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Empathie mit Abgehängten gefragt

Die frühere Berliner Staatssekretärin Susanne Ahlers ist neue Leiterin des Bremer Jobcenters

  • Von Alice Bachmann, Bremen
  • Lesedauer: 3 Min.
Bremen hat im Ländervergleich eine der höchsten Arbeitslosenquoten. Die neue Geschäftsführerin des Jobcenters steht vor entsprechend großen Herausforderungen.

»Empathie für Arbeitslose« war das entscheidende Stichwort in Bremens Stellenanzeige, mit der ein neuer Kopf des hansestädtischen Jobcenters gesucht wurde. Susanne Ahlers (parteilos), ehemalige Berliner Staatssekretärin für Arbeit und Frauen, fühlte sich angesprochen, bewarb sich und wurde genommen.

Nun ist sie Chefin von sechs über das Stadtgebiet verteilten Geschäftsstellen mit 900 Angestellten, weitere 100 sollen demnächst hinzukommen. Ahlers’ Empathie-Vorrat sollte groß sein, denn er muss reichen für rund 75 000 Kunden, wie die Bremer Hartz-IV-Abhängigen in der Jobcenter-Sprache heißen.

Entsprechend groß ist der Etat, den die Neubremerin, die in der Hansestadt an der Weser Politik studierte, vorfindet. Vergangenes Jahr gab das städtische Jobcenter etwa 380 Millionen Euro für lebensunterhaltssichernde Leistungen aus sowie 45 Millionen für Eingliederungsmaßnahmen.

Für Ahlers, die nach ihrer Berlin-Station unter anderem eine Coaching-Agentur für Führungskräfte leitete, ist außer ihrer alten Studienstadt alles neu, und damit genau das, was sie wollte. Nicht mehr nur vom Spielfeldrand anderen Tipps zurufen, sondern selber aktiv mitmachen, erklärte sie vor der Presse.

Das wird sie nun - sofern sie und der rot-grüne Bremer Senat gemeinsam durchhalten - die kommenden fünf Jahre tun. In einer Stadt, in der seit Jahren deutschlandweit die höchsten Löhne und Gehälter gezahlt werden; in der es aber auch eine hohe Arbeitslosenquote und eine große Anzahl schwieriger bis hoffnungsloser Fälle gibt.

Ein besonders gravierendes Problem verbirgt sich hinter der Zahl von rund 4000 Menschen unter 28 Jahren, die keine Berufsausbildung, zum großen Teil nicht einmal einen Schulabschluss und oft auch keine Arbeitserfahrung haben. Die Arbeitslosigkeit - zurzeit fast elf Prozent - ist in der Weser-Stadt so verfestigt, dass viele der jungen Menschen bereits in zweiter oder gar dritter Generation von staatlichen Leistungen abhängig sind.

Entsprechend nannte Ahlers eines ihrer Ziele, in Bremen Kindern und Jugendlichen die Selbstverständlichkeit nahe zu bringen, für den eigenen Lebensunterhalt zu arbeiten. Einher geht dieses Phänomen mit der ebenfalls besonders hohen Zahl alleinerziehender Frauen unter den »Langzeit-Kunden« des Bremer Jobcenters.

Neben der besonderen Förderung junger Menschen und Alleinerziehender wird auf Ahlers eine noch nicht ganz abzuschätzende Aufgabe zukommen. Denn in den bisherigen Zahlen sind noch nicht die im vergangenen Jahr in Bremen angekommenen Flüchtlinge enthalten. Es waren rund 10 000. Dazu kommen noch ein paar Tausend unbegleitete minderjährige Ausländer. Ihre genaue Zahl kennt in Bremen niemand. Die Frage, wer dafür die Verantwortung trägt, ist ein Bremer Dauerstreit.

Ahlers soll entsprechend dem erweiterten »Kundenkreis« Mittel bekommen. Schwieriger wird es sein, wie sie realistisch einschätzt, Schul- und Arbeitsplätze sowie geeignete Jobcenter-Mitarbeiter zu finden. In diesem Bereich ist der Markt wie leer gefegt.

Angesichts der Herausforderungen gibt sich Ahlers zuversichtlich und betont die zweite, ihr ebenso wichtige Seite ihrer Aufgabe. Die Arbeitsbedingungen im Jobcenter verbessern, Überstunden abbauen, Fallzahlen verringern, Fort- und Weiterbildungen fördern. Ahlers will mehr Zufriedenheit auf beiden Seiten des Schreibtisches.

Für all das will sich die Neubremerin mit allen Parteien auf dem Arbeitsmarkt vernetzen. Einen Termin mit der mächtigen Bremer Handelskammer hat sie bisher noch nicht.

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