»Stellen Sie sich vor ...«

Kathrin Gerlof über das Sexualstraftrecht und die Schwierigkeiten mit dem einfachen Wörtchen Nein

Eine Änderung des Sexualstrafrechts ist lange überfällig. Aber erst zusammen dieser Notwendigkeit mit rassistischen Ressentiments wird sie vielleicht stattfinden. Das ist so bitter, dass sich jede Satire verbietet.

»... zwei Arbeitskollegen sind zusammen auf Dienstreise. Abends trifft man sich in der Bar. Die Stimmung ist gut. Er macht ihr eindeutige Avancen. Sie stellt abends noch klar: Nein, zwischen uns wird nichts laufen. Ich will meine Ehe nicht aufs Spiel setzen. Der Abend geht weiter und es wird launiger. Man ist leicht angetrunken, alle wissen noch, was sie tun. Der Abend geht weiter. Er bringt sie wie ein Gentleman auf das Zimmer. Dort verliert sie dann die Kontrolle und es kommt zum Äußersten.«

Als der Deutsche Bundestag in der vergangenen Woche über den Schutz vor sexueller Misshandlung und Vergewaltigung diskutierte, erlitt der arme Alexander Hoffmann (CSU) einen fatalen Kontrollverlust. Danach kam es zum Äußersten - zumindest, was die Zwischenrufe anbelangte - und der Mann kriegte die Zahnpasta einfach nicht mehr in die Tube.

Diskutiert wurde, ob im Sexualstrafrecht ein Grundsatz verankert wird, der schlicht und einfach lautet: »Nein heißt nein.« Was aber, hatte sich Alexander Hoffmann im Vorfeld der Diskussion überlegt, wenn die Tussi erst Nein und dann Ja und am nächsten Morgen wieder Nein sagt? Seine Frage lautete demzufolge: »Gab es nach diesem Nein noch eine weitere Willensbekundung durch das Geschehenlassen, oder wirkt dieses Nein fort?«

Natürlich ist diese Vorstellung für einen Mann tragisch. Er schafft es, für sich und seine Kollegin eine gemeinsame Dienstreise zu organisieren, quatscht sie an der Bar fast willig. Trotzdem sagt sie Nein. Das geht an die Brieftasche, weil nun noch mehr Alkohol getrunken werden muss, aber am Ende ist alles schön, denn die Frau verliert im Hotelflur die Kontrolle, will aber am nächsten Tag nichts mehr davon wissen und macht stattdessen Ärger. Niemand wünscht Alexander Hoffmann und seinen Geschlechtsgenossen, dass ihnen so etwas widerfährt.

Viel interessanter aber ist die Frage, warum es so lange gedauert hat, bis zumindest die Chance besteht, dass Frauen einem Mann abverlangen können, ein schwieriges einsilbiges Wort wie »Nein« auch zu akzeptieren.

1977 demonstrierten im schönen alten Westberlin Frauen in der Walpurgisnacht mit dem Aufruf »Wenn Frauen NEIN sagen, dann meinen sie auch NEIN!«. Damals dachte man nur ein paar Meter weiter, in der guten alten DDR, dass so was wie sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung in der Ehe im real vorhandenen Sozialismus gar nicht existiert. Grabschte der Spitzendreher in der Werkhalle seiner Arbeitskollegin an den overallblauen, apfelrunden Hintern, konnte Frau zum Parteisekretär gehen und sich beschweren. Der hat dann dem verheirateten Spitzendreher die Leviten gelesen und gut war’s.

Über eine Klarstellung im Sexualstrafrecht wird seit Ewigkeiten diskutiert. Aber verdammt noch mal, es gab wirklich immer Wichtigeres zu tun. Seit Juli 2015 liegt aus dem Bundesjustizministerium ein Entwurf für die Neuregelung vor. Das Kanzleramt hat lange verhindert, dass der an die Öffentlichkeit gelangte, denn irgendwie schien das alles zu weit zu gehen. Kurz vor Weihnachten 2015 erblickte er dann doch das Licht der Öffentlichkeit. Dann kam Silvester in Köln und plötzlich, oh Wunder: Plötzlich konnte und sollte alles ganz schnell gehen.

Eine Änderung des Sexualstrafrechts ist seit Jahrzehnten überfällig. Aber erst in der Verquickung dieser Notwendigkeit mit rassistischen Ressentiments wird sie vielleicht auch stattfinden. Das ist so bitter, dass sich jede Satire verbietet.

Alexander Hoffmann hatte Glück. Sylvia Pantel, seine Fraktionskollegin, stellte in der Debatte die Frage: »Müssen schon in der Unterstufe so viele Sexpraktiken auf dem Lehrplan stehen, dass es womöglich zu einem Wettlauf um die krassesten Sexualerfahrungen geht?«

»Sexualaufklärung sorgt für Verrohung? Ich glaube, es hakt«, brüllte Kai Gehring von den Grünen. Klar hakt es. Die Kolumnistin trinkt jetzt einen, um die Kontrolle nicht zu verlieren.

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