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Rückflug nach Russland

Präsident Putin holt das »Hauptkontingent« seiner Streitkräfte aus Syrien nach Hause

Der Rückzug russischer Fliegerkräfte aus Syrien begann am Dienstag. Moskaus Militärs und Medien zogen eine positive Bilanz des Einsatzes.

Von Irina Wolkowa, Moskau

Der Befehl Wladimir Putins, der als Präsident auch Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist, war kurz und knapp. Abzug des Hauptkontingents der russischen Streitkräfte aus Syrien: Beginn: Dienstag. Das Ziel der Operation, die Ende September anlief, sei weitgehend erfüllt, sagte der Kremlchef Montagabend nach einer Unterredung mit Verteidigungsminister Sergei Schoigu und Außenminister Sergei Lawrow. Putin, so dessen Sprecher Dmitri Peskow, habe den Abzug bei einem Telefonat mit Syriens Präsidenten Baschar al-Assad abgestimmt,

Die Vorbereitungen liefen umgehend an. Wobei Russland seine beiden Stützpunkte - die Marinebasis bei Tartus und die der Luftwaffe Hmaimim bei Latakia - nicht räumen will. Vorerst offen blieb, ob Stellungen der Terroristen weiter bombardiert und die S-400-Luftabwehrsysteme, durch die Israel sich bedroht fühlt, abgezogen werden. Noch sei es verfrüht, von der Niederlage der Terroristen zu sprechen, so Putins Sprecher. Der Auftrag, die Verantwortlichen für den Abschuss der russischen Passagiermaschine im Herbst über der Halbinsel Sinai zu bestrafen, gelte weiter.

Mit dem Abzug, so Peskow weiter, schaffe Russland »gute Bedingungen für fruchtbare Syrien-Gespräche« in Genf. An Außenamtschef Lawrow erging bereits Anweisung, »Bemühungen Russlands um Friedenslösung für Syrien zu intensivieren«.

In Verteidigungsministerium und Generalstab ist man überzeugt, Russlands Luftoperation habe die »entscheidende Wende« im Kampf gegen die Terrormilizen herbeigeführt.Die Angriffe der russischen Luftwaffe seien trotz geringerer Präsenz »effektiver und präziser« als die der NATO gewesen. Erstmals eingesetzte Maschinen des Typs Su-35 hätten ihre technische Überlegenheit bewiesen.

Allein die 40 bei Latakia stationierten russischen Kampfjets flogen zuletzt bis zu 75 Einsätze täglich und fügten dem Gegner »irreversiblen Schaden« zu. Mit russischer Luftunterstützung hätten die syrischen Regierungstruppen über 400 Ortschaften befreit, den Gegner gezwungen, Hals über Kopf zu fliehen und auf Machtdemonstrationen zu verzichten. Bei der Operation seien auch 2000 Dschihadisten aus Russland, darunter 17 Feldkommandeure, »liquidiert« worden. Anders als die NATO habe Moskau Zugriff auf syrische Radars und Aufklärungsergebnisse lokaler Geheimdienste gehabt.

Auch die überregionalen Zeitungen sprechen einmütig von einer »erfolgreichen Operation«. Die Wiederherstellung des Vorkriegs-Status quo, schreibt Kommersant, habe Moskau nie geplant. Ausgeblutet und erschöpft durch einen fünfjährigen Krieg seien Assads Truppen nicht in der Lage, die Kontrolle über das gesamte Staatsgebiet zurückzugewinnen. Putin aber habe von Anfang klar gemacht, dass es keine russische Bodenoperation geben werde. Auch weil Moskau damit die Nahoststaaten gegen sich aufgebracht und das Verhältnis zur Türkei weiter zugespitzt hätte.

Bei diplomatischen Bemühungen, so das Blatt weiter, müsse vor allem ein Zerfall Syriens verhindert werden. Ende Februar hatten sich die Präsidenten Russlands und der USA über Modalitäten für eine Feuereinstellung in Syrien geeinigt. Der Kompromiss, so der Nahost Experte des Moskauer Carnegie-Zentrums Alexei Malaschenko, sei »nicht einfach« gewesen. Wenn er nicht trägt, werde Russland nichts daran hindern, erneut Truppen nach Syrien zu verlegen.

Der Beginn der Rückverlegung, warnt auch der einflussreiche Außenpolitikexperte Fjodor Lukjanow, bedeute nicht Totalabzug und sei eher ein Signal an Damaskus und vor allem an Assad selbst: »Wir machen nicht die ganze Arbeit für euch.« Ähnlich sieht das auch Kollege Igor Kordunow. Putins Abzugsbefehl sei eine herbe Enttäuschung für alle, die hofften, Moskau werde sich ganz tief in den Konflikt hineinziehen lassen und das Assad-Regimes bis zum bitteren Ende mittragen, sagte er der Wirtschaftszeitung Wedomosti.

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