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Wo Konsalik vor leerem Saal las

Die Leipziger Buchmesse feiert 25 Jahre »Leipzig liest«

  • Von Michael Hametner
  • Lesedauer: 4 Min.
1992 aus der Not geboren, ist das Lesefestival »Leipzig liest« längst zum tragenden Pfeiler der Buchmesse geworden. Jährlich besuchen mehr als 250 000 Zuhörer die Lesungen in der ganzen Stadt.

Man kennt das aus Reiseführern. Da wird die Kirche in X als der bedeutendste barocke Sakralbau nördlich der Alpen bezeichnet. Schön, aber ist das eine gesicherte Aussage? Ich musste immer an solcherlei Superlative denken, wenn man das Lesefest »Leipzig liest« das größte der Welt nannte. Wer misst ab? Wer zählt nach? Mittlerweile hat sich die Messe selbst bescheiden darauf geeinigt, es als das größte Europas zu etikettieren. Und das zweifellos zu Recht. Gefühlt vielleicht doch das größte der Welt, sage ich in jedem Jahr, wenn der Bücher- und Lesemarathon zu Ende ist. Nun hat er wieder begonnen. Mit 3200 Veranstaltungen und rund 3000 Mitwirkenden an 410 Orten!

Der Startschuss zu »Leipzig liest« kam seinerzeit aus dem Hause Bertelsmann. Dessen Buchclub wollte sich Anfang der 90er Jahre im Osten der Republik bekanntmachen. Natürlich wollte er neue Mitglieder. Die Buchclubberer verpflanzten dazu eine Idee aus München - verbunden mit einem kleinen Startkapital - nach Leipzig. Die Premiere fand 1992 statt mit 160 Veranstaltungen und 80 Autoren, darunter Günter Grass, Monika Maron und Martin Walser. In Leipzig versuchte sich der Bertelsmann Buchclub selbst zu helfen - und half der Leipziger Buchmesse. Ironie der Geschichte: sich selbst auf Dauer nicht. 2015 gab der Buchclub mangels Mitgliedern auf, die Leipziger Buchmesse indessen bricht ihre Rekorde.

Anfang der 90er Jahre war das gute Ende allerdings nicht abzusehen. Damals ging es messerscharf um die Frage, ob Deutschland nach der Einheit wirklich alles doppelt braucht. Zwei Buchmessen?, fragte man in der alten Republik. Frankfurt am Main, die weltgrößte Buchmesse (Superlativ!), war gesetzt. Wie dicht die Leipziger Buchmesse damals am Abgrund stand, wissen sicher nur die Messemacher um Direktor Oliver Zille selbst.

Mit dem neuen Messegelände 1998 vor den Toren der Stadt war es dann getan: das licht- und luftdurchflutete Glasgefäß für noch mehr Bücher und noch mehr Besucher! Damit stand fest: Deutschland leistet sich zwei Buchmessen - Leipzig für die Frühjahrsnovitäten, Frankfurt für das Herbstprogramm. Frankfurt die Messe für Geschäfte mit Büchern und Lizenzen, Leipzig die Publikumsmesse für Leser.

Das Lesefest »Leipzig liest« wurde der Motor für die Bergfahrt der Leipziger Buchmesse. Im Jahrgang 1999 stand man schon bei mehr als 50 000 Besuchern, der Hunderttausendste wurde erstmals 2004 gezählt. Seitdem die Messe alles addiert, was auf das Messegelände kommt und was abends in der Innenstadt den Lesungen lauscht, sind es wie im Vorjahr 250 000. Alles an diesen vier Tagen ist »Leipzig liest«.

Tags quetscht man sich durch die Gänge auf dem Weg von Messehalle zu Messehalle und hofft, noch rechtzeitig die Toilette zu erreichen. Abends brummt die Innenstadt wie ein Bienenschwarm. In Eile vom Alten Rathaus in die Moritzbastei zur »Langen Leipziger Lesenacht«. Von dort weiter ins Apothekenmuseum zur nächsten Lesung und dann ins sonst streng bewachte Amerikanische Konsulat oder von der Universitätsbibliothek Albertina in die Nachbarschaft zu Bührnheims Literatursalon. Drei Lesungen schafft man pro Abend zwischen 18.30 Uhr bis Mitternacht locker, mache Experten, die morgens nicht gleich raus müssen, bringen es auf fünf.

Gepriesen werden müssen bei einem Lesefest immer beide Seiten: das Publikum und die Autoren. Und Leipzigs Publikum ist wahrlich ein Phänomen. Die Ehre gebührt allerdings nicht den Leipzigern allein. Zehntausende sind in diesen Tagen Gäste in der Stadt. Als Journalist habe ich in den ersten Jahren von »Leipzig liest« noch zu mäkeln versucht: Macht nicht zu viele Veranstaltungen, Masse erstickt am Ende Klasse! Aber da hatte das Publikum schon selbst gewählt. Es soll so gewesen sein, dass in den frühen 90er Jahren eine Lesung von Trivial-Schmonzetten-Kitschier Heinz Konsalik im Programm von »Leipzig liest« angeboten wurde und ganze acht Besucher wollten ihn hören. Wegen des klugen Publikums wird das Programm von »Leipzig liest« nicht kuratiert, ausgenommen einige wenige Messeveranstaltungen. Verlage und Autoren sind selbst die Programmmacher.

Wie klug das Publikum ist, wissen die Autoren, die bei »Leipzig liest« auftreten. Ihre Zuhörer sitzen nicht zurückgelehnt, mit den Armen verschränkt vor der Brust, die Lippen leicht gespitzt, mit dem Satz auf der Zunge: »Machmameister!« Das Publikum von »Leipzig liest« sitzt leicht vorgebeugt, in Spannung. Sofern es sich wegen Überfüllung der Räume nicht recken und strecken muss, schaut es mit großen Augen auf den Autor und hat den Satz auf der Zunge - welchen, das probieren Sie je nach Schriftsteller und Buch beim 25. Lesefest »Leipzig liest« am besten selbst! Nur eines ist in Leipzig wie überall bei Lesefestivals auf der ganzen Welt: Man sieht viel mehr Frauen im Publikum.

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