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Das rätselhafte Brummen von Steinhöring

Anwohner sollen Gutachten über seltsame Geräusche aus eigener Tasche bezahlen

  • Von Rudolf Stumberger
  • Lesedauer: 5 Min.
Einige Bewohner der bayerischen Gemeinde Steinhörig beschweren sich über ein merkwürdiges Brummen, das sie nachts nicht schlafen lässt. Ein Gutachten soll nun Klärung bringen.

Bei der Metzgerei Fischer im Zentrum von Steinhöring brummt es. Zumindest das Geschäft. 12,99 Euro kostet das Kilo Schwarzgeräuchertes, 1,50 Euro die 100 Gramm hausgemachte Salami. Ansonsten sei es ruhig im Haus, meint die Chefin hinter der Ladentheke. Gut 150 Meter um die Ecke entfernt sitzt Bürgermeister Alois Hofstetter (CSU) im Rathaus an seinem Schreibtisch und sagt: »Wir hoffen alle, dass etwas gefunden wird.« Und dass dann endlich Ruhe herrsche, in der oberbayrischen Gemeinde mit ihren knapp 4000 Einwohnern. Denn seit fünf Jahren leiden einige der Steinhöringer unter einem seltsamen, tiefen Brummen, das sie nachts nicht schlafen lässt. Woher dieses Geräusch kommt, ist unbekannt. Ein Messgutachten für 90 000 Euro soll endlich Klarheit schaffen. Aber: 22 500 Euro davon sollen die Betroffenen aus eigener Tasche zahlen, das hat jetzt der Gemeinderat entschieden. Die Zeichen stehen auf Sturm.

»Ich sag’ nix mehr dazu«, sagt Ludwig Linner. Der Senior steht in der Tür seines Bauernhauses droben in Zaißing, einem Ortsteil von Steinhöring. Der Hof ist wunderschön gelegen, von der kleinen Anhöhe geht der Blick weit übers Land bis hin zu den Bergen. Hinter ihm steht seine Frau und rechts wacht »Gustl«, ein sehr großer Bernhardiner. Dann sagt Linner aber doch noch: »Ich zahl’ das nicht.« Er meint die Beteiligung an dem Gutachten. Denn die Familie wird wie rund einhundert andere Einwohner des Dorfes durch das seltsame Brummen geplagt. Die Ehefrau von Linner kann nachts oft nicht schlafen, wegen des Brummtons, sie wacht davon auf. Tagsüber wird er durch die Alltagsgeräusche übertönt, da rumpelt der Traktor durch den Hof und summt der Kühlschrank. Auch die erwachsene Tochter leidet sehr unter den tiefen Frequenzen. Eigenartig ist, dass manche Steinhöringer dieses Vibrieren wahrnehmen, manche nicht. Auch Bürgermeister Hofstetter hat noch nichts gehört: »Gott sei Dank, ich muss nicht alles haben.« Doch dass es diese Schwingungen gibt, dran besteht kein Zweifel. Das hat ein erstes Gutachten erbracht, dass die Gemeinde in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Landratsamt in Ebersberg für 22 000 Euro hat erstellen lassen.

Begonnen hatte alles im Jahr 2010, damals wurden die ersten Beschwerden laut. Da die Gemeinde mit ihren Möglichkeiten rasch an ihre Grenzen kam, wandte sie sich an den Landrat, der ein offenes Ohr für die Klagen der betroffenen Bürger hatte. Man beauftragte ein Ingenieurbüro, um Messungen durchzuführen.

So rückten im Juni 2014 die Spezialisten mit ihren Messinstrumenten an und bauten in drei Wohnhäusern, darunter der Bauernhof von Ludwig Linner, ihre Geräte auf. Im Schlafzimmer wurden Luft- und Körperschallsensoren angebracht, die Messdaten mit dem 8-kanaligen Messsystem »Swing« erfasst. Im Herbst wurde dann erneut gemessen. Um dem Geräusch auf die Spur zu kommen, schalteten die Ingenieure nach und nach alle Stromquellen im Haus ab, darunter zwei Neonröhren über der Küchenzeile, zwei Kühlschränke mit Gefrierfächern und ein Netzteil für Elektrogeräte. Doch auch bei abgeschalteter Haustechnik war »nach Einschätzung der Bewohnerin« das Brummen weiterhin »subjektiv wahrnehmbar«, so das Gutachten des Ingenieurbüros vom Mai 2015. Das Fazit der Experten: »Es verbleiben Schwingungen und tieffrequente Geräusche, von denen das Gesamtanwesen Zaißing betroffen ist.«

Franz Neudecker ist beim Landratsamt Ebersberg zuständig für Emissionen und er hat mit einer Fragebogenaktion versucht, dem Brummen auf die Spur zu kommen. Die Betroffenen sollten über vier Wochen hinweg aufzeichnen, wann und wie intensiv sie das Brummen hören. »Doch«, so Neudecker, »wir haben kein Muster erkennen können«. Klar ist nur, dass die betroffenen Anwesen wie auf einer Perlenschnur aufgereiht sich quer durch das Gemeindegebiet ziehen und das Geräusch vor allem nachts wahrgenommen wird. Und dass es sich um Schwingungen im Boden handelt, die dann in den Gebäuden als tiefes Brummen wahrgenommen wird. Warum es in manchen Häusern brummt und in anderen nicht, kann auch mit der verwendeten Bausubstanz zusammenhängen. So ähnlich wie bei Resonanzkörpern von Geigen, die auch unterschiedlich klingen.

Ist also die Existenz dieser Schwingungen unbestritten, bleibt deren Ursache bisher völlig im Dunklen. Das Brummen in Steinhöring wird mittlerweile auch im Internet diskutiert und dort wird schon mal spekuliert, ob es sich bei dem Geräusch nicht gar um den sogenannten »Ur-Ton« handele, den die Erde bei ihrer Entstehung erzeugt habe und in vielen Teilen der Welt auch heute noch zu hören sei. In Steinhörig selbst hat man naheliegendere Quellen im Auge. So ist von der Zaißinger Anhöhe aus im Osten in knapp einem Kilometer Entfernung ein riesiger Öltank zu sehen. Er gehört zum dortigen Tanklager des Mineralölkonzerns OMV und dort verläuft auch die Ölpipeline der Transalpinen Ölleitung GmbH (TAL), seit fast 50 Jahren pumpt das Unternehmen den zähflüssigen Rohstoff vom italienischen Triest nach Karlsruhe. In beiden Unternehmen sind große Pumpen im Einsatz und diese Pumpen, so glauben etliche der Betroffenen von Steinhöring, sind die Ursache für ihre Leiden.

Doch sowohl OVM wie TAL weisen das zurück, die beiden Unternehmen haben eigene Messungen durchgeführt und nichts gefunden. Um der Sache nun endgültig auf den Grund zu gehen, empfiehlt das Ingenieurbüro, zeitgleiche Dauermessungen an den Pumpstationen und den betroffenen Anwesen durchzuführen.

Landratsamt und Gemeinde sind bereit, diese Messungen durchführen zu lassen und für die Kosten aufzukommen. Eine Verpflichtung der Behörden dazu besteht allerdings nicht, da kein Grenzwert überschritten wird. »Wir machen es, weil wir uns um die Bürger kümmern«, sagt Bürgermeister Hofstetter. Aber, so hat es der Gemeinderat einstimmig beschlossen, die Betroffenen sollen einen Beitrag zu den Kosten leisten, schließlich sei ja nicht jeder in Steinhöring davon betroffen. Viele Brumm-Geschädigte sind anderer Meinung: Der Verursacher solle zahlen. Wenn er denn je gefunden wird. Da die Messungen nur durchgeführt werden, wenn die Bürger die 22 500 Euro auf ein Konto einzahlen, ist derzeit noch völlig offen, ob das Gutachten überhaupt erstellt wird. Klar ist nur, das mysteriöse Brummen wird jetzt auch von einem deutlichen lokalpolitischen Grummeln begleitet.

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