Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Trauer am Böllenfalltor

Der SV Darmstadt 98 erinnert an seinen treuesten Fan, den jüngst verstorbenen »Johnny«

Die Trauer über den verstorbenen Jonathan Heimes und der Frust über einen späten Elfmeter ergeben beim SV Darmstadt 98 eine merkwürdige Mixtur - und einen speziellen Höhepunkt dieser Bundesligasaison.

Es rührt aus dem langen Dasein in den Niederungen des deutschen Fußballs, dass sich die treuesten und lautesten Anhänger des SV Darmstadt 98 einen Platz auf der Haupttribüne erkämpft haben. In den modernen Arenen sitzt dort längst die besser betuchte Kundschaft, die mitunter recht emotionslos dem Bundesliga-Geschehen beiwohnt und oft erst kurz nach Spielbeginn auf gepolsterten Stühlen Platz nimmt.

Im maroden Stadion am Böllenfalltor ist das anders, was hilft, wenn es besondere Momente zu inszenieren gibt. Wie im Heimspiel gegen den FC Augsburg (2:2). Direkt unter dem Stadiondach hielten die Zuschauer die Großbuchstaben JOHNNY hoch, dazu ein Konterfei des mit 26 Jahren verstorbenen jungen Mannes, der vor zwölf Jahren unheilbar an Krebs erkrankt war: Jonathan (»Johnny«) Heimes. Darunter prangte ein Spruchband: »Du fehlst, doch deine Werte bleiben - wir kämpfen weiter.«

Beim Verlesen der Vornamen des gastgebenden Teams erklang allein der Nachname Heimes, und als sogar die FCA-Anhänger auf der Gegengerade eine Banderole entrollten (»Ruhe in Frieden Johnny«) brandete spontan von allen Seiten Beifall auf. Kurz danach war es mucksmäuschenstill: Auf die Schweigeminute, die die mit Trauerflor aufgelaufenen Mannschaften am Anstoßkreis vor Anpfiff abhielten, soll vor allem Darmstadts Trainer Dirk Schuster bestanden haben.

Die Momente des Innehaltens galten einem Krebskranken, dessen Leidensgeschichte weit über Südhessen hinaus bekannt wurde. Heimes, alsbald von einem Hirntumor und einer Querschnittslähmung gezeichnet, galt als großes Tennistalent, war mit zwölf hessischer Jugendmeister und trainierte zeitweise mit Andrea Petkovic zusammen. Die bekannte Tennisspielerin unterstützte Heimes früh dabei, gegen den Krebs anzukämpfen - und öffentlich damit umzugehen. Der Verkauf eines Motivationsbändchens (»Du musst kämpfen«) brachte allein der Kinderkrebsstation der Frankfurter Uniklinik 350 000 Euro ein.

Auch für den Marsch des SV Darmstadt 98 durch drei Profiligen spielte Johnnys Lebensmotto eine eine Rolle. Trainer Schuster ließ im Mai 2014 vor dem Relegationsrückspiel bei Arminia Bielefeld Johnny-Armbänder verteilen, die trotz vermeintlicher Ausweglosigkeit den letzten Willen bei den Lilien herauskitzelten. »Jeder weiß, dass wir nur mit seiner Hilfe aufgestiegen sind«, hatte Kapitän Aytac Sulu erst in dieser Woche wiederholt, als am Dienstag der Tod von Heimes bekannt geworden war.

Wer nun jedoch glaubte, das könne doch am Samstag keine Rolle mehr spielen, der hätte nur auf Tobias Kempe blicken müssen: Rührend, wie er das Bändchen am Handgelenk küsste, ehe er jenen Eckstoß trat, in dessen Folge Torjäger Sandro Wagner den Ball zum zwischenzeitlichen 2:0 ins Tor jagte (40.).

»Ganze viele Gedanken waren in diesem Spiel bei Johnny«, sagte Einwechselspieler Benjamin Gorka, der genau wie Co-Trainer Sascha Franz eine sehr innige Beziehung zu dem Verstorbenen aufgebaut hatte und bis zuletzt Kontakt zur Familie hielt. Die Zerrissenheit der Darmstädter machten auch Dirk Schusters Statements auf der Pressekonferenz deutlich. Einerseits ärgerte sich der 48-Jährige immens über die »Konzessionsentscheidung«, die der schwache Schiedsrichter Bastian Dankert in letzter Minute traf, als die bayrischen Schwaben einen Strafstoß (Alfred Finnbogason zum 2:2, 90. Minute) geschenkt bekamen, nachdem zuvor ein regelgerechter Treffer der Augsburger nicht gezählt hatte (Caiuby, 77.). Andererseits wusste der Coach ja, dass es Wichtigeres gab. »Die schreckliche Nachricht hat eine große Rolle gespielt und war in den Besprechungen ein Thema«, räumte der Fußballlehrer ein. »Wir wollen am 14. Mai den Klassenerhalt feiern; das hätte Johnny gewollt und dafür werden wir kämpfen«, versprach Schuster. Mindestens das sei man dem treuesten Fan schuldig.

Wenn die Darmstädter in den letzten Wochen dieser Saison also über ihre eigenen Grenzen gehen sollten, dann für einen, der mehrere Operationen, zwei Dutzend Chemotherapien und unzählige Bestrahlungen tapfer ertrug, dessen Verfall aber am Ende keine Behandlung stoppen konnte: Zum letzten Mal besuchte Jonathan Heimes am 22. September vergangenen Jahres das Böllenfalltor - und erlebte beim 2:1 gegen Werder Bremen den bis heute einzigen Darmstädter Heimsieg dieser Spielzeit mit.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln