19.155 Stunden gedichtet

Die aberwitzigen Bücher von Raymond Roussel erscheinen neu. Von Stefan Ripplinger

  • Von Stefan Ripplinger
  • Lesedauer: 6 Min.

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Dieses Gedicht schlägt Haken wie ein gehetztes Kaninchen und ist zugleich langsam wie eine pfälzische Schnecke. Raymond Roussels »Neue Impressionen aus Afrika« tragen zwei gegensätzliche Geschwindigkeiten in sich, Zeitraffer und Zeitlupe. Nie bleiben sie beim Thema, von Ludwig dem Heiligen eilen sie zum Retuschieren eines Fotos, zu einer Feuersbrunst, zu einem Gecken, der eine Dirne heiratet, und zwar binnen weniger Zeilen. Diese Zeilen aber sind so überaus gründlich ausgefeilt, dass dies auch dem eiligsten Leser nicht verborgen bleibt. Der Dichter, der seinen baldigen Ruhm erwartete, hat wohlweislich den französischen Nationalvers gewählt, den Alexandriner (also sechshebige Jamben). Die Alexandriner reimen sich paarweise, und zwar vorzugsweise in Teekesselchen wie »porte« (trägt / Tür), »neuf« (neun / neu), »fils« (Sohn / Fäden), »chère« (Speise / teuer). An einer Stelle lässt der Dichter zwanzig Teekesselchen hintereinander aufdecken.

Die Beschleunigung des Textes wird dadurch noch erhöht, dass er teils in Listen organisiert ist; »54 offene Fragen des Lebens; 23 unnötige Gegenstände; ... 40 Dinge, die sich vermindern, 206 Dinge, die einander trotz verschiedener Größe ähneln ...« und viele mehr. Ein absurder oder banaler Gegenstand folgt auf den nächsten. Doch gerade wenn der Leser richtig in Fahrt kommt, muss er sich heillos verfranzen. Wie einst Alice rast er dem Kaninchen hinterher ins »Wunderland« und gelangt in einen Raum mit vielen Türen, und hinter jeder Tür ist noch eine Tür und noch eine und noch eine. Mit den ebenfalls gereimten Einschüben in Klammern und Fußnoten, die Roussel in sein Gedicht gebaut hat, ergeben sich insgesamt neun Verschachtelungen. Man darf sich das als textuelle Matrjoschka-Puppe vorstellen. Die äußerste, größte Puppe ist vielleicht der heilige Ludwig, mit dem der erste »Gesang« anhebt, die innerste, winzigste, könnte ein Männlein sein, auf dessen Stirn der Stern des Ruhmes glänzt; ein unzweideutiges Selbstporträt.

Hat sich der Leser erst im Labyrinth verirrt, bleibt er stehen und schaut sich verblüfft um. Zwar ist seit dem ersten Vers unendlich viel passiert, doch ist alles stehen geblieben. Bewegung wird allein von den Wörtern erzeugt, die auf eine höchst pedantische Weise, in fleißiger Kärrner- und Kleinarbeit, gefügt sind. Der Mitherausgeber der deutschen Ausgabe, Maximilian Gilleßen, hat berechnet, dass Roussel an seinen »Neuen Impressionen«, die zwischen 1915 und 1928 entstanden sind, exakt 19.155 Stunden gedichtet und gefeilt hat. Und das ist durchaus glaubwürdig.

Es ist alles so fein ziseliert, dass, wer in diese unheimliche Apparatur eindringen will, Uhrmacher-Instrumente braucht. Und etliche Uhrmacher haben sich auch schon daran versucht. Einige anregende Studien versammelt die einmalig schön ausgestattete Neuausgabe dieser »Impressionen« (das Wort soll mehr an »Druck« als an »Eindruck« erinnern). Besonders hübsch ist die Beschreibung der »Roussel-Lesemaschine«, die der Pataphysiker Juan Esteban Fassio 1964 ersonnen hat. Damit wird dem Leser, der nach dem x-ten Einschub den Anschluss nicht mehr finden kann, auf die Sprünge geholfen. Die verschiedenen Matrjoschka-Puppen des Textes sind, farbig abgesetzt, auf Karten montiert, die um eine Achse rotieren.

Begleitet wird Hanns Grössels Prosa-Übertragung von köstlichen Zeichnungen, die Henri-Achille Zo nach den Anweisungen Roussels geschaffen hat, übrigens ohne das ganze Gedicht zu kennen. Eine zeigt einen Mann, der ein unaufgeschnittenes Buch zu lesen versucht (Jacques B. Brunius, der 1937 ebenfalls eine Roussel-Lesemaschine erfunden hat, empfiehlt, das Original der »Impressionen« grundsätzlich nicht aufzuschneiden), auf einer anderen Zeichnung ist ein Passant zu sehen, der von einem Papagei angesprochen wird, auf wieder einer anderen eine Frau, die eine Jalousie herunterlässt.

