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Die LPG - Fluch und Segen zugleich

Drei ostdeutsche Bauern erinnern sich an Vorbehalte und Vorteile der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften

Der Titel provoziert. Das soll er auch. Je nachdem, auf welcher Seite der Leser steht, territorial oder ideologisch, wird er für oder gegen diese Etappe deutscher Geschichte streiten. Es geht um die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, die LPG, die jahrzehntelang die Agrarwirtschaft im Osten Deutschlands, in der DDR prägten. Und die auch heute noch Verleumdung und Anfeindung zum Trotz in den Agrargenossenschaften und anderen Gemeinschaftsformen weiterleben.

Katrin Rohnstock hat drei Autoren gewonnen, die aus ihren Erfahrungen berichten, wie der Weg vom Einzelbauern zum vollgenossenschaftlichen Dorf verlief. Sie wollte wissen, was die LPG »produktiv, menschenfreundlich und modern gestaltet« hat. Und geschah dies durch Zwang, durch Überredung oder durch Überzeugung? Waren die LPG nur eine Illusion oder sind sie zukunftsträchtig?

Die drei Autoren, Bernd Büttner und Ernst Junghanns aus dem Thüringischen und Hans Müller aus dem Mecklenburgischen, wurden in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren. Sie wuchsen auf Bauernwirtschaften zwischen elf und 24 Hektar auf, die lange in Besitz der Familien waren. Alle drei sind glaubhafte Zeitzeugen. Sie erzählen vom ostdeutschen Nachkriegsalltag, von Ablehnung, Vorbehalten und Ängsten ihrer Eltern gegenüber der kollektiven Arbeit, langsam wachsender Einsicht und endgültigem Ja zur LPG. Da sieht man über manch vereinfachte oder gar schöngefärbte Darstellung hinweg.

Büttner erkannte schon 1955 nach dem Erwerb des Fachbriefes als Landwirt, dass man als Kleinbauer mit elf Hektar »nie würde gut leben können«, erst recht nicht bei rückständiger Arbeitsweise. Dennoch lehnten in den Gemeindeversammlungen Anfang der 1950er Jahre viele Bauern die LPG strikt ab. »Jeder hing an seiner Scholle.« Später war es oft nicht die Einsicht in die gesellschaftliche Entwicklung, sondern die schwere und für die Familien uneffektive Arbeit, die Bauern zur Gemeinschaftsarbeit trieb. Zuerst gingen die Schwächsten in die LPG. »Meinen Kindern zuliebe treten wir der LPG bei«, hörte Büttner vielfach. Die Kinder sollten es leichter haben.

Junghanns' Vater, ein Großbauer, galt als »Klassenfeind«. Die Familie befürchtete durch die gegenüber Kleinbauern weitaus höheren Ablieferungspflichten und die bevorzugte Hilfe für die ersten LPG den eigenen Ruin. So wurden Vater, Mutter und Sohn Mitglieder der LPG Kauern/Niederpöllnitz. Sie brachten solide Kenntnisse und Fleiß ein. Die Genossenschaft gehörte bald zu den erfolgreichsten. Erst Fluch, dann Segen - so empfand die Junghanns-Familie die LPG.

Und wie verhielt es sich nun mit der »Zwangskollektivierung«? Noch heute wird dieser ideologische Kampfbegriff kolportiert. Das Buch gibt ehrlich Auskunft: Auch wenn die Bauern ihren Grund und Boden zum gemeinsamen Bewirtschaften einbrachten, so blieben sie doch eingetragene Eigentümer ihres Landes. Gewiss waren die vielen Agitatoren nervig, vor allem jene, die in der letzten Etappe der sozialistischen Umgestaltung mit Lautsprechern die Dorfbevölkerung beschallten. Angesprochen wird hier auch die Drangsalierung und die Flucht Tausender Bauern in den Westen. Es gab unbestreitbar Zwang, um der Gemeinschaft Willen.

Sind die Agrargenossenschaften ein Zukunftsmodell? Ein kluger Mann hat einmal gesagt, Genossenschaften seien ein wohltuendes Korrektiv in einer Ellenbogengesellschaft. Gegenwärtig bewirtschaften 1000 Agrargenossenschaften erfolgreich noch 23,7 Prozent der ostdeutschen Agrarfläche. Traurige Realität in der Bundesrepublik ist jedoch: 136 000 kleine und mittlere Bauernwirtschaften mussten von 2003 bis 2013 zwangsweise, aus ökonomischer Not, ihre Hoftore für immer schließen.

Bernd Büttner/Ernst Junghanns/ Hans Müller: LPG - Zwangskollektivierung oder Zukunftsmodell. Edition Berolina. 160 S. br., 9,99 €.

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