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Von den Turnern verstoßen, von der Gestapo verfolgt

Wie jüdische Sportlerinnen und Sportler nach 1933 aus dem deutschen Sport ausgeschlossen wurden

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

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In den deutschen Sportverbänden herrschte schon vor 1933 ein latenter Antisemitismus - die NS-Führung fand hier nach ihrer Machtergreifung willfährige Helfer und Befehlsempfänger.

Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 wird der schon zuvor latent bestehende Antisemitismus zur Staatsdoktrin. Der Ausschluss von Juden aus der deutschen Gesellschaft war keine abstrakte Idee, er war von Anfang an zentraler Punkt der NS-Politik. In den deutschen Sportverbänden findet sie willfährige Helfer, weil viele Funktionäre den Antisemitismus teilen. Mit den ersten Bestimmungen zum Ausschluss von Juden aus der Turnerschaft übertrifft die Deutsche Turnerschaft (DT) 1933 sogar die staatlichen Diskriminierungen noch - was zur paradoxen Situation führt, dass Vereine in der DT sogar jene Juden ausschließen, die im NS-Staat zunächst von Verfolgungen ausgeschlossen sind, wie zum Beispiel jüdische Frontsoldaten. Für die jüdischen Sportler ist der Verlust dieser sozialen Heimat unendlich schmerzvoll - manch Holocaust-Überlebender erinnert sich noch Jahrzehnte danach an diesen Einschnitt, einige begehen direkt danach Selbstmord wie Fritz Rosenfelder, der sich am 6. April 1933 erschießt, nachdem sein Turnverein Bad Cannstatt ihn ausgeschlossen hat: »Ihr lieben Freunde! Hierdurch ein letztes Lebewohl! Ein deutscher Jude konnte es nicht über sich bringen, zu leben in dem Bewußtsein, von der Bewegung, von der das nationale Deutschland die Rettung erhofft, als Vaterlandsverräter betrachtet zu werden! Ich gehe ohne Groll …«, beginnt sein Abschiedsbrief.

Bis zu den Olympischen Spielen 1936 ist die Trennung von Juden und Nichtjuden in den Vereinen erreicht. Die jüdischen Sportlerinnen und Sportler organisieren sich vor allem im Makkabi-Verband, der zionistisch ausgerichtet war und Sport auch als Ertüchtigung für das Leben in Erez Israel betrachtet sowie im Sportbund Schild - beide zusammen haben Mitte der 30er-Jahre mehr als 40 000 Mitglieder. Die in ihnen organisierten Vereine haben aber sofort damit zu kämpfen, überhaupt Sportstätten zu finden: kommunale NS-Verwaltungen verweigern sie den jüdischen Vereinen oder gestehen sie ihnen nur an abgelegenen Orten zu - ein weiterer Puzzlestein zum räumlichen und sozialen Ausschluss aus der »arischen Volksgemeinschaft«. Um die Olympischen Spiele nicht durch Boykotte zu gefährden, halten sich die NS-Spitzen jedoch noch zurück, um dem Ausland das Bild einer jüdischen Sportbewegung in Deutschland vorzuspiegeln - wenn auch völlig von der deutschen separiert. Die NS-Führung versichert dem Internationalen Olympischen Komitee sogar, jüdische Sportler für Deutschland starten zu lassen - in dem Wissen, dass jüdische Sportler unter den gegebenen Bedingungen niemals Höchstleistungen und die erforderlichen Normen erfüllen können.

Eine konnte. Gretel Bergmann war schon 1933 nach Großbritannien geflohen und kehrt nur wegen Gewaltandrohungen gegen ihre Familie nach Deutschland zurück - mit der Aufnahme Bergmanns in den Olympiakandidaten-Kreis will die NS-Sportführung suggerieren, dass ihre Zusagen ernst gemeint sind. Kurz vor den Spielen ist sich die NS-Führung sicher, dass es keinen Boykott gegen wird: Die US-Mannschaft hat die Überfahrt über den Atlantik angetreten. Bergmann bekommt wenige Tage später einen Brief vom Fachamt Leichtathletik, in dem ihr die Teilhame an den Spielen verweigert wird: »Sie werden aufgrund der in der letzten Zeit gezeigten Leistungen wohl selbst nicht mit einer Aufstellung gerechnet haben.« Bergmann hatte am 27. Juni 1936 bei den letzten vorolympischen Ausscheidungen den damaligen deutschen Rekord im Hochsprung von 1,60 Meter eingestellt.

Nach den Spielen 1936 verschärfen die NS-Machthaber die Repressionen zusehends, ab Anfang 1938 werden viele Schild- und Makkabi-Gruppen von der Gestapo willkürlich verboten, immer mehr Juden, die fliehen konnten, gehen aus Deutschland fort. Mit den Novemberpogromen 1938 endet die jüdische Sportgeschichte in Deutschland während der NS-Zeit - viele jüdische Sportlerinnen und Sportler gehen unsäglichen Leiden entgegen. Im Stadtarchiv Frankfurt am Main ist das Erinnerungsbuch des Turn und Sportvereins Schild erhalten. Dort findet sich ein Gedicht:» November-Nebel 1938/ Schau ich herum im Kreise/ Tönt in meinem Ohr die Weise/ Wo sind die denn hingeschwunden/ …/ Die sich einst im Sportbund Schild gefunden?/ Wo sind alle die Gesichter?/ Nebelwolken dicht & dichter/ Hüllen völlig ein das Bild/ Bis verschwunden ganz der SCHILD!«

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