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Alle möglichen Farben

Der britische Sänger, Musiker, Songschreiber und Grammy-Preisträger Joe Jackson gastiert mit seinem opulenten Piano-Pop heute in der Universität der Künste

Was hat der elegant gekleidete, schmächtige Mann nicht alles schon ausprobiert: New Wave, Rock, Latino-Rhythmen, Ska, Reggae, Barpiano-Geplänkel, Synth-Pop, Bluesrock, Swing, Jazz, Swingjazz, Bigband-Jazz, Jazz-Pop, sinfonische Orchestermusik, Filmsoundtracks, Kammermusik, Kunstlied. Seine Bandbreite als Künstler dürfte - ähnlich wie die seines Kollegen Elvis Costello - von Duke Ellington über Little Richard bis zu Cole Porter, George Gershwin und Kurt Weill reichen. Ginge es um einen Wettbewerb in Stilvielfalt, der Songschreiber Joe Jackson würde ihn gewinnen. Man kann nicht behaupten, dass der mittlerweile 61-jährige Brite, der von den Medien meist als Außenseiter oder »Verneiner des Mainstreams« (»Tagesspiegel«) wahrgenommen wurde, im Lauf seiner wechselhaften Karriere besonders viel Wert darauf gelegt hätte, mit seiner in der Regel sehr polierten und aufwendig arrangierten Musik in die Charts zu kommen. Eher ließe sich sagen: Der stets in gut sitzenden Anzügen steckende Pianist und Sänger wechselt den Stil, sobald er einen Erfolg hat. Andererseits wechselt er den, wie’s scheint, auch dann, wenn der Erfolg ausbleibt. »Ich benutze verschiedene Stile, so wie ich verschiedene Kleidungsstücke trage«, sagte er einmal. Andere bezeichnen Jacksons Arbeitsweise als liebevollen Eklektizismus.

Sein musikalischer Werdegang ist nicht der eines durchschnittlichen britischen Pubrockers: Als Jugendlicher, der aus einer an Kunst desinteressierten Arbeiterfamilie stammte, lernte er durch das Klavierspiel die Werke Beethovens kennen, denen er bis heute zugetan ist. Dank eines Stipendiums konnte er an der Londoner Musikhochschule Komposition studieren. Nebenher trat er mit seiner Band in Lokalen auf, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Sein Debütalbum »Look Sharp« (1979), das vollgepackt ist mit eingängigen Dreiminutenpopsongs, kann heute als ein Klassiker des von simplen Stromgitarrenakkorden dominierten britischen New Wave gelten. Seine Debütsingle »Is she really going out with him?« dürfte einer der wenigen allgemein bekannten Gassenhauer von ihm sein. Vermutlich ist der sogar bis heute aus den Dudelradiosendern zu hören.

Doch als Rock- oder Popmusiker hat er, der sich auch an elegischen Klassik-Experimenten versuchte, sich nie begriffen. Zur Unzeit, im Jahr 1981, als Synthiepop, New Wave und Disco regierten, also runde zehn Jahre, bevor man im US-amerikanischen Rap und HipHop den Jazz wiederentdeckte und sampelte, brachte der Exzentriker etwa ein Swing- und Jazz-Album (»Jumpin’ Jive«) heraus. Danach kam sein in New York entstandenes und an Latin-Jazz und Piano-Pop orientiertes Erfolgsalbum »Night and Day« (1982), das auch seinen bislang einzigen Top-Ten-Hit »Steppin’ Out« enthält.

In den Texten seiner Songs geht es um Beziehungskonflikte, scheiternde Kommunikation, Einsamkeit, Frauen, Männer und stereotype Geschlechterrollen, wobei es ihm wiederholt gelingt, auf schlitzohrige Weise sowohl Humor als auch heftige Sozialkritik in die Lieder zu schmuggeln.

Am erfolgreichsten dürfte er von 1980 bis 1987 gewesen sein. In den 90ern ging es dann kommerziell eine Zeit lang bergab: Er machte Kammermusik und wechselte zu einem großen Klassik-Label, auf dem er Musik veröffentlichte, die, wie es Rowohlts »neues Rock-Lexikon« formuliert, für an Rockmusik gewöhnte Hörer zu »sehr bemüht, ernst und bedeutungsvoll« klang.

Als er, nach einem halben Leben in New York, schließlich im Jahr 2008 nach Kreuzberg zog - einer seiner Gründe war ihm zufolge damals der, dass er hier in der Öffentlichkeit und in Lokalen ungestört rauchen könne - und in den Studios des Funkhauses Nalepastraße sein Album »Rain« (2008) aufnahm, sagte er der »taz« in einem Interview, er empfinde Berlin als »viel angenehmer« als etwa das Dauerstress auslösende, durchgentrifizierte London, wo man »jedes mal, wenn man sich umdreht, in eine Überwachungskamera guckt«. Berlin sei ganz anders: »Für eine so große Stadt ist die Stimmung sehr entspannt. Viel menschlicher als London oder New York. Aber das wird sich ändern. Berlin wird wie London werden, das ist unausweichlich.«

Im vergangenen Herbst ist, nach einigen Jahren Pause, auf einem Indie-Label überraschend ein neues Album von Joe Jackson erschienen, das in vier verschiedene Sektionen aufgeteilt ist: »Fast forward« heißt es und ist eine Hommage an seine vier Lieblingsstädte (das urbane, elegante, glamouröse New York, die traditionsreiche Jazz- und Bluesstadt New Orleans, das linksliberale, possierliche und freizügige Amsterdam und die großmannssüchtige Freiheits-, Toleranz- und Hundehaufenstadt Berlin), in denen das Werk auch aufgenommen wurde. Im Magazin »New Yorker« wurde neulich behauptet, Jacksons Klavierspiel und sein Gesang klängen heute genauso gut wie damals, als er in seinen Zwanzigern war. Dem Reporter, mit dem der Musiker sprach, sagte er: »Die meisten Dinge sind nicht entweder schwarz oder weiß.« Vielmehr sei es in seinen Songs so, dass er sich »die meiste Zeit durch graues, unbestimmtes Gebiet« bewege. »Nur dass ich es nicht wirklich als grau betrachte. Ich sehe es so, dass irgendwo da drin alle möglichen Farben sein können.«

Konzert: Joe Jackson, 16.3., 20 Uhr, Konzertsaal der UdK, Hardenbergstraße, Ecke Fasanenstraße, Charlottenburg

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