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Lenin und andere Lemuren

»Exodus« von DJ Stalingrad in der Volksbühne - eine »Terrorkampagne«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Hass hat die Welt nie besser gemacht. Aber er hat der Welt immer wieder die Lüge verweigert, als gut dazustehen. Hass klebt komplementär an allem, was der Mensch liebt, und er liebt ideologische Verblendung, revolutionären Opfermut, religiöse Hingabe. Diese Elendsbetreiber in unserem Bewusstsein. Hass ist um uns, in uns - nur unterliegen Millionen Menschen, zum Glück!, einer Domestizierung ihrer hässlichen Anlagen. Aber weiß jeder genau, was morgen in ihm geschehen könnte? In einer so hochneurotischen, fiebrig wunden Kampfgesellschaft wie der unseren?

Hass braucht Auslauf. Braucht Ausdruck. Muss Auswurf sein dürfen. Castorfs Volksbühne ist ein guter Ort. Wo sich das Vergasen aufs Vergessen reimt. Wo sich das Hakenkreuz mit Hammer und Sichel um die Hoheitsrechte der Signalgebung balgt. Wo auf der Leinwand ein sowjetisches Revolutionsdenkmal zu sehen ist - stürmende rote Matrosen in Weihnachtsmann- und Batman-Uniformen. »Exodus - eine Terrorkampagne mit Musik« heißt der brüllende, bärbeißige, brachiale Abend (Regie: Sebastian Klink, Bühne und Kostüme: Gregor Sturm). Geboten werden in einer Fassung von Thomas Martin Passagen aus dem Buch von Pjotr Silajew, geboren 1985, der sich DJ Stalingrad nennt. Er organisierte »antifaschistische« Märsche, wurde in Russland zum gesuchten Verbrecher. Der DJ als Straßenkämpfer. Putins Miliz, »die sich aufführt wie bewaffnete Banditen«, müsse spüren, »dass auch andere die Sprache des Blutes sprechen«. Und so fließt der Text dem Blute nach, das freilich schneller fließt. Von Schlägerei zu Schlägerei.

Der Roman »Exodus« versammelt Betrunkene, Halbwahnsinnige, Fromme mit Stalin-Ikonen und andere Verkommene, um sie ins Feuer eines kriegerischen Rausches zu treiben. Schockschübe um jeden Preis. Terror als Tugend. Lenin und andere Lemuren - man liebt Leichen. »Halleluja« gegen »Heil!« Die letzte in der Sowjetlethargie geborene und von jeder Staatsgewalt »durchgefickte« Generation schreit, prügelt, kifft, drischt sich durch ihre Verlorenheit. Und durch den Ekel vorm »ewigen Iwan«. Der als Oligarch so unerträglich ist wie als jammernder Veteran. Oder als biederer Wendegewinnler: Cogito, ergo Konsum - ich denke, also kauf ich. Von der Videoleinwand blicken dich große Augen an. »Seit meiner Kindheit lehrte mich das Leben, den Schmerz zu lieben. Meine Mutter schlug mich ständig. Die Wirklichkeit schreibt durch Schmerz eine rissige Furche auf der Oberfläche unserer Persönlichkeit, erschafft und formt sie.« Die großen Augen gehören Alexander Scheer.

Scheer ist ein Schauspieler, der eine ungelenke, schutzlose Offenheit mit ruppig-räudiger Angriffsenergie verbindet. Immer den gesamten Körper in Anschlag. Es ist, als tauche Scheer in die Säuren einer großen Sehnsucht und des Rausches - und siehe, er löst sich auf. Aber flatternd, wie ein Schmetterling, der durch eine Leichenhalle segelt. Scheer, der tänzerische Spillrige. Hohle Wangen. Ein Vogelkopf, als schnappe er nach Nahrung, die den Liebeshunger stillen soll. Oder er hackt zu. Ein nervös jagender Typ mit Kinski-Anklängen.

Er wieselt auch hier, japst, rumort. Zeigt Hohlkreuz. Trägt rotes Lederjäckchen, Stahlhelm, huscht als roter Generalsgruftie wie eine Ordensblechbüchse durch die Saaldämmerung. Vollführt Springteufelartistik. Knurrt das Publikum an: »Man darf applaudieren!« Rennt, rastet aus, schwitzt, grinst, geilt sich ins Gitarrenspiel hinein, knallt immer wieder gegen den hohen Drahtkäfig im Zentrum der Spielfläche. Da drinnen die dreiköpfige Punkband »The New World Order«. Mit Scheer rennen, rasten aus, schwitzen, grinsen, hecheln, erzählen Margarita Breitkreiz, Patrick Güldenberg, Rouven Stöhr. Erzählen - meist in Video-Großaufnahme von traurigen, gelederten Existenzen. In wenigen, kostbaren Momenten wehe Melancholie, leidbeschwerte Güte. Aber Zärtlichkeit, das ist hier wie das Gewicht eines zugeworfenen Rettungsringes, unter dem man vollends untergeht.

