Die Impulsschlagader

Schauspiel Stuttgart: Kimmigs Antike, Sloterdijks Wahrheit - und fünf Frauen

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Sie ist eine Hexe mit Fallsucht. Eine Königin des Räudigen. Die Dirty-Dämonie ist ihre Domäne. Astrid Meyerfeldt. Eine Castorf-Bardin, bestückt mit kratzigen, rauchigen Tonlagen, die jeden heiligen Spruchzauber zum Gossen-Granulat zerreiben. Ein bös-ordinäres Zickenluder kann sie sein, und das Erhabene darf sich, bitteschön, nicht so haben, wenn es in die Klangklauen dieser Schauspielerin gerät. Jetzt ist sie eine großartige Klytaimnestra am Schauspiel Stuttgart.

»Orest. Elektra. Frauen von Troja« - so heißt dieser dreistündige Abend, inszeniert von Stephan Kimmig. Euripides, Sophokles, Aischylos, collagiert von John von Düffel. Die Geschichte einer Familie, in der Klytaimnestra ihren Gatten Agamemnon ermordet - er hatte die gemeinsame Tochter Iphigenie fürs Kriegsglück geopfert. Ihre drei anderen Kinder, Elektra, Orest, Chrysothemis schliddern nun ins Endlosschraubwerk von Krieg und Rache. Vorher der Blick auf den Kampf um Troja, auch aufs Schicksal der Hekabe, die als Königin Trojas von den Griechen zur Sklavin niedergestampft wird - gemeinsam mit Tochter Kassandra, Kriegsmitbringsel des geilen Agamemnon.

Acht Ecken hat die leere Spielfläche, in der Mitte ein Pfahl (Bühne: Katja Haß). Wie ein Schiffsmast ohne Segel, ohne Ausguck; der Mensch ein Treibgut zwischen allen Horizonten. Die packende Aufführung zieht ohne große Ausschmückung ihre Schritte über den Holzboden. Der Vers hat bald keine gepflegten Sprechorgane mehr, er wird fortwährende Kriegserklärung und grinst, brüllt, kichert, keift, spuckt, rülpst, schäumt, posaunt pathetisch die öden Hauptvokabeln: Ehre, Sieg, Heimat. Die Aufführung richtet immer wieder ihre Blicke ins Publikum, wo wir Schweigenden, Hörenden sitzen, seit Jahrtausenden alles Wissende, doch nichts wirklich Begreifende. Das Frühzeit-Grundgesetz, gültig bis heute: Ein Unrecht behauptet, nun endlich das Recht zu sein; Ungerechtigkeit posaunt, sie heiße jetzt Gerechtigkeit; die alte Schlacht lügt, sie sei fortan der neue Frieden. Im hellen Zwielicht jeder Zeit steht alles für Wiederholungen bereit.

Der Philosoph Peter Sloterdijk nennt das, was alle Mächtigen so treibt, den »zukunftsblinden Interventionismus«. Eine Politik, »beginnend mit der Destabilisierung unwillkommener Regime, endend mit der Überlassung ruinierter Staaten an Chaos, Terror und nie beendbaren Bürgerkrieg«. Sloterdijk bekräftigt jüngst in der »Zeit«, was wahre Friedensgeschichte wäre: »die Kunst, den Zufall zu zähmen«. Kunst der Künste. Griechischer Stoff. Akut in wirren Zeiten, jetzt, da wieder der Rezeptehandel blüht.

Fünf Schauspielerinnen, sie übernehmen hier auch das Männerwort. Bezwingende Hochtextspannung. Bedrängende Texthochspannung. Das Weibliche zieht uns hinan? Ja, Herr Goethe. Aber jede Frau in Tuchfühlung zur Macht verkeimt sich mit Mannesmuskeln bis ins Hirn. Das zeigt Kimmig. Er zeigt jedoch auch: So leidvoll könnten Frauen ausgesehen haben, lange bevor Munch den »Schrei« erfand.

Anja Schneider ist Elektra. Eine Schauspielerin aus dem Grenzland von Kühle und Schmiegsamkeit. Elektras Hass auf ihre Mutter, diese Vatermörderin Klytaimnestra, wird bei Schneider zur rächenden Urgewalt, wie sie nur hervorgebracht werden kann von einer zutiefst Zurückgesetzten, einer höllisch Verkannten. Sie krümmt sich, presst sich geradezu in eine explosive Körperenge. Einkehr, Umkehr unmöglich. Berührend, wenn Elektra den totgeglaubten Bruder Orest erkennt und beide herumtollen wie Kinder. Kurze Rückkehr ins Kreatürliche.

