Hemmt Ungleichheit das Wachstum?

Deutsche Wirtschaftsforscher streiten um eine Studie der OECD

OECD und Internationaler Währungsfonds sind sich einig: Ungleichheit verringert das Wirtschaftswachstum. In Deutschland diskutiert man hingegen noch.

Wird die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von inkompetenten Ökonomen beraten? Der Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, scheint das zu glauben. Auf einer Pressekonferenz am Montag in Berlin stellte Hüther eine IW-Studie zu »Ungleichheit und Wachstum« vor, die die Ergebnisse einer aktuellen OECD-Studie widerlegen sollte. Die Pariser Ökonomen kamen, ebenso übrigens wie der Internationale Währungsfonds, zu dem Schluss, das Ungleichheit ein echter Wachstumshemmer ist. So hätte das Wachstum in Deutschland zwischen 1990 und 2010 »um fast sechs Prozentpunkte höher ausfallen können«, wenn in diesem Zeitraum die Einkommensungleichheit nicht zugenommen hätte. Damit wäre eine zentrale These neoliberaler Ökonomen hinfällig, die Michael Hüther am Montag wie folgt zusammenfasste: »Ungleichheit sorgt für Leistungsanreize und schafft Wachstum, während Umverteilung durch Steuern und Transfers diese Anreize mindert und dadurch wachstumsfeindlich wirkt«.

Dabei bestreitet der IW-Vorsitzende nicht, dass es eine solche soziale Spreizung, zumindest bis 2005, gegeben habe. Doch unterstrich Hüther mit Blick auf Wachstum und Ungleichheit: »Es gibt keine eindeutigen Zusammenhänge«. Vielmehr kämen hier auch andere Faktoren wie etwa Bildung und soziale Mobilität ins Spiel. Das gilt aber offenbar nur für die reichen Länder. Denn sogar das IW räumt ein, dass es einen »negativen Zusammenhang« zwischen Ungleichheit und Wachstum gibt, aber »nur bis zu einem Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von rund 9000 Dollar«. Sprich: Lediglich in armen Ländern wie Ägypten oder Burkina Faso gilt die IW-Regel. Allerdings liegt das Pro-Kopf-BIP einiger EU-Staaten ebenfalls unter der 9000-Dollar-Grenze: etwa in Rumänien und Bulgarien. Demzufolge müsste die EU-Politik auf eine Umverteilung der Vermögen drängen.

Doch es kann auch reiche Staaten treffen, wenn der Gini-Koeffizient, der die Ungleichheit in einem Land misst, über 0,35 liegt. Dabei steht 0 für absolute Gleichheit und die 1 für die größtmögliche Vermögenskonzen- tration. Deutschland liege mit einem Gini-Koeffizienten von 0,29 aber unter der Grenze, so Hüther. Problematisch sei hingegen die Situation in den USA, wo der Wert bei 0,4 liege. Ohnehin sei Deutschland, so Hüther, schon heute »durch eine überdurchschnittliche Umverteilung« gekennzeichnet. Damit weicht der IW-Chef aber einem zentralen Kritikpunkt seiner Gegner aus, die der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, in seinem neuen Buch »Verteilungskampf« ausbreitet. Demnach weist die Bundesrepublik die größte Spreizung bei Vermögen und Einkommen auf. Der DIW-Chef bezieht sich dabei auf die eingangs erwähnte Studie der OECD. In einem Beitrag für die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« schrieb der Ökonom am Wochenende: »In kaum einem Indus- trieland der Welt sind vor allem Chancen, aber auch zunehmend Vermögen und Einkommen ungleicher verteilt als in Deutschland.« Diese Entwicklung stelle ein »massives wirtschaftliches Problem dar«, weil sie Wachstum schwäche, mehr Investitionen und bessere Jobs verhindere.

Zudem sei die soziale Mobilität stark zurückgegangen, beklagt Fratzscher: »In kaum einem anderen Land beeinflusst die soziale Herkunft das eigene Einkommen so stark wie in Deutschland.« Sprich: Einmal unten, immer unten.

Auch die Umverteilung in Form höherer Steuern und Abgaben würden nicht Grundlegendes ändern: »Es ist höchst ineffizient und kontraproduktiv, Menschen ihrer Chancen und Möglichkeiten zu berauben, damit der Staat dann über Steuern und Sozialleistungen versucht, einen Teil dieses durch den Raub entstandenen Schadens wieder auszugleichen.« Fratzscher plädiert stattdessen für »smarte Umverteilung«. Kommentar Seite 4

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