Werbung

Brasiliens Präsidentin: Putsch

Erneut Demonstrationen für und gegen Dilma Rousseff am Wochenende

  • Von Niklas Franzen, São Paulo
  • Lesedauer: 3 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Seit Wochen brodelt es im größten Land Lateinamerikas. Doch eine Entspannung der Lage in Brasilien ist nicht in Sicht, vielmehr geht der politische Schlagabtausch in die nächste Runde.

In allen großen Städten Brasiliens wurden zum Wochenende wieder Demonstrationen erwartet - auch gegen »Putschversuche« zum Sturz der Präsidentin Dilma Rousseff. Die Rechte will erneut die Straßen einnehmen. Einmal mehr droht dem Land ein turbulentes Wochenende mit ungewissem Ausgang.

Nachdem am Donnerstagmorgen Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva - genannt Lula - zum neuen Kabinettschef der angeschlagenen Präsidentin Rousseff ernannt worden war, wurde der 70-Jährige kurzerhand per Gerichtsbeschluss wieder seines Amtes enthoben.

Richter Itagiba Catta Preta Neto sieht eine Verwicklung des ehemaligen Gewerkschaftsführers in kriminelle Machenschaften als erwiesen an. Neto offenbarte sich in sozialen Netzwerken als Unterstützer einer Absetzung der Präsidentin und verbreitete Fotos von Demonstrationen gegen die Regierung. Kritiker zweifeln deshalb die Unabhängigkeit des Juristen an. Rousseff selbst fand klare Worte für die Ereignisse des Tages. »So beginnen Staatsstreiche«, sagte die ehemalige Widerstandskämpferin gegen die Militärdiktatur, während einer Pressekonferenz in der Hauptstadt Brasília.

Anfang März hatte die Bundespolizei die Wohnung von Lula durchsucht und die Symbolfigur der sozialdemokratischen Arbeiterpartei PT zu einem mehrstündigen Verhör abgeführt. Lula wird vorgeworfen, von dem Korruptionsnetz beim Erdölriesen Petrobras profitiert zu haben und heimlich Luxusapartments zu besitzen. PT-Politiker Alexandre Padilha bezeichnete die Operation gegenüber »nd« als »reines mediales Spektakel«.

Erst am Mittwoch hatte die Krise einen neuen Höhepunkt erreicht. Rousseff erklärte, sie wolle die Reißleine ziehen und ihren politischen Ziehvater Lula als Kabinettschef einsetzen. Die rechte Opposition sieht in dem Manöver den Versuch der Präsidentin, ihren Sturz abzuwenden. Ihr steht ein Amtsenthebungsverfahren bevor. Am Abend des selben ereignisreichen Tages genehmigte Bundesrichter Sergio Moro, der wegen seiner harten Hand gegen die PT als Held gefeiert wird, Mitschnitte eines abgehörten Telefonats zwischen Rousseff und Lula zu veröffentlichen. Laut den Ermittlern, der als »Lava Jato« (Autowäsche) getauften Petrobras-Ermittlungen, gehe aus dem Gespräch hervor, dass Rousseff ihren Vorgänger durch die Ernennung vor einer möglichen Verhaftung schützen wolle, da der Regierungsposten Lula Immunität einräumen werde.

In einem Schreiben attackierte die krisengeschüttelte Regierung wiederum Moro und nannte sein Handeln eine »Verletzung von Recht und Verfassung«. Zudem kündigte sie juristische Schritte gegen den Richter an. Doch auch diese Episode der brasilianischen Krise dürfte einen dunklen Schatten auf die Regierung werfen. In den Medien werden die Ereignisse im Land mit den Intrigen und Skandalen der US-amerikanischen Serie »House of Cards« verglichen.

Nachdem bereits am Mittwoch Tausende auf die Straße gegangen waren, kam es auch am Donnerstag in mehreren Städten erneut zu spontanen Demonstrationen. In São Paulo versammelten sich regierungskritische Demonstranten auf der Prachtstraße Avenida Paulista.

Am Nachmittag bildete sich vor dem Gebäude des Industrieverbandes FIESP eine Menschentraube in den Nationalfarben Grün und Gelb. Verkäufer boten lauthals Protestutensilien an. Mehrmals wurden die Nationalhymne sowie Sprechchöre wie »Unsere Fahne wird niemals rot sein« und »Lula ins Gefängnis« angestimmt. Auf einer Kreuzung bauten Demonstranten ein Zeltlager auf. »Wir bleiben hier, bis Rousseff aufgibt«, sagte der 39-jährige Finanzberater Ivan Mesquita, der sich eine Nationalflagge über den grauen Anzug geworfen hatte. Am Rand standen vereinzelte Polizisten und posierten für Selfies mit Demonstranten.

Jedoch trog der friedliche Schein. Als ein jugendlicher Passant dem Protest »Es wird keinen Putsch geben!« entgegenruft, wird er von einem Mob durch eine Seitenstraße gejagt und blutig geschlagen. Eine Gruppe Verkehrspolizisten, die zufällig vor Ort ist, verhindert Schlimmeres. Auch in anderen Städten kommt es zu Angriffen auf vermeintliche PT-Anhänger. Die Zwischenfälle zeugen von einer wachsenden Polarisierung der brasilianischen Gesellschaft und einem vergifteten Klima im Land.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen