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Männliches Abwehrgefecht

Freitags Wochentipp: der ZDF-Dreiteiler »Ku’damm 56«

Faschistoid» ist ein inflationär gebrauchter Begriff. Dabei muss viel zusammenkommen, um ihm zu genügen: Totalitäres Führerprinzip, Feindbilder und verschwörungstheoretischer Ermächtigungsterror gegen alles, was der Volksgemeinschaft entgegensteht. Auf die Türkei bezogen, klingt «faschistoid» da gleich weniger inflationär. Wegen ihrer Nähe zum Prediger Gülen, der die Gunst von Präsident Erdogan erst verlor, als er 2013 dessen halbem Hofstaat Korruption nachweisen konnte, hat des Sultans gleichgeschaltete Justiz die regierungskritische Zeitung «Zaman» unter staatliche Aufsicht gestellt.

Angesichts der Gefälligkeitsberichte, die Erdogan dort seither feiern, stellt sich da die Frage: Was macht bloß die EU? Antwort: Eine Menge! Wegen ihrer Rolle in der Flüchtlingskrise wird die Türkei mit Geld und Wegsehen ausgestattet, was die Sache mit der Pressefreiheit zweitrangig erscheinen lässt. Da ist es kaum noch einer Randnotiz wert, dass die Nachrichtenagentur Cihan nun ebenfalls unter Kuratel steht, was bereits ein Fernsehkonsortium so ruiniert hat, dass längst auch der Bildschirm gleichgeschaltet flimmert.

Das beweist einmal mehr, wie wichtig unabhängige Medien in den Händen Vieler sind - selbst in funktionierenden Demokratien wie unserer. Das Urteil des Bundeskartellamts von 2005, Springer und die ProSiebenSat1 AG nicht fusionieren zu lassen, ging exakt in diese Richtung. Dennoch hat es ProSiebenSat1 jetzt auch ohne Springer geschafft, als erstes Medienunternehmen überhaupt in den DAX aufzusteigen. Mit einem TV-Programm übrigens, das zwar nur noch Peanuts zum Konzernerlös beiträgt, aber selbst die Konkurrenzangebote prägt.

Ob das ZDF ohne den Einfluss der privaten Unterhaltung opulentes Puschenkino wie «Ku’damm 56» produziert hätte, sei mal dahingestellt. Die inflationär hergestellte öffentlich-rechtliche Historienschnulze rings ums Kriegsende ist schließlich eine Erfindung des dualen Zeitalters, in dem die Form allen Inhalt besiegt hat. Auch diese Geschichte dreier grundverschiedener Töchter einer Berliner Tanzschulbesitzerin hätte demnach das übliche Kostümgelage im Wirtschaftswunderambiente werden können - ginge es Regisseur Sven Bohse (Buch: Annette Hess) zwischen Nierentischen und Petticoats nicht noch um etwas anderes.

Vordergründig mag Mauerblümchen Monika (Sonja Gerhardt) nach verpatzter Hauswirtschaftslehre als Tanzlehrerin zwischen mütterlichem Kontrollfreak (Claudia Michelsen) und Freiheitsdrang (Rock’n’Roll), heiratswilliger bzw. verheirateter Schwester und gutem und fiesem Verehrer hin und hergerissen sein - dahinter skizziert der Dreiteiler (Sonntag, Montag, Mittwoch) mit großer Hingabe das männliche Abwehrgefecht gegen den damaligen Verfall des Patriarchats.

Gewiss, es gibt die gewohnten Klischees wie eine arg plakative Deko, als trügen alle Männer eines Films von 2076 übers Jahr 2016 Vollbart und Hornbrille. Andererseits ist stets spürbar, dass dies nur den nötigen Schauwert für etwas liefert, das Historienschnulzen sonst fehlt: Haltung.

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