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Massenunterkünfte machen krank

Psychische Störungen sind Folge von überfüllten Lagern und Perspektivlosigkeit

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Eine Diskussionsveranstaltung zur medizinischen Versorgung von Flüchtlingen enthüllt erhebliche Lücken im System.

Der Andrang im Ernst-Heilmann-Saal des Abgeordnetenhauses ist groß. Nach kurzer Zeit ist der Raum so überfüllt, dass einige Besucher sich auf die Tische oder den Boden setzen müssen. Anlässlich eines Antrags der SPD zur Verbesserung der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen und Asylbewerbern lud die Fraktion am Mittwochabend zu einer Diskussionsveranstaltung. Zum Podium gehören unter anderem Mitarbeiter der Senatsverwaltung und der Ärztekammer. An den Konferenztischen sitzen Vertreter verschiedener Initiativen, der Arbeiterwohlfahrt und Caritas, sowie Ehrenamtliche aus dem medizinischen Bereich. Thomas Isenberg, Gesundheitsexperte der SPD-Fraktion, moderiert den Abend.

Obwohl die gesundheitliche Versorgung für Flüchtlinge offiziell besteht - beispielsweise werden alle Neuankömmlinge gleich nach der Ankunft in Berlin einer medizinischen Voruntersuchung unterzogen - ist es doch keine Überraschung, wenn Mitarbeiter der Flüchtlingshilfe vor Ort andere Erfahrungen machen.

Immer wieder melden sich verschiedene Fachkräfte zu Wort und weisen darauf hin, dass beispielsweise die Versorgung im psychologischen und psychiatrischen Bereich erhebliche Lücken aufweist. Zum einen gibt es kaum Fachpersonal aus diesen Gebieten im gesundheitlichen Versorgungssystem des Senats, außerdem fehlt es an qualifizierten Dolmetschern, die bei medizinischen und psychologischen Behandlungen zwischen Arzt und Patient vermitteln können. Zum anderen werden keine Präventivmaßnahmen in den Unterkünften im Hinblick auf psychosomatische Krankheiten ergriffen.

»Was die Flüchtlinge krank macht ist die fehlende Bleibeperspektive und dass sie keine Arbeit haben«, sagt Jürgen Hölzinger von der Ärztekammer Berlin. Wenn Geflüchtete monatelang ohne Beschäftigung in Heimen säßen, führe das zu erheblichen gesundheitlichen Problemen, so Hölzinger. Er fordert, die Strukturen der Arbeit zu verändern, so dass Asylsuchende Arbeitsplätze und Praktika bekommen können. »Arbeit ist die beste Integration und die beste Gesundheitsvorsorge«, findet Hölzinger.

Laut der ärztlichen Leiterin des Behandlungszentrums für Folteropfer, Mercedes Hillen, seien etwa die Hälfte der Geflüchteten psychisch schwerst belastet. Dies bedeute jedoch nicht, dass jeder von ihnen psychologische Behandlung bräuchte. Denn eine gute psychosoziale Betreuung wirke bei traumatisierten Menschen bereits »stabilisierend und präventiv«. Jedoch sei die prekäre Lage in den Notunterkünften für diese Menschen »destabilisierend«.

Auch Kinder- und Jugendärztin Renate Schüssler, die selbst in Notunterkünften arbeitet, erkennt, dass psychosomatische Probleme durch Massenlager begünstigt werden. »Die Unterbringung in solchen Lagern verletzt die Menschenwürde«, sagt Schüssler. Sie kümmert sich in den Einrichtungen auch vermehrt um Kinderschutz und überprüft die Qualitätsstandards für Hygiene, Ernährung und Kinderbetreuung in den Wohnheimen. Leider, so sagt sie, gäbe es unter den Betreibern der Unterkünfte schwarze Schafe, die auf Kosten der Bewohner Geld sparen wollen. Dies führe dazu, dass in den Heimen teilweise keine Babynahrung vorhanden sei.

Generell scheint die Versorgung von hochschwangeren Frauen und Neugeborenen nicht ausreichend zu sein. So erklärt eine Vertreterin des Hebammenverbands, etwa ein Drittel der geflüchteten Frauen sei bei ihrer Ankunft schwanger, dem Verband lägen jedoch keine Daten zu den Aufenthaltsorten dieser Frauen und ihren Neugeborenen vor. Dabei gehören Schwangere eigentlich zur Gruppe der besonders Schutzbedürftigen.

Ein Arzt aus dem Publikum berichtet, dass es etwa 400 in Berlin geborene Flüchtlingskinder gebe, denen keine Geburtsurkunde ausgestellt worden sei. »Diese Neugeborenen existieren nicht. Es ist ein Drama. Es ist eine Menschenrechtsverletzung«, sagt er.

Obwohl eine Mitarbeiterin des Landesamts für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) aus dem Publikum dies dementiert und erklärt, die Neugeborenen würden mit dem »Formblatt A« registriert werden, fragt man sich doch, warum in Berlin geborene Kinder eigentlich keine Geburtsurkunde erhalten.

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