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Der fatale Ausflug

Jörg Magenau rekonstruiert die Tagung der Gruppe 47 im Jahre 1966 in Princeton

Das Todesurteil schien gesprochen. Hans-Werner Richter, der Chef der Gruppe 47, wollte es bloß noch nicht glauben. Er war genervt. In den Zeitungen las er Berichte, die wie Nachrufe klangen. Die Gruppe war jetzt, im Herbst 1966, beinahe zwanzig Jahre alt, und sie war sein Werk, sein Hauptwerk sogar. Er hatte Romane und Erzählungen veröffentlicht, Bücher, die ihm sogar Erfolg eingebracht hatten, aber berühmt war er geworden, weil er die Gruppe 47 ins Leben gerufen und jedes Jahr zu einer Tagung eingeladen hatte. Ihre Teilnehmer bestimmte nur er und niemand sonst. Und nun diese Unkenrufe im Feuilleton. Er schäumte. Eine Sache wie diese Gruppe, schrieb er ins Tagebuch, sei nicht zu verteidigen. »Sie ist«, erklärte er trotzig. Punktum.

Er irrte. Seine Schöpfung lag wirklich im Sterben. Sie hatte sich, ohne es zu wollen, auf offener Bühne selber erdolcht, als man einer Einladung in die amerikanische Universitätsstadt Princeton folgte. Es war die 28. Tagung, die vorletzte, aber das wusste noch niemand. Die Ford Foundation spendete großzügig 18 000 Dollar, aufs Podium wurde die US-amerikanische Flagge gestellt, und dann ging’s los wie immer. Man las neue Texte, man kritisierte, ereiferte sich, aber irgendwie war diesmal alles ganz falsch.

Während man über Gedichte und Geschichten und den verstörenden Auftritt des jungen Peter Handke stritt, nichts anderes als Literatur im Blick, lauerte draußen, vor den Türen, die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit hieß Vietnam und machte sich lautstark bemerkbar. Amerikas Intellektuelle protestierten gegen den »schmutzigen Krieg«. Die Gruppe 47 tat, als höre und sehe sie nichts. Die Welt, kommentierte Fritz J. Raddatz, wurde quasi weggeschlossen. Nur Hans Magnus Enzensberger, Reinhard Lettau und Peter Weiss nahmen am Ende an einer Kundgebung teil.

Das alles ist in diesem April fünfzig Jahre her, und Jörg Magenau nutzt das Jubiläum, um die Vorgänge von einst, die heute kaum noch gegenwärtig sind, in seinem Buch »Princeton 66« ausführlich nachzuerzählen. Es ist ein erfrischender, sehr detaillierter Bericht geworden, flott und salopp geschrieben, eine unterhaltsame Rekonstruktion dieser Tagung, die zugleich den Blick freigibt auf die westdeutsche Literatur jener Zeit, auf Autoren, Kritiker, Animositäten, Eitelkeiten.

Magenau wurde fünf Jahre alt in jenem Jahr, aber er schreibt, bestens unterrichtet, als sei er dabei gewesen und habe keine Stunde versäumt. Er weiß, wie das Wetter in jenen Tagen war, was den Teilnehmern mittags aufgetischt wurde und wie es in den emotionsgeladenen Diskussionen nach den Lesungen zuging, wer sich daran beteiligte und was er sagte. Sie kommen alle ins Bild: Hans-Werner Richter, Grass, Walter Jens (der gleich zu Beginn einen Text über Rosa Luxemburg las und ziemlich gerupft wurde), Uwe Johnson, Reinhard Lettau, Peter Weiss, die Kritiker Hans Mayer, Reich-Ranicki und Joachim Kaiser.

Eigentlich war es eine Tagung wie andere auch, nur dass der Weg diesmal weiter war als sonst (und Grass, der das Schiff nahm, beinah Opfer eines Unglücks geworden wäre). Morgens ging man schweigsam zu den Bussen, man fuhr durchs Zentrum von Princeton, wo einmal deutsche Exilanten Zuflucht gefunden hatten, der Kunsthistoriker Erwin Panofski, Hermann Broch, der hier einst seinen großen Roman »Der Tod des Vergil« schrieb, oder Thomas Mann, der 1939 in der Nähe des Campus wohnte und Vorlesungen hielt, ehe er nach Kalifornien weiterzog.

Aber vom Exil wollte man in der Gruppe 47 nichts wissen. Für sie begann alles mit der »Stunde Null«. Was vorher war, war abgetan. Es gab keine Vergangenheit. Was damals, in den zwanziger Jahren und später, geschrieben wurde, war für Hans-Werner Richter nicht mehr als »konservierter Stil, konservierte Sprache«, alles total veraltet, Zeugnis »einer anderen Epoche«, und der Versuch, einstige Emigranten zu einer Tagung zu laden, hatte mehr als Fremdheit nicht offenbart. Einmal kam Hermann Kesten, aber das Cliquenwesen behagte ihm nicht. Walter Mehring, scharf kritisiert, reiste voller Empörung wieder ab, und Paul Celan, der seine »Todesfuge« las, wurde, unfassbar noch immer, ausgelacht.

Sie blieben auch in Princeton unter sich. Sie stritten wie jedesmal, das Ritual wie stets, nur der Lärm der Demonstranten irritierte und störte, und zu allem Unglück kam es, als alles beinah vorbei war, doch noch zum Skandal, verursacht von Peter Handke, dem »Mädchen«, dem nach dem vielen Gerede und der ganzen Selbstgefälligkeit der Kragen platzte. Er griff die Gruppe frontal an, bescheinigte der deutschen Literatur »Beschreibungsimpotenz«, sprach von »völlig läppischer und idiotischer Literatur«, nannte die Kritik genauso läppisch und idiotisch und ahnte kaum, wie sehr er half, die Grundfesten dieser losen Vereinigung zu erschüttern. Sie hat sich vom Ausflug nach Princeton auch nicht mehr erholt.

Jörg Magenau hat diese Tagung detailliert beschrieben. Aber nicht nur das. Er holt das Jahr 1966 in Erinnerung, den Auschwitz-Prozess, der noch nicht lange zurücklag, die politische und literarische Szenerie der Bundesrepublik, die politischen Veränderungen in der Welt. Das Jahr 1968 mit seinen Eruptionen war da nicht mehr fern.

Jörg Magenau: Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47, Klett-Cotta, 223 Seiten, geb., 19,95 €.

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