Die Surrealisten, die Oulipisten und andere Isten haben diesen Dichter, den man sich als todunglücklich vorstellen muss und der im Selbstmord endete, verehrt. Der kleine Berliner Verlag Zero Sharp kümmert sich seit Jahren in rührender Sorgfalt um ihn und hat schon einige Gemmen herausgebracht. »Die Allee der Leuchtkäfer« (1914) berichtet in ganz ähnlicher Schachteltechnik wie die »Impressionen«, aber in Prosa unter anderem von »exosmotischen« Lustbarkeiten am Hofe Friedrichs des Großen. »Chiquenaude« (1900) könnte eine heroische Erzählung voller Oden, pathetischer Auftritte und romantisch-ritterlicher Schurken sein, wenn es nicht immerzu um einen magischen Flanellanzug ginge, der den Mephisto unverwundbar macht und den die verschmitzte Hexe Chiquenaude (wörtlich »Schubs« oder »Schnipser«) durchlöchert, womit sie den teuflischen Siegfried dem tödlichen Degenstoß preisgibt.

Die Lust an der technischen Erfindung entfaltet sich ganz in den Prosa-»Impressionen aus Afrika« (1910) - die mit dem späteren Gedicht inhaltlich nichts zu tun haben, dafür aber tatsächlich in Schwarzafrika spielen - und in Roussels bekanntestem Roman »Locus Solus« (1914), der bereits vor einigen Jahren in einer neuen, dank eines Manuskriptfundes ergänzten Übersetzung erschien. Die schrecklichste Erfindung in »Locus Solus« ist die »Demoiselle«, also das »Fräulein«, denn das Böse tritt im Werk dieses Junggesellen gern in weiblicher Gestalt auf. Diese Demoiselle ist eine Maschine, die Mosaiken aus menschlichen Zähnen legt. Die geheimen Fantasien einer militarisierten und kolonialistischen Industriegesellschaft sind selten so grausam und bizarr ausgemalt worden wie hier.

Schon seit »Chiquenaude« lässt sich dieser Autor von Homophonien inspirieren; der erste und der letzte Satz nicht nur dieser Erzählung klingen genau gleich, bedeuten aber jeweils etwas anderes. Roussel wird von Menschen gelesen, die von den Gründen und Abgründen der Sprache angezogen werden. Aber possierlich ist es auch, ihm dabei zuzuschauen, wie er auf dem schmalen Grat zwischen Banalität und Perversion balanciert. Seine Literatur ist nicht der Zeitvertreib eines Verrückten, es ist das Wagnis eines Bürgers auf Abwegen.

Die objektiven Verfahren, die Roussel wählt, treiben alles hervor, was der französische Bourgeois der Zeit sorgsam versteckt hielt: eine Neigung zum Sadismus, aber auch zur Schlüpfrigkeit, ein seltsames Interesse an der Verdauung, aber auch eine Begeisterung für alles Ruhmreiche, für protzige Denkmäler, Lexikonweisheiten, Wunder der Technik und Apparate aller Art, ein Hang zu Routinen, zur Übergenauigkeit, ein Zähl- und ein Versteckzwang, vor allem aber eine starre Angst. Wie Gilleßen im Nachwort zu »Chiquenaude« feststellt, sind Roussels Figuren eigentümlich leblos. Sobald der Dichter sich »an der Beschreibung ihrer Innenwelt versucht, tritt das Sterile und oftmals Konventionelle seiner Sprache besonders grell hervor«. Der bürgerliche Mensch, der uns hier begegnet, registriert die Sonderbarkeiten unserer Welt, doch auf kalte Weise. Er ist vom Schrecklichen fasziniert und kann es doch nicht empfinden. Das Großartige an Roussel ist, dass dies alles nicht in einem psychologischen Roman erscheint, sondern in Wortspielen, die daherkommen wie Denksportaufgaben. So entblößt Roussel nicht nur den Bourgeois seiner Zeit, er versöhnt auch mit ihm. Was ihm an Emotion fehlt, ersetzt er durch Aberwitz.

War das schon alles, was von Raymond Roussel in Deutschland zu lesen ist? Hoffentlich nicht. Eines Tages muss sich einer unserer akrobatischen Übersetzer dazu aufraffen, das schöne Werk zu vollenden, das Johannes Hübner begonnen hat - die gereimte Übersetzung der »Neuen Impressionen«. Hier ein Auszug aus der Liste mit Dingen, die sich verkleinern: »Ein Spargel, nach erstem Biss aus dem Munde genommen; / Ein Wurm, der durch den Spaten zu Tode gekommen; / Bei blindem Alarm der Stockdegen, der halbwegs gezogen schon; / Zu hohes Musikpult noch vor dem ersten Ton; / Der Drehstuhl am Klavier eines Kindes, das größer wird; / Der alte Abreißkalender, der seinen Umfang verliert.«

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