil ich da schwindende Lebensmöglichkeiten sehe. Wenn man von Antisexisten in einer Publikation des Unrast-Verlags politisch an die Seite von zurecht rechtskräftig verurteilten Sexualstraftäter/innen gestellt wird, ist es niemals ganz leicht, das mit Amüsement zu goutieren. Auf der anderen Seite, das ist aus autonomer Perspektive völlig klar, muss man sich in der Zukunft natürlich in der gebotenen kalten Härte für die unveräußerlichen Rechte auch solcher Delinquenten starkmachen. Es ist schon eine Niederlage, wenn Ressourcen und Möglichkeiten flöten gehen. Daran nicht zu verzweifeln, sondern das wieder so hochzurationalisieren, zu politisieren, verdammt mühsam ist das.

Ist das die Art und Weise, wie Du die Sachen für Dich integriert kriegst, dass Du Dir das rational erklärst, das theoretisch-intellektuell versuchst aufzuarbeiten?
Klar versucht man zu rationalisieren, um gewappnet zu sein für andere Situationen, um dann zu sagen: Um was geht es? Um Wohlverhalten? Um Wohlfühlen? Das kann doch nicht sein! Das Wohlfühlen ergibt sich – wenn überhaupt – hintenrum. Ran an die Inhalte, denn die bloßen Formfragen sind doch nur das öde Lebenselixier der Zeremonienmeister/innen.

Wozu fühlst Du Dich denn zugehörig?
Ich verstehe mich als Autonomer als Teil der ganzen Welt und werde das hoffentlich bis ans Ende meines Lebens weiter hinbekommen. Ich will die Fahne nicht mehr wechseln. Denken wir uns doch mal solche Figuren wie Jürgen Elsässer, Horst Mahler oder Wolfgang Kraushaar. Die muss man sich als eine feste Fahnenstange vorstellen, das nennt man in Deutschland auch Charakter haben. Und dann wechseln sie so munter daran die Fahnen, ohne eben ihren Charakter zu verlieren, denn sie waren, sind und bleiben für immer eine Fahnenstange, ganz wunderbar weiß lackiert, formschön und sehr grazil. Dieses instruktive Bild habe ich vom Genossen Agnoli aufgeschnappt. Nee, eine Fahnenstange, bin ich nie gewesen, soll man auch nicht sein, und mein Charakter soll einfach einer im brausenden Wind knatternden schwarz-roten Fahne der Autonomie mit dem fünfzackigen Stern gleichen.

Was ist denn Autonomie?
Reflexion des Selbstwiderspruchs. Oder wo ist der beunruhigende Punkt in den Fragen und in unseren Beziehungen? Was ist der Selbstwiderspruch? Der muss ins Zentrum und überlegt, diskutiert und bearbeitet werden.

Der Widerspruch?
Richtig, der fortgesetzte Widerspruch! Eine Welt und die politische Linke darin ohne Widersprüche, das ist doch nur die Organisation einer neuen gesellschaftlichen Stufe der Konformität!

Was mir noch aufgefallen ist, dass Du mit der Ausnahme von der Beziehung und den Kindern ja ein ziemliches Einzelkämpferleben lebst. Was ist denn Deine Perspektive, wenn Du nicht mehr für Dich selber sorgen kannst?
Revolutionsrente gibt et nich, weil wir die in der BRD bekanntlich bislang versemmelt haben. Und der Reemtsma wird mir von seiner gigantischen Kohle, die sein Vater Philipp Fürchtegott zusammen mit dessen Kumpel Hermann Göring im Nationalsozialismus zusammengerafft, pardon: verdient hat, auch nix abgeben. Was bleibt da noch? Die staatliche Grundsicherung! Auf die muss ich nunmehr in verschärft-militanter Weise setzen (lacht). Verdammt! Mein Altersschicksal ausschließlich individuell freundschaftlich in meine persönlichen Beziehungsnetzwerke weiterreichen? Die können mir doch gar kein Krankenhaus und auch keinen Luxusrollstuhl mit Spoilern, Fuchsschwanz und Hupe kaufen! In Deutschland haben wir ja alle den Staat am Hals, und wenn der in Zukunft nicht so funktioniert, wie wir das wollen, dann muss der weg! Damit etwas Besseres kommt. Auf dass der Tod uns lebendig findet, und uns das Leben nicht tot! Und wer von uns jungen Unsterblichen doch stirbt, der wird wieder ausgegraben, ausgestellt und bestaunt. Das macht man einfach so mit Fossilen. So sehe ich das.

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