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Das Leck im blauen Lada

»Fliegenragwurz« - Stefan Eikermann lässt die Endzeit der DDR noch einmal aufleben

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Beim Lesen dieses Buches fiel mir ein heute fast vergessener, früher ständig zitierter Satz ein, den ein bekannter Schriftsteller geprägt hatte: »Alles geht seinen sozialistischen Gang.« Als in der DDR schließlich gar nichts mehr »seinen sozialistischen Gang« ging, lebte der Schriftsteller auch schon längst im westlichen Teil Deutschlands. Von dieser End-Zeit der DDR, der Zeit eines »ganz alltäglichen Irrsinns«, wie es im Umschlagtext heißt, als nichts mehr ging, erzählt Stefan Eikermann (Jahrgang 1973) in seinem Buch.

Von einem Roman zu sprechen, ist nicht ganz passend, vielmehr fügt der Autor kleine Handlungsstränge aus vielen Lebens- und Arbeitsbereichen wie einen (ziemlich düsteren und löchrigen) Flickenteppich zusammen - ganz entsprechend der lastenden Lethargie jener Jahre und der Gefährdung sozialen Zusammenhangs, obwohl eigentlich alle Menschen miteinander zu tun haben und sich ständig über den Weg laufen, im Wohnblockviertel, im Elektrogerätewerk, in der Schule, bei Schulungen, bei Bierabenden in der Laubenkolonie. Aber jeder und alles, vom Werkdirektor bis zum Neunte-Klasse-Schüler, von der Brigadefeier bis zum Friedensgottesdienst, liegt und lebt unter einer Glocke von Kontrolle, Überwachung und Bespitzelung. Das Buch ist eine Real-Satire, bei deren Lektüre man nicht weiß, ob man lachen oder heulen soll. Längst Vergessenes oder Verdrängtes ist da wieder da, vor allem der phrasenhafte Partei- und Zeitungsjargon, so geballt ist er nun ganz unerträglich, aber erinnerlich.

Stefan Eikermann malt kein Schwarz-Weiß-Bild der Guten und der Bösen. Natürlich gibt es die ewig Gestrigen und Verbohrten (mit ihrer Macht und ihren unerträglichen Parolen). Die wollen nicht wahrhaben, wie Vieles im Argen liegt und dass nicht an allem der »Klassenfeind« die Schuld trägt. Es gibt den jungen Lehrer, der sich um talentierte Schüler oder Schülerinnen ohne Ansehen ihrer Herkunft bemüht und die Patenschaft für einen Werkhof-Jungen übernimmt. Es gibt den Genossen Betriebsdirektor, der über gute Leute die Hände hält und Schwierigkeiten und Mängel benennt und deshalb in eine Landwirtschaftliche Genossenschaft im Eichsfeld versetzt wird.

Es gibt Jugendliche, die die Situation seismographisch genau wahrnehmen, eine Wandzeitung mit Texten aus der sowjetischen Zeitschrift »Sputnik« gestalten, in einer Rockband spielen und sich in Friedensgruppen engagieren. Und es gibt Sascha, Mattias und René, die drei hellwachen Jungs, die natürlich dauernd Blödsinn machen und dabei mitunter den heimlich-unheimlichen Bewachern in die Quere kommen - beispielsweise, als ein fehl geflogener Fußball einen blauen Lada beschädigt, der vor einem Wohnblock steht und die ausreisewillige Familie Tilbert überwacht.

Löcher gibt es all überall in dieser Zeit: in den Lieferungen für die Produktion, in kaputten Fensterscheiben der Werkhallen (die alle ungeputzt und schmutziggrau sind), auch einmal ein ganz frisches zwischen zwei Neubauwohnungen, deren eine von der anderen aus abgehört werden soll. Nur eine Panne ist das von vielen, aber nicht die schlimmste. Eine Panne anderer Art hat mit einer unkrautähnlichen, aber unter Naturschutz stehenden Orchideenart namens Fliegenragwurz zu tun. Die hat Oberst Schulz im Grenzgebiet ausgebuddelt und in seinen Kleingarten gepflanzt, weil er viel für Naturschutz übrig hat. Von ignoranten Schülerinnen wird sie indes bei einem Sonnenbad einfach »niedergewalzt«. Was wenig später im großen Stil seiner DDR passieren wird. Aber das hängt womöglich damit zusammen, dass er ein hoher Fliegeroffizier ist, die Bodenhaftung verloren hat und nicht wahrnimmt, wie es unten aussieht.

Es erstaunt, wie präsent dem Autor Stefan Eikermann die Atmosphäre dieser Zeit noch ist. Er hat sich - nicht nur für sich selbst - Wunden und Frustrationen von der Seele geschrieben. Mit großen kritischen, schon früher geschriebenen Romanen (»Franziska Linkerhand«, »Die Architekten« usw.) ist das Buch aber nicht vergleichbar. Wer die Zeit in der DDR nicht erlebt hat, wird damit nicht viel anfangen können, für die anderen kommt es zu spät, ist nur böse Erinnerung.

Stefan Eikermann: Fliegenragwurz. EDITION digital. 388 S., br., 12,80 €.

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