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Haka, HipHop und Pina Bausch

»Urban Soul Café« präsentiert im Ballhaus Ost einen interkulturellen Tanzabend

  • Von Ottmar E. Gendera &
  • Lesedauer: 4 Min.

Von Ottmar E. Gendera

Da vorn auf dem weißen Tanzteppich im grellen Bühnenlicht tanzt einer seinen Traum: Aloalii Tapu kommt vom anderen Ende der Welt aus Auckland, Neuseeland ins »Ballhaus Ost« nach Berlin, Germany. Doch bevor es wie in diesem Traum Waschmaschinen, Wäschetrockner und Laubblätter vom Himmel auf die Bühne regnet, erfahren wir von einem kraftvollen, jungen Solotänzer etwas aus seiner Lebensgeschichte. Eigentlich kommt Aloalii Tapu von noch weiter her: er hat polynesische Vorfahren, die aus Samoa stammen. Tanz gehört da zur traditionellen Kultur - mit eng gesetzten Regeln: Berührungen zwischen den Geschlechtern zum Beispiel sind tabu - außer eine Frau verwandelt sich in eine »Tanaluga«, dann winden sich die Männer kriechend vor ihr im Staub, und vielleicht tippt sie mit den Zehen einen von ihnen leicht am Rücken an. Gar nicht geht es, auf einem Tisch zu sitzen, ebenso wie mit lang ausgestreckten Beinen am Boden herum zu lungern. Regelwerke aus der Welt der alten Leute, die noch immer Gewicht haben im Universum der polynesischen Communities in Auckland.

Denn da ist Aloalii Tapu aufgewachsen, in einer Vorstadt namens Otara, der »Heimat der Mutigen«. Als eines von zwölf Geschwistern. Seiner Mutter wäre es wohl lieber gewesen, Aloalii wäre Polizist geworden wie sein Vater, erfahren wir aus einem Videointerview. Aber dann war ihr das mit dem Tanz auch recht - obwohl das natürlich kein Beruf sein kann. Aber vielleicht reicht es ja dazu, dass er als Tanzlehrer Jugendlichen was beibringen kann. In einer sozialen Welt der rauen, wilden Rituale der jugendlichen HipHop-Tänzer. So sind Krumping und Popping ganz wesentliche Stilelemente seines Bewegungsvokabulars, mit dem er seine Biografie auf der Bühne erzählt.

Auch die Begeisterung für den neuseeländischen Nationalsport Rugby teilt Aloalii Tapu mit vielen seiner Landleute. Die »All Blacks« sind berühmt für ihre martialischen Haka-Rituale. Davon gibt er eine Kostprobe - indem er wie ein Sportreporter, der von einem Länderspiel Neuseeland gegen Australien live kommentiert - sich selber die Vorlagen für sein Tanzsolo gibt. Sein Körper erzählt den äußerst spannenden Spielverlauf gleich mit - und mehr und mehr verwandelt sich der Tänzer in einen Krieger, der den Haka mit Furcht einflößenden Grimassen tanzt, bis die Luft mit Adrenalin gesättigt ist.

Dass es für Aloalii Tapu aber nicht dabei geblieben ist, an den Straßenecken und Clubs in Auckland sich mit anderen HipHoppern zu »battlen«, sondern dass sich eine Tanzausbildung mit dem Schwerpunkt »Zeitgenössischer Tanz« für ihn ergab, das liegt an einem, der als Mentor weltweit junge Menschen aus sozialen Problemzonen mit dem Tanzvirus infiziert. Im Zuschauerraum sitzt Royson Maldoon. Quasi auf dem Weg zu seinem nächsten internationalen Projekt mit palästinensischen Jugendlichen in Gaza schaut er noch schnell im »Ballhaus Ost« vorbei. Weltberühmt wurde er mit »Rhythm is it!« - einem Film über sein Tanzprojekt mit jungen Schülern aus Berliner Problembezirken und den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle. Ab 2003 begannen 250 Kinder und Jugendliche aus 25 Nationen unter Anleitung des britischen Choreografen und Tanzpädagogen mit den Proben zu Stravinskys »Le sacre du printemps«. Der schwierige Prozess, mit widerspenstigen Jugendlichen ein Bühnenstück bist zur Aufführung zu bringen, machte Schule - und gab dem zeitgenössischen Tanz einen ganz neuen Stellenwert.

Auch in Neuseeland, wo Royston Maldoon vor fünf Jahren sein Sacre-Projekt durchführte, war das so. Damals war der heute 23-jährige Aloalii Tapu dabei. Eine Tür öffnete sich danach für den Jungen: er begann ein Tanzstudium, als einziger »Brauner« unter lauter »Weißen«. Er lernte, was zeitgenössischer Tanz alles sein kann, über die traditionellen, kulturellen und sozialen Grenzen hinweg. Aber auch, dass Tanz immer in bestimmten Kontexten steht und je nach dem unterschiedlich erfahren und wahrgenommen wird. Von dieser Widersprüchlichkeit von kulturellen Kontexten und Codes lebt auch das Stück »Urban Soul Café«. Pina Bauschs »Café Müller« widmet er da einen besonders einfühlsamen Abschnitt.

Das Produktionsbüro »Ehrliche Arbeit« und der Choreograf Christoph Winkler, der seine Stoffe mit jungen Tänzerinnen und Tänzern oft in »Coming-of-Age«-Geschichten verpackt, haben Aloalii Tapu per Skype-Videokonferenz aus Neuseeland kennengelernt. So geht das heute - und so wird es möglich, das seine Tanzgeschichten zwischen den Kulturen noch bis zum Sonntag im Ballhaus Ost zu sehen sind.

Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Prenzlauer Berg, bis 20.3., jeweils 20 Uhr.

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