Schild und Schwert gegen Jobabbau

Belegschaft von Bombardier begehrt auf / Gewerkschaft droht mit Streiks

  • Von Hendrik Lasch, Görlitz
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Beschäftigten des Schienenfahrzeugherstellers Bombardier wehren sich gegen Pläne, bundesweit 1430 Stellen zu streichen. Die IG Metall in Sachsen stellt bereits Streiks in Aussicht.

Die Pappschwerter bleiben vorerst auf den Stapeln liegen, mit von der Gewerkschaftsjugend gebastelten Schilden indes haben sich viele Waggonbauer vor dem Werkstor von Bombardier in Görlitz ausgerüstet. Die martialischen Werkzeuge sollen zeigen, wie sauer die Beschäftigten über Pläne der Unternehmensführung sind, allein im Werk in der Neißestadt 700 Jobs zu streichen. Die IG Metall fordert, über Alternativen zu reden. Falls nicht, »greifen wir zum letzten Mittel«, sagt ihr Erster Bevollmächtigter Jan Otto: »Dann gibt es hier Krieg.«

Seit 1849 werden in Görlitz Waggons gebaut. Das Werk, das seit 1998 zum kanadischen Konzern Bombardier gehört, hat viele schwierige Zeiten durchlebt. So kritisch wie jetzt war es aber noch nie; so soll die Entwicklungsabteilung faktisch aufgelöst werden. Der Konzern plant einen gravierenden Umbau; an den sieben deutschen Standorten sollen 1430 von 10 000 Stellen gestrichen werden. Am härtesten trifft es die ostdeutschen Werke in Görlitz, Bautzen und Hennigsdorf. Man müsse »unsere Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig absichern«, sagte Dieter John, Deutschlandchef von Bombardier.

Die Mitarbeiter, die sich am Donnerstag in allen sieben Werken bei einem Aktionstag wehrten, empfinden die Äußerung als Hohn. Wenn Bombardier im internationalen Geschäft ins Hintertreffen geraten sei, so liege das nicht an Arbeitern und Ingenieuren, sondern an »Missmanagement auf großer Linie«, sagt Volker Schaarschmidt, Betriebsratschef in Görlitz. Er verweist auf die Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer, wodurch die Qualität gelitten habe, oder auf die schlecht vorbereitete Beteiligung an Ausschreibungen. Die Chefetage handle »einfalls- und kopflos«, die Mitarbeiter sollten das büßen.

Das Muster ist nicht neu. Schon vor etwa zehn Jahren strukturierte Bombardier die Schienensparte grundlegend um und begründete dies auch damals mit der Wettbewerbsfähigkeit. Zu den Leidtragenden gehörte der Waggonbau in Halle-Ammendorf - das Werk mit 700 Beschäftigten wurde geschlossen. Mancher fürchtet, dass auch in Görlitz der Personalabbau nur ein Einstieg in den gänzlichen Ausstieg aus dem 160 Jahre alten Standort sein könnte.

Besonders erbost ist der Betriebsrat über den Umgang mit Leiharbeitern, von denen in Görlitz 500 gehen sollen. Durch ihre Beschäftigung fange man »Produktionsspitzen« ab, hatte John erklärt und von »Atmungsmasse« gesprochen. Schaarschmidt empfindet den Begriff als schäbig und sagt, viele Leiharbeiter seien drei Jahre und länger beschäftigt. Das spricht laut Gewerkschafter Otto für »massive Fehlplanung« beim Personal.

Für Ostsachsen wäre der Abbau der 700 Görlitzer Jobs und von weiteren 220 in Bautzen ein schwerer Schlag. »Wir brauchen Bombardier als industriellen Anker in einer Region, die 25 Jahre lang von Deindustrialisierung und Arbeitslosigkeit betroffen war«, sagt Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD). Er verlangt vom Konzern eine Standortgarantie für die Werke »bis weit über 2018 hinaus«. Der Görlitzer Bundestagsabgeordnete Michael Kretschmer (CDU) weist darauf hin, dass Sachsen den Konzern massiv unterstützte, nachdem ein Hochwasser das Werk Bautzen zerstört hatte. John sagte aber in der »Sächsischen Zeitung«, er gebe »für überhaupt kein Werk Garantien ab«.

Gewerkschaft und Betriebsrat wollen nun ein Alternativkonzept erarbeiten. Wenn darüber nicht ernsthaft geredet werde, stellt Otto dem Management Streiks in Aussicht: »Das könnt ihr haben.« Mirko Schulze, Görlitzer Abgeordneter der LINKEN im Landtag, hält das für konsequent: »Wenn Kapitalinteressen über die der Mitarbeiter gestellt und Arbeitsplätze kurzfristigen Renditeinteressen geopfert werden, dann müssen alle Mittel des Arbeitskampfes ergriffen werden.« Noch hofft der Betriebsrat, dass mit Verhandlungen etwas zu erreichen ist. Die Schwerter und Schilde aber werden nach der Kundgebung eingesammelt: Die, sagt Otto, »brauchen wir noch«.

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