Sandra Gerling als Orest: von Elektra in den Muttermord getrieben, im Amok eiskalt zerfiebert; ein Jammerbild des Menschen, der sich als Geschichtssubjekt verstehen soll, aber an Gottlosigkeit wahnsinnig wird. Die Terminatorheit. Spräche er das Wort »Aufklärung« aus, es wäre nicht Sprache, es wäre Sabber. Orest ist, wie Gerling ihn spielt: Sabber. Ein vertiertes Kind. Ein Kaspar Hauser als mechanischer, stierender, schreiender Kindersoldat. Tanz der Äxte, wenn er und seine Mutter aufeinander losgehen. Manchmal sieht es aus, als siegte das Kind in ihm. Aber das Kind ist tot. Der Soldat nie. Und Elektra hetzt und hetzt. Orest schlug zu, sie aber hat die verbrechensroten Hände. Und rechtfertigt sich mit Heiner Müller, sie handelt »im Namen aller Opfer«. Ehrenwert. Gefährlich. Ein Gleichnis auf die Einflüsterer, sie geben sich hin, sie öffnen sich gleichsam fortwährend die Impulsschlagader - aber es verbluten immer die anderen.

Svenja Liesaus Kassandra (sie ist auch aufreizend lebensfroh Elektras Schwester Chrysotheme) verstört zutiefst - die Gabe, Zukunft zu sehen (also das jeweils Schlimmste) machte aus einem Menschen ein neurotisch zernichtetes Bündel Unglück, dem niemand glaubt. »Ich bin der Untergang.« Wahrheit ist immer der Untergang. Birgit Unterweger gibt ganz in Weiß Klytaimnestras neuen Bett-Bezug Aigisthos, und sie ist im transparent-luftigen Kleid die schöne Helena. In grandioser Lust auf Hässlichkeit und rotzigen Realismus tobt und rast sie sich das Unglück aus dem Leibe, ein Mythos sein zu müssen.

Noch einmal Astrid Meyerfeldt: Erst war sie Hekabe im schweren Goldkettenkleid, als Klytaimnestra in Flammendrot hält sie jedes Gefühl in einer so vibrierend dahinflatternden wie rabiat einrastenden Balance. Zwischen tückischer List und bohrendem Leid, zwischen gepeinigter Mütterlichkeit und unverfrorener Simulation echter Empfindung. Sie hält selbst einen schweren Leuchter wie eine Waffe, benutzt ihn dann - ach, ich arme Alte - wie einen Rollator. Aus der klar gesetzten, gleichsam metallisch umschlossenen Arro-Ganz geht’s sekundenschnell in die Wutwallungen einer tausendfach gescherbten Elendsseele. Sie schwingt das schwere Blutbeil, zerrt die Plastesäcke mit den Leichen von Agamemnon und Kassandra herein. »Meisterlich gelang das Werk!«

Das Werk! Stets produziert der Weg zur Macht einen geradezu metaphysischen Todesappetit; jedes Neue vermählt sich mit dem Urgeschehen menschlicher Existenz: dem Schuldigwerden. Es ist die bitter bohrende Nachricht dieses Stuttgarter Abends: Rede keiner von geschichtlicher Aufwärtsbewegung, nur weil das Wort Utopie im tönenden Munde des jeweiligen status-quo-besorgten Theoretikers wie ein schöner Goldzahn glänzt. Mensch: bleib lieber draußen, bleib einsam, bleib frei, verlass den Hohlkörper der Phrase (... ach, die Sache verlangt’s von mir; ach, ich diene dem Volke; ach, all mein Kampf gilt der Freiheit ...). Denk nicht dauernd ferne Menschheit, sondern mach’s dir schwer und schwerer: Sieh und fühl »nur« jene, die wirklich erreichbar sind für dich. Bleib heimisch.

Elektra und Orest sehen uns an. Starr. Sie werden sterben, aber gehen weiter um. Viele Ideen gelten als erledigt und gehen doch weiter um. Die Götter sind hier tot. Der Mensch nahm alles selbst in die Hand. Vor allem den Stein, der erschlägt. Der Mensch nun selber Gott? Über dieser Vision wird er zum Gespenst. Vorsicht! Der Beweis dafür könnte eines Tages als Spiegel auch in unseren eigenen Wohnungen hängen.

Nächste Vorstellungen: 15., 29. März, 1. April

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