Das Zeitalter in Versen

Poesiealbum W. Mehring

Auch ihm zeigt die Nachwelt meist die kalte Schulter: Walter Mehring, 1896 in Berlin geboren und 1981 in Zürich gestorben, Dadaist und Expressionist, in den 1920ern einer der auffälligsten Lyriker, Mitarbeiter der »Weltbühne« und des »Tagebuchs«, populärer, bissiger Kabarettautor, scharfer, kompromissloser Kritiker von Politik, Kirche und Nationalsozialismus, geliebt, gehasst, verfolgt, ist nur noch wenigen ein Begriff. Die Wahrheit ist, schrieb Willy Haas 1963, »daß man Walter Mehring heute fast überhaupt nicht kennt«. Er sei nicht vergessen, meinte Mehring dagegen, nur ungedruckt. Die Werkausgabe, die der Claassen-Verlag vorlegte, hat er nicht mehr erlebt. Wenigstens dieses eine Mal wurde er sichtbar mit allem, was er geschrieben hatte, den Dramen, Romanen, seinem wunderbaren Buch »Die verlorene Bibliothek« und, gesammelt in zwei Bänden, den Gedichten, Liedern und Chansons. Lang ist’s her.

Ein Hoch unter diesen Umständen dem »Poesiealbum«: Das 321. Heft verschafft dem zärtlichen und zornigen Mehring wieder ein Forum. Auf 35 Seiten, ausgewählt von Alex Dreppec und in der Mitte mit einer Grafik Conrad Felixmüllers geschmückt, ein Querschnitt durchs Werk, Kostproben eines Poeten mit außerordentlichem Formtalent, der mal ganz leise daherkam und gleich darauf als scharfsinniger, ätzender Zeitkritiker, der auch, vor allen anderen, die Rhythmen des Jazz in seine Strophen holte. Mehring konnte, immer in der Nähe des Bänkelsangs, alles. Seine Verse leben von der Sprache des Alltags, sie kennen den Jargon der Berliner, ihre Schnoddrigkeit genauso wie das schrille Pathos der Nazis, den Witz der Juden oder das Kauderwelsch der Börsenwelt.

In diesen Gedichten und Liedern, erkennbar noch in der schmalen Auswahl, lebt ein ganzes Zeitalter. Mehring hat es in all seinen Abgründen erleben und durchleiden müssen, erst, zwischen 1916 und 1918, den Krieg und später all die Fluchten, verbunden mit Verhaftung, Internierung und abenteuerlicher Rettung: 1933 nach Wien, 1938 nach Frankreich, 1941 in die USA. Wie kaum ein anderer hat er im Exil, das mehr als zwanzig Jahre dauerte, das Lebensgefühl der Vertriebenen ausgedrückt, ihre Verlorenheit und Nöte: »Hier steht ein Mann und singt ein Lied / Am Rand der Zeit, / Die außer Rand und Band geriet …« Er schlug sich mehr recht als schlecht durch, schrieb Kritiken für die »New York Times«, schrieb Gedichte und immer wieder Gedichte, schließlich die »Autobiographie einer Kultur«, die Geschichte der Bibliothek, die er von seinem Vater erbte und die in den Zeiten der Verfolgung verloren ging. Wirklich gut, sagt Exilgefährte Hermann Kesten, ging es Mehring in jenen Jahren nie, auch nicht, als er wieder in Europa war. Er lebte in Münchner und Schweizer Hotels und starb vereinsamt in einem Zürcher Altersheim.

Poesiealbum 321: Walter Mehring, ausgew. von Alex Dreppec, Märkischer Verlag, 36 S., br., 5 €.

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