Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Die Liebe und von der Leyen

Die Netflixserie »Love« lotet die Schwierigkeiten der Partnersuche im 21. Jahrhundert aus

Hier ist sie, die Serie für die Generation Y, jedenfalls für ihren bindungsängstlichen und hedonistischen Teil - Sie zeigt die Qualen des jungen, westlichen, weißen Individuums im beginnenden 21. Jahrhundert.

Hier ist sie, die Serie für die Generation Y - jedenfalls für ihren bindungsängstlichen und hedonistischen Teil. Während noch vor ein paar Jahren in Sitcoms wie »How I Met Your Mother« die Protagonisten, charakterlich halbwegs gefestigt und empfindsam, auf der Suche nach der romantischen Liebe einem im Kern stockkonservativen Lebensentwurf nachjagten, ist »Love« von Judd Apatow der desillusionierende Gegenentwurf.

Schon wie es losgeht: Da sitzen Mickey (Gillian Jacobs), die gerade ihren kokainabhängigen Freund, der zum Hoseneinkaufen noch seine Mutter mitnimmt, rausgeworfen hat und ihre Nachbarin Syd (Kerri Kenney) im Garten und gammeln in den Tag hinein. Die beiden sehen mit Kippe in der Hand Syds kleinem Sohn dabei zu, wie er Erde aus dem Blumenbeet isst. Syd, stolz auf ihre Erziehungsleistung, schließlich frisst das Kind keine Hundescheiße wie die Kinder einer Freundin, fiebert dem Höhepunkt ihres Tages entgegen: Zolpidem. Ein Schlafmittel, von dem sich Alkoholikerin Mickey gleich mal eine Handvoll abgeben lässt. Am Morgen eines weiteren belanglosen Tages begegnet Mickey Gus (Paul Rust). Seine Haare sitzen wie ein Mopp auf seinem Kopf, was seinen schmalen Körper, den er scheinbar stets vor dem Hintenüberkippen bewahren muss, noch hagerer erscheinen lässt. Er trägt Motto-T-Shirts und ist ein pedantischer Auskenner (»Wenn du Blue-Rays für DVDs hältst, dann bist du einfach nur super dämlich«). Spricht er über Dinge, die nicht in sein recht übersichtliches Filmfreak-Leben passen, dann zieht er angewidert und einer Schildkröte ähnlich seinen Kopf zurück. Dieser Typ jedenfalls ist sofort von Mickey fasziniert, die in Adiletten, Socken und Holzfällerhemd an einer Tankstellenkasse versucht, sich nach einer durchzechten Nacht einen Kaffee zu erschnorren, aber am Tankwart scheitert und sofort aggressiv wird, als ihre auf Verpeiltheit setzende Niedlichkeit nicht zieht. Sie ist das komplette Gegenteil seiner geordneten, furienhaften Ex-Freundin und so zahlt Gus ihr den Kaffee und Mickey nimmt gleich noch eine Packung Zigaretten auf seine Kosten mit.

Ihr Nihilismus fasziniert Gus so, wie der Zuschauer fasziniert ist von dieser vor sich hinwurstelnden Chaostheorie. Sie flucht, sie ist affektiv, bitter böse und grandios witzig, schläft mit jedem Typen, der sie nicht infrage stellt und hat ein Suchtproblem, das sie selbst bei Gruppentreffen der anonymen Alkoholiker wegschwindelt.

Dabei ist Gus längst nicht ihr geordneter Gegenentwurf, sondern steckt genau wie sie in einer Phase, in der Ambitionen und Wirklichkeit nicht zusammenpassen. Beide sind Anfang 30, leben in L.A. und arbeiten natürlich beim Film, respektive Radio und fühlen sich zu Höherem berufen, beobachten momentan aber nur durch die Scheibe, wie andere ihren Traumjob machen. Ihre Beziehungen sind aus den unterschiedlichsten Gründen gerade gescheitert und als Gus zusammen mit Mickey nach einem gemeinsamen Joint zu Gus’ Exfreundin fährt, um seine Sachen abzuholen, schmeißt er auf der Rückfahrt seine geliebten Blue-Rays aus dem Autofenster und erkennt, dass ausgerechnet seine größte Leidenschaft, der Film, ihm die größte Lüge aufgetischt hat: Liebe existiert nicht. Jetzt wird er für Mickey interessant.

Diese Serie ist eine über die Qualen des jungen, westlichen, weißen Individuums im 21. Jahrhundert. Sie lebt von zwei Menschen, die sich zueinander hingezogen fühlen, aber niemanden zu weit in ihrem eigenen Tanzbereich ertragen und zum Selbstschutz völlig übersteigerte Anforderungen an ihren Partner formulieren.

Dabei ist Gus einer von denen, die Frauen attraktiv finden, die cool und unklettig sind, aber nicht zu viel Amy Winehouse. Die Karriere machen aber keinen Ego-Trip fahren. Die gute Mütter abgeben würden, aber eben keine Ursula von der Leyens sind. Mickey wiederum entzieht sich durch ihre Unverbindlichkeit der Gefahr, ernsthaft etwas für jemanden zu empfinden, merkt aber, wenn sie zurückgewiesen wird, dass sie genauso verletzlich ist wie die naive Cheerleaderin, die den Quaterback heiratet, der früher heimlich auf die Sitzenbleiberin aus dem Kunstkurs stand. Diesen beiden taumelnden Charakteren dabei zuzusehen, wie sie die Untiefen einer ernsthaften Beziehung ausloten, ist ein großes Vergnügen.

»Love« seit 19.2. auf Netflix

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln