Von Robert D. Meyer

Umfrage: Flucht vor Armut ein Grund für Asyl

Hälfte der Bevölkerung plädiert für Anerkennung wirtschaftlicher Ursachen als Schutzgrund / Wachsende rechte Gewalt für 83 Prozent der Befragten drängendste derzeitige Problem

Nicht nur in der deutschen Flüchtlingsdebatte wird häufig zwischen Asylsuchenden erster und zweiter Klasse unterschieden: Während über fast sämtliche Grenzen demokratischer Parteien hinweg das Recht auf Asyl für Menschen weitestgehend auf Konsens stößt, die aus Kriegsgründen ihre Heimatstaaten verlassen, tun sich weite Teile der Politik bis hinein ins sozialdemokratische Lager bei den sogenannten »Wirtschaftsflüchtlingen« schwer. Schon der Begriff ist unter Soziologen umstritten, verschleiert er doch die vielfältigen Ursachen, die sich hinter einer Flucht aus wirtschaftlichen Gründen verbergen, seien es beispielsweise existenzbedrohende Armut, Arbeitslosigkeit, Hunger oder eine fehlende soziale Infrastruktur.

Die LINKEN-Politikerin Halina Wawzyniak fasste die Kritik an der Kategorisierung von Fluchtursachen im Herbst 2015 so zusammen: »Der reiche globale Norden, der seit einer Ewigkeit auf Kosten des globalen Süden lebt erklärt in nicht zu überbietender Arroganz, was wer darf und was nicht. Wir schwingen uns auf zu erklären, dass die Menschen doch bitte da bleiben sollen, wo sie keine ökonomische Perspektive haben. Auch weil wir so leben wie wir leben.«

Eine Befragung des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) ergab nun, dass die deutsche Bevölkerung durchaus dazu bereit ist, Menschen hierzulande aufzunehmen, die aufgrund einer »schlechten Wirtschaftssituation« in ihrem Herkunftsland keine Perspektive mehr sehen. Laut der Umfrage plädiert jeder Zweite dafür, diesen Schutzsuchenden Asyl zu gewähren.

Innerhalb dieser Gruppe differenzieren die Befragten jedoch erheblich, wie es in der Studie im Auftrag der Wochenzeitung »Die Zeit« heißt. Besonders hoch ist die Aufnahmebereitschaft für jene Gruppen, die über eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss verfügen. Unter dieser Bedingungen plädieren 55 Prozent der Befragten für eine Aufnahme. Deutlich schlechter steht es im gegensatz dazu für Geflüchtete ohne berufliche Qualifikation: In diesem Fall sprechen sich immerhin noch 38 Prozent dafür aus, Asyl zu gewähren.

Unberührt von diesen Zahlen bleibt die Zustimmung, Schutz vor Krieg und politischer Verfolgung zu leisten: 93 Prozent der Befragten würden Menschen aus diesem Grund in Deutschland Asyl gewähren. Mehrheitlich gilt dies sogar bis hinein ins Lager der AfD-Wählerschaft.

Ingesamt scheint sich die Bevölkerung weniger um den Zuzug weiterer Geflüchteter Sorgen zu machen, als viel mehr um den wachsenden Rassismus. Laut einer Forsa-Umfrage für das Magazin »Stern« sehen die Deutschen in der zunehmenden Gewalt gegen Ausländer und Flüchtlingsheime das derzeit drängendste Problem. In der Umfrage sollten die Befragten aus 13 Problembereichen jene angeben, die sie am meisten beunruhigen. An erster Stelle nannten 83 Prozent die Angriffe auf Flüchtlingsheime und rassistische Gewalt. Dahinter folgte der Zulauf zu rechtsradikalen Gruppen mit 77 Prozent. Dagegen wurde die Zahl der Flüchtlinge und Asylbewerber von 52 Prozent der Befragten erst an zehnter Stelle genannt. Dass es in der Bundesrepublik bereits zu viele Asylsuchende gibt, finden lediglich neun Prozent. mit Agenturen

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