Kein unbedingt großer Theaterabend, eher eintönig rasselnd, du sitzt, körperlich verquält, zwei Stunden lang auf dem nackten, etwas abschüssigen Beton des Volksbühnenraumes. Aber: Du fühlst dich im Gedröhn, Gekeuch, Gerenne doch einigen Wahrheiten nahe. Dem Menschen nahe - dem keine Welt gelingt, in der die Liebe als Menschenrecht einklagbar (und also die Verzweiflung wie die Einsamkeit tilgbar) wäre. Und menschliche Bedürfnisse lassen sich in keine Reihenfolge bringen, die Zerwürfnisse vermeidet. Wer wüsste denn wirklich zu sagen, ob der Mensch Freiheit nötiger hat als Solidarität? Wer heute noch nicht fassen kann, wieso denn der umsorgte Bürger zu Ostzeiten billige Wohnungen, verlässliche Arbeit, geruhsame Tristesse so freiwillig gegen den rigiden Wind der Freiheit tauschen konnte, der lese den Dichter Wolfgang Hilbig. Unterricht in Sachen politischer Psychologie: »ihr habt mir geld aufgespart/ lieber stehle ich.// ihr habt mir einen weg gebahnt/ ich schlag mich durchs gestrüpp seitlich des wegs.// sagtet ihr man soll allein gehen/ würd ich gehn/ mit euch.«

Das ist auch das Credo von Silajews Unbehausten. An Seelenkälte wird sich heiß gerieben. Sexgier sucht Geldgier für gemeinsame Mordgier. Es gibt keinen Sicherheitsabstand mehr zwischen Wunsch und Erfüllung: Eisenstangen schlagen gegen Metall, gemeint sind Köpfe. Inmitten der eng an eng hockenden Zuschauer stehen drei Kreuze, die Spieler bahnen sich Gassen, hängen sich an die Kreuze wie Jesus. Stacheldraht um den nackten Körper. Aufgerufen wird - zwischen Leinwandbildern von Bombenexplosionen und Asphaltschlachten - der russische Radikalkünstler Pjotr Pawlenski, der seine Hoden am Roten Platz festgenagelt, seinen Mund zugenäht und sich ein Ohrläppchen abgeschnitten hat. Mit Selbstverstümmelung gegen Putins »großmachtgeilen Zarismus« (Silajew).

»Gebt mir ein Leitbild!« hieß es vor Jahrzehnten leitmotivisch in der Volksbühne, ein Slogan der verrufenen slowenischen Gruppe »Laibach« - jetzt steht überm Portal des Theaters: »Erobert euer Grab!« Aischylos. Philosophien helfen, es in der Welt auszuhalten, aber sie helfen auch, die Welt zu verlassen. Wenigstens alle fade Ordnung. Das Porträt des Hasses als assoziativer Hardcore-Beitrag auf dem Konto einer neuen, notwendigen »Weltbank der Dissidenz« (Peter Sloterdijk).

DJ Stalingrad: Kunst offeriert das Böse, das Obszöne - bleibt nur so jene Triebkraft in uns wach, die uns mit Träumen vom ganz anderen Leben versorgt? Das ganz andere Leben. Wie zur Bekräftigung taucht, in schickem Mantel, Döblins Franz Biberkopf auf. Der hat nur einen Arm und klimpert trotzdem Gitarre. Das ist das Trotz alledem! des modernen besänftigten Arbeiterklässlers: Beruhige dich, tu im Rollstuhl einfach so, als gehöre dir der Mount Everest. Zynismus kann berlinisch keck und zauberhaft sein. Und auf der Leinwand sehen wir Tscheburaschka und das singende Krokodil Gena. Klassik des sowjetischen Zeichentrickfilms. So lieblich das Bild, so lieblich die Lüge, ein Raubtier hebe seine Zähne nur zum Singen.

Nächste Vorstellungen: 1. und 9.4. (je 21.30 Uhr), 23.4. (22.30 Uhr)

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