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Wischen, fegen, Müll sammeln

4000 Flüchtlinge in Berlin in Ein-Euro-Jobs

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 4 Min.
Bevor sie gar keiner Arbeit nachgehen können, machen einige Flüchtlinge in Berlin lieber Ein-Euro-Jobs. Damit können sie bis zu 84 Euro pro Monat dazu verdienen.

»Ich mache jede Arbeit, die ich machen darf«, sagt Ali Alloulou auf Englisch. Seit Oktober ist er in Deutschland, bis heute wartet er auf die Bewilligung seines Asylantrags. Warten allein reicht ihm aber nicht. »Irgendwie muss ich die Zeit totschlagen.« Deshalb hilft Alloulou jetzt bei der Essensausgabe in einer Notunterkunft im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick, in der er selbst wohnt. Dafür bekommt er 1,05 Euro pro Stunde.

»Ein klassischer Ein-Euro-Job«, sagt Sozialsenator Mario Czaja (CDU), der am Dienstag das Heim besuchte, um sich selbst ein Bild von Flüchtlingen in gemeinnützigen Arbeitsgelegenheiten, wie sie offiziell heißen, zu machen - die Presse lud er gleich dazu. Insgesamt rund 4000 Bewohner von Flüchtlingsheimen sind aktuell berlinweit in derlei Arbeitsverhältnissen beschäftigt. Das sind fast zehn Prozent aller in Gemeinschaftsunterkünften untergebrachten Flüchtlinge. 3510 von ihnen arbeiten in den Heimen selbst, vor allem in der Küche und bei der Essensausgabe, andere wischen die Böden, fegen, sammeln Müll auf. Alles natürlich zusätzlich zu den regulären Arbeitsplätzen in diesen Bereichen, versichert Czaja.

Alloulou steht mit einer Lochzange vor der Durchreiche zur Küche, wo Mitarbeiter Fleisch mit Kartoffelbrei ausgeben. Jeder, der etwas essen möchte, muss zunächst Alloulou eine kleine Papierkarte reichen und sie lochen lassen. Mittagessen, Abendessen, jeder darf nur einmal. Zwei Stunden dauert Alloulous Schicht, er isst selbst erst, nachdem alle ihre Portion erhalten haben. Das heißt, dass er nie zusammen mit seiner Frau und seiner Schwägerin zu Mittag essen kann, mit denen er sich auf die Flucht begeben hatte. Er zuckt mit den Schultern. So ist es eben. »Bald essen wir auch wieder zusammen.« Im Oktober kam der Syrer über Wien nach Eisenhüttenstadt, in der dortigen Erstaufnahmeeinrichtung schickte man ihn schon einen Tag später weiter nach Berlin. Ob er vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) lange warten musste, will er gar nicht beantworten. »Es kommen so viele Flüchtlinge, das ist doch klar, dass man warten muss.« Ein paar mehr Menschen könnte das »LAGeSo-Team« aber schon einstellen, findet er. Dennoch: »Alle tun das beste, was sie können«, ist sich Alloulou sicher. Aber es stört ihn, dass er nicht arbeiten darf - nicht außerhalb der Einrichtung. »Ich kann nicht leben, wenn ich nicht arbeiten kann«, sagt Alloulou, der in Syrien die Arbeitsabläufe in einer Textilfirma koordinierte. Das Geld reiche nicht, das er vom LAGeSo monatlich erhält.

Mindestens 20 und höchstens 80 Stunden monatlich sollen die Geflüchteten arbeiten, wenn sie einen Ein-Euro-Job annehmen. 84 Euro ist das Maximum, das das LAGeSo pro Person und Monat zusätzlich zu den Transferleistungen zahlt. Das Geld für weitere 1000 Arbeitsgelegenheiten habe Berlins Finanzsenat bereits genehmigt, berichtet der Sozialsenator.

»Arbeit ist das wichtigste Instrument für Integration«, sagt Czaja, ein Satz, der seit Wochen bei fast jedem Politiker, der sich in der Flüchtlingsdebatte zu Wort meldet, wenigstens einmal fällt. Die Arbeitsgelegenheiten bieten den Flüchtlingen laut Czaja nicht nur eine sinnvolle Beschäftigung. Vielmehr ermöglichten sie den Asylbewerbern auch, bei der Arbeit die deutsche Sprache zu lernen und Kontakte herzustellen - auch über die eigene Unterkunft hinaus. Zudem verbesserten die ehrenamtlichen Arbeitsplätze auch das Zusammenleben in den Flüchtlingseinrichtungen.

Petra Densborn stimmt dem zu. Sie leitet das Christliche Jugenddorfwerk Deutschland (CJD) in Berlin, das die Notunterkunft in Treptow-Köpenick betreibt. Von 500 Bewohnern gehen hier 60 einem Ein-Euro-Job nach. Immer abgestimmt mit ihren Verpflichtungen, Integrationskurse zu besuchen. Denn »die haben Vorrang«, sagt Densborn. »Die Arbeit hilft den Flüchtlingen bei der Integration. Aber sie hilft auch uns. Die Leute bekommen nach gewisser Zeit einen Lagerkoller. Dass jetzt einige von ihnen beschäftigt sind, hat dem entgegen gewirkt.« Es gebe nun weniger Konflikte. Andererseits haben die Arbeitsgelegenheiten auch neue Konflikte geschaffen. Einige Flüchtlinge hätten ihre neue Rolle genutzt, um sich Vorteile zu verschaffen. Andere wollten es nicht akzeptieren, von Mitbewohnern Anweisungen zu erhalten. Deshalb will Densborn künftig auf »Cross-Over-Arbeit« setzen: Die Geflüchteten sollen nicht mehr in ihrer eigenen Unterkunft, sondern in einer benachbarten arbeiten. Das würde ihnen auch das Gefühl geben, morgens zur Arbeit zu gehen und nachmittags wieder nach Hause.

Außerdem sollen Flüchtlinge auch andernorts jobben. »Das nächste Ziel ist nun, die gemeinnützige Arbeit bei den Flüchtlingen weiter auszubauen«, sagt Czaja. So sollten mehr soziale Träger in das Konzept eingebunden werden. »Begegnungen in die Stadtgesellschaft hinein sind wichtig, damit die Prozesse der Integration gelingen können.« Auch in kommunalen Unternehmen könnten Flüchtlinge Ein-Euro-Jobs übernehmen.

Für den Berliner Flüchtlingsrat sind Ein-Euro-Jobs Arbeitsmöglichkeiten, die maximal eine Zwischenlösung darstellen, keinesfalls aber zur Dauerlösung werden dürfen, sagt Katharina Müller vom Berliner Flüchtlingsrat dem »nd«. »Geflüchtete Menschen brauchen Zugang zu sozialversicherungspflichtigen Jobs, denn erst diese ermöglichen es ihnen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.« Um einen solchen Job zu finden, bräuchten sie mehr Unterstützung. Das Land habe Mittel für die Anerkennung von Qualifikationsnachweisen eingeplant, diese müssten nun zur Verfügung gestellt werden